Die Presseschau von Samstag, dem 28. Dezember 2019

Die Zeitungen ziehen heute schon eine Bilanz des ausklingenden Jahres. "Wut", "Klima" und "Irrsinn" sind Worte, die immer wieder auftauchen. Aber auch die Lebensfähigkeit einer deutschsprachigen Region wird untersucht.

Remco Evenepoel (Bild: Yorick Jansens/Belga)

Remco Evenepoel (Bild: Yorick Jansens/Belga)

„Die Gewinner und Verlierer von 2019“, titelt Le Soir. „2019 war ihr Jahr“, schreibt Het Nieuwsblad auf Seite eins. Einige Zeitungen ziehen schon heute eine Bilanz des ausklingenden Jahres.

Auf der Titelseite von Le Soir sieht man die Sängerin Angèle, die Radsport-Hoffnung Remco Evenepoel und die Fußball-Ikone Vincent Kompany, aber auch Sophie Wilmès, die ja in diesem Jahr die erste Premierministerin des Landes geworden ist, Prinzessin Elisabeth, die in diesem Jahr 18 Jahre geworden ist und Stéphane Moreau, der in diesem Jahr seinen Posten bei Nethys verloren hat. Er dürfte wohl zu den Verlierern dieses Jahres zählen.

Auf der Titelseite von Het Nieuwsblad sieht man auch schon wieder Remco Evenepoel. Dem 19-Jährigen wird eine große Zukunft vorhergesagt. Neben ihm zu sehen ist die Turnerin Nina Derwael, die bei den Olympischen Spielen in Tokio eine Medaille anpeilt.

Andere Zeitungen ziehen gleich die Bilanz des Jahrzehnts. De Standaard etwa bringt eine Sonderbeilage, die die letzten zehn Jahre Revue passieren lässt. Titel des 80 Seiten starken Heftes: „Das Jahrzehnt der Wut“.

La Libre Belgique erweitert noch den Fokus und schaut auf die ersten 20 Jahren des Jahrhunderts. Mit einer besorgniserregenden Feststellung: „2000-2020: die beiden wärmsten Jahrzehnte, die jemals in Belgien gemessen wurden“, schreibt das Blatt auf Seite eins.

Passiert ist viel, geschehen aber nur wenig

Dazu passt der Leitartikel von De Standaard. „Es ist unverkennbar, dass der Wahnsinn im Begriff ist, den gesunden Menschenverstand zu verjagen“, meint das Blatt. Wie etwa ist es möglich, dass wir trotz aller Beweise und Fakten die Klimaproblematik so lange und so konsequent unterschätzt haben? Wie konnten wir es zulassen, dass die Beziehung zwischen dem Bürger und dem Staat so schlecht werden konnte, dass Zukunftsängste jetzt in Wut umschlagen?

Wir haben zugeschaut, wie sich das, was wir vor zehn Jahren noch „Irrsinn“ genannt hätten, seinen Weg gebahnt hat. Zum Beispiel, dass ein Land aus lauter Sturheit irgendwann beschließt, die EU zu verlassen. Oder, dass eine Supermacht wie die Vereinigten Staaten geführt wird von einem narzisstischen Twitter-Psychopathen. Oder, dass das Dogma eines möglichst barrierefreien Welthandels verdrängt wird durch Protektionismus. Auf all das haben wir gerade keine Antwort parat.

Das GrenzEcho macht eine ähnliche Analyse, bezieht die aber vor allem auf 2019. In diesem Jahr ist viel passiert, aber nichts geschehen, meint das Blatt. Dass in Syrien wieder Menschen auf der Flucht sind, das hat man schon zig-mal gehört. Dass neue Rekordtemperaturen und ein weiterer Anstieg des CO2-Ausstosses erwartet werden, auch das ist nichts Neues. Und dass die Zustände unter anderem in den griechischen Flüchtlingslagern katastrophal sind, auch das ist ein Déjà-vu.

Es passiert viel, aber es ändert sich nichts. Dass die EU immer noch keine gemeinsame Lösung für die Flüchtlingsproblematik hat, das ist eine Bankrotterklärung. Und es ist eine Schande, dass ein christlich-humanistisch geprägter Kontinent nicht mehr die Menschlichkeit aufbringen kann, elternlose Flüchtlingskinder zu retten.

„Der Ton macht die Musik“

Het Laatste Nieuws beschäftigt sich mit der Klimaproblematik. Und der Leitartikler übt sich in Selbstkritik. Wenn der 93-jährige Tierfilmer und Naturschützer David Attenborough vor den Folgen des Klimawandels warnt, dann akzeptiere er das. Wenn die 16-jährige Greta Thunberg exakt das gleiche sagt, dann schüttle er mit dem Kopf. Wenn Greta mit bebender Stimme beklagt, dass man ihr und ihrer Generation die Zukunft gestohlen hat, dann sei seine spontane Reaktion: „Verwöhntes Gör“. Wenn die 85-jährige Jane Goodall, die Schutzheilige der Schimpansen wortwörtlich dasselbe sagt, nämlich dass wir die Zukunft unserer Kinder gestohlen haben, dann denke er: „Wie recht die Dame doch hat“.

Offensichtlich gehöre er also zu der Kaste jener ängstlichen, weißen Männer höheren Alters. Es mag aber auch die Art und Weise sein, wie man die Botschaft herüberbringt: Der Ton macht die Musik. Genau dieser Ton wird für die nächsten Jahre und Jahrzehnte entscheidend sein.

Negativzinsen für Sparbücher?

Einige Blätter kümmern sich aber auch ums „Tagesgeschäft“. „Die belgischen Banken wollen keine Zinsen mehr auf Sparbücher bezahlen“, meldet etwa Het Laatste Nieuws. Im Moment beläuft sich der gesetzliche Mindestzinssatz auf 0,11 Prozent. „Doch auch das sei noch zu viel“, sagen die Banken. Sie plädieren für Nullzinsen. Sogar Negativzinsen sollen möglich sein – dann würden wir also draufzahlen.

„Die belgischen Terrorismus-Akten sind auf dem niedrigsten Stand seit 2012“, schreibt derweil De Tijd. Die föderale Staatsanwaltschaft musste in diesem Jahr nur 90 neue Terrorismus-Akten öffnen. Zum Höhepunkt der terroristischen Bedrohung im Jahr 2015 waren es noch über 300.

Der Föderalprokurator Frédéric van Leeuw glaubt an die Effizienz seiner Staatsanwaltschaft und seiner Ermittler: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir noch einmal mit einer so strukturierten Organisation konfrontiert sein werden wie der, die hinter den Anschlägen von Paris und Brüssel steckte.

Belgien zu viert – das lesbarere Modell

La Libre Belgique stellt sich heute die Frage, ob ein „Belgien zu viert“ wirklich realistisch wäre. Die Zeitung hat den bekannten Uni-Professor Giuseppe Pagano darum gebeten, ausdrücklich auch die Lebensfähigkeit einer deutschsprachigen Region zu untersuchen.

Pagano ist Spezialist für öffentliche Finanzen an der Universität von Mons. Sein Urteil: In der Praxis würde sich nicht viel verändern. Natürlich wäre eine deutschsprachige Region besonders klein. Doch wenn sie als Gemeinschaft überleben kann, dann besteht kein Grund, dass das nicht auch für eine Region gelten würde.

Ein Belgien zu viert, also bestehend aus vier Regionen, nämlich Flandern, der Wallonie, Brüssel und einer deutschsprachigen Region, dieses Belgien zu viert wäre jedenfalls ein viel einfacheres und auch lesbareres Modell.

Roger Pint

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