Kommentar: Hätte, hätte, Fehlerkette

Die Hochwasserkatastrophe vom Juli 2021 ist nicht nur vielen Menschen in Erinnerung geblieben. Die Folgeschäden kann man in vielen Orten im In- und Ausland bis heute sehen. Rund sechs Monate lang hat ein Untersuchungsausschuss im Parlament der Wallonischen Region die katastrophalen Ereignisse des letzten Sommers ergründet. Rausgekommen sind 161 Empfehlungen, mit denen die Regierung um Elio Di Rupo jetzt arbeiten kann. Ein großes Kapitel ist auch den Talsperren gewidmet.

BRF-Redakteur Manuel Zimmermann

BRF-Redakteur Manuel Zimmermann (Bild: Achim Nelles/BRF)

Über 220 Tote in Europa, unzählige Verletzte und Traumatisierte, tausende beschädigte Betriebe und zigtausende zerstörte Wohnungen. Ein geschätzter Gesamtschaden von 46 Milliarden Euro. Nach Schadenssumme die weltweit zweitteuerste Naturkatastrophe des Jahres 2021, nach dem Hurrikan Ida.

Die Ursache: Eine Wasserbombe, die ganze Landstriche über Nacht gezeichnet – ja im wahrsten Sinne des Wortes – mitgenommen hat. Der Deutsche Wetterdienst bezifferte die Wiederkehrzeit eines solchen Ereignisses auf mehr als 100 Jahre und möglicherweise sogar 1.000 Jahre.

Und mittendrin im Geschehen eine Talsperre, die dieser Naturkatastrophe recht unbeschädigt getrotzt hat.

Je näher man sich nach der Hochwasserkatastrophe dem Einzugsgebiet des Eupener Wesertals näherte, fanden sich aber immer mehr Menschen, die der Eupener Talsperre die tragende Hauptrolle in der Ereigniskette zuordneten.

Vereinzelte Ansichten, dass es vielleicht noch schlimmer hätte kommen können, wenn es gar keine Talsperre gäbe, blieben da eher ungehört.

Man muss aber nicht um den heißen Brei reden. Dass in den 161 Empfehlungen des Untersuchungsausschusses den Talsperren ein ganzes Kapitel gewidmet ist, beweist schon, dass verwaltungs- und operationstechnisch vieles besser gemacht werden kann und muss.

Konkret: Bei solch einem imposanten, strategischen und nutzbringenden Bauwerk darf nicht nur die Funktion der Trinkwasserspeicherung und -versorgung eine Rolle spielen. Und zum „besser machen“ zählt laut Empfehlungen auch, dass man bestimmte Maßnahmen „überhaupt“ ergreift. Demnach sollte die Eupener Talsperre unter anderem alle fünf Jahre einem Stresstest unterzogen werden.

Egal wie der aussehen würde: Wer möchte nicht wissen, ob ein Gebäude dieser Bedeutung, das im Grunde für die Ewigkeit gebaut wurde, nicht doch wie ein Atomkraftwerk ein Verfallsdatum hat? Die Aufsichtsverantwortlichen sind da jedenfalls gut beraten, das verlorene Vertrauen wieder zu gewinnen.

So manch einer mag über die Empfehlungen des Untersuchungsausschusses enttäuscht sein, weil man sich gewünscht hätte, dass Ross und Reiter genannt werden, oder noch besser: Köpfe rollen. Denn wo man etwas besser machen kann, muss doch irgendjemand etwas schlecht gemacht haben, wenn nicht sogar Menschenleben auf dem Gewissen haben.

Wem das die größte Sorge ist, der kann seine Hoffnung auf die Lütticher Staatsanwaltschaft setzen, die dieser Frage ja weiterhin nachgeht.

Wer aber im Nachhinein wirklich klüger sein möchte, darf sich nicht nur auf die „Hätte, hätte, Fehlerkette“ konzentrieren. Einen Sündenbock finden, um die Gemüter zu beruhigen, mag verlockend sein, bringt uns aber nicht wirklich weiter.

Nicht einmal die PTB, die als Daueropposition nicht im Verdacht steht, einen eigenen Minister oder genehme Kollegen in der Verwaltung schützen zu müssen, sieht eine direkte politische Verantwortung. Schuld sei vielmehr eine jahrzehntelange Sparpolitik.

Ob nun mehr Zeit oder Geld investiert wird: Die Politik wird ihr Handeln daran messen lassen müssen, wie sie solche Katastrophen in Zukunft verhindern kann.

Da gibt es einfache und schwere Lösungen. Man kann darauf wetten, dass Hochwasserwarnungen jetzt ernster genommen werden. Genauso die Rettungsdienste, die Material brauchen, mit dem man auch retten kann und nicht erst sein eigenes Leben gefährdet.

Eine Überarbeitung und Vereinfachung der Befehlsketten liegt auch nicht im Bereich des Unmöglichen. Denn wenn Lokalpolitiker bei Katastrophen auf Anweisungen von höherer Stelle warten müssen, obwohl sie die Lage in ihrer Gemeinde selbst viel besser bewerten können, dann ist das alles andere als effizient.

Richtig schwer wird es, wenn die Politik harte und unangenehme Entscheidungen darüber treffen muss, wie wir zukünftig in Wassernähe leben, arbeiten und bauen dürfen.

Wenn man selbst betroffen ist, hofft man schnell, dass jemand bei den Regeln mal ein Auge zudrückt. Das ist verlockend, wenn man darauf setzt, dass sich eine Katastrophe dieser Art tatsächlich erst wieder in 100 oder gar 1.000 Jahren ereignet. Wenn nicht, wird es schnell wieder heißen: Hätte, hätte …. Kein Esel stößt sich zweimal am selben Stein. Hoffentlich wissen auch wir es jetzt wirklich besser.

Manuel Zimmermann