Kommentar: Die Impffreiheit

Der Konzertierungsausschuss hat also einen umfangreichen "Sommerfahrplan" verkündet. Ab Mitte August soll es auch wieder Festivals geben mit mehreren tausend covid-safe-geprüften Besuchern. Das oder auch die Aussicht auf Public-Viewing bei der EM ab Juni treibt nicht nur Virologen Schweißperlen auf die Stirn. Eine Diskussion über Sonderrechte für Geimpfte und Genesene soll es in Belgien aber nicht geben.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Pure Ausgelassenheit. Das ist es, was die Teilnahme an einem Sommerfestival ausmacht. Oder das sogenannte Rudelgucken von Fußballspielen. Und da könnte einem dann doch etwas mulmig werden, wenn plötzlich alle bislang geltenden Vorbehalte über Bord geworfen werden.

Immerhin: Es wird auch weiterhin zur Vorsicht gemahnt. Nur, wie soll die aussehen nach dem soundsovielten Bierchen – und wie erst beim Siegtreffer der Roten Teufel im EM-Halbfinale? Gut, das war jetzt wirklich etwas voreilig.

Manch einer dürfte sich am Dienstag verwundert die Augen gerieben und die Ohren gespitzt haben, als für die kommenden Wochen und Monate die Lockerungsschritte beschrieben wurden – ein Ausstiegsplan mit Siebenmeilenstiefeln.

Das gute Fortschreiten der Impfkampagne macht es möglich. Auch wenn es da noch klare Unterschiede gibt, regional und bis hinunter in einzelne Viertel. Die Deutschsprachige Gemeinschaft darf sich hier (mal wieder) in der Rolle des guten Schülers sonnen.

Von diesem Fortgang hänge auch die Umsetzung des Plans ab, hieß es. Wobei es kein Vertun gibt: Je mehr und besser die Impfung vor einer schweren Erkrankung an Covid-19 schützt, desto weniger Patienten in den Krankenhäusern und auf den Intensivstationen – und das ist von Anfang an die Richtschnur für das politische Handeln in Corona-Zeiten.

Jenseits des Atlantiks sind sie jetzt schon so weit, dass „voll Geimpften“, wie es heißt, sogar das Tragen des Mundnasenschutzes weitgehend erlassen werden soll. „Vaxxed or masked“ – „Geimpft oder mit Maske“ hat es US-Präsident Joe Biden typisch amerikanisch auf den Punkt gebracht. Wobei das nicht auf ungeteilte Zustimmung trifft.

Daraus einen sozialen Druck herzuleiten, als Argument dafür, sich gerade nicht impfen zu lassen, ist aber zu einfach. So etwas wäre der Fall, wenn der gemeinsame Restaurantbesuch vom Impfnachweis abhinge … oder der Gang zum Friseur. Das würde ja nicht nur diejenigen in missliche Situationen bringen, die sich nicht impfen lassen wollen, sondern auch diejenigen, die es aus medizinischen Gründen nicht können.

Eine solche Diskussion wollen De Croo & Co ebenso vermeiden wie die um eine weitere Impfpriorisierung: Wenn demnächst sowieso alle ein Impfangebot bekommen haben, erübrigt sich die Frage. Und gegen einen gutgemeinten Appell ist nun wirklich nichts einzuwenden. Das Covid-Safe-Ticket für Festivals oder das grüne Reisezertifikat in der EU lassen sich auch über Tests erreichen.

Die Impfung bleibt letztlich eine persönliche Entscheidung. Und weil es hier um ein Virus geht, lassen wir an dieser Stelle doch noch einmal einen Virologen zu Wort kommen. Christian Drosten, der seit Beginn der Pandemie eher als Mahner und Warner auftritt, zeigte sich im Podcast „Coronavirus-Update“ des NDR zuversichtlich.

Das Virus werde zwar „nicht weggehen“. Aber die Bevölkerung in Deutschland werde ungefähr in den kommenden anderthalb Jahren immun – durch Impfung oder durch natürliche Infektion. Daran werde niemand vorbeikommen, zumal die Schutzmaßnahmen mit der Zeit immer weiter zurückgefahren würden – „zum Glück“, fügt Drosten noch hinzu.

Das habe nichts mit „Impfpflicht“ oder irgendeiner Art von ethischer Debatte zu tun. Aber, so der Virologe „ohne jede Wertung“: Wer sich aktiv gegen die Impfung entscheide, entscheide sich auch für die natürliche Infektion. Es bleibe eine freie Entscheidung.

Stephan Pesch

5 Kommentare
  1. Dieter Leonard

    Und wer sich für die natürliche Infektion entscheidet sollte auch „ohne jegliche Wertung“ wissen, dass das Risiko einen schweren Verlauf zu erfahren oder gar an einer „natürlichen Infektion“ zu sterben um – je nach Alter – bis zu 10.000 mal höher ist als schwerwiegende Nebenwirkungen einer Impfung zu erleiden.
    Mit Wertung könnte man auch sagen: schön blöd muss man sein.

  2. Marcel Scholzen Eimerscheid

    Der letzte Satz im einleitenden Artikel ist etwas unglücklich ausgedrückt. „Sonderrechte“ sind nichts anderes als die gewöhnlichen Bürgerrechte, wie vor Ausbruch der Pandemie. Es geht also nicht um die Gewährung von Sonderrechte, sondern nur um die Rückkehr zum Mormalzustand.

  3. Dirk Eschweiler

    Sehr geehrter Herr Leonard, wir wären wirklich sehr an weiteren Informationen interessiert. Könnten Sie uns bitte informieren wie Sie auf den Faktor 10.000 kommen ? Sie scheinen sich sehr im Detail mit der Thematik beschäftigt zu haben. Das würde uns bei der Impfentscheidung wirklich sehr weiterhelfen. Vielen Dank

  4. Joseph Michels

    Sehr geehrter Herr Leonard. Chapeau!
    Mal soeben (mit ihrem letzten Satz) auf die Schnelle knapp 40 Prozent aller frankophonen Mitbürger zu Deppen zu erklären, weil die sich nicht impfen lassen wollen, das bekommen nur Sie in Ihrer Allwissenheit hin.

  5. Uwe Chemnitz

    @Herr Michels: Hat Herr Leonhard ein EINZIGES Mal Wallonen zu Deppen erklärt???
    Sie schreiben so als wirft man hunden den Brocken vor die Füße..nun friss das…
    Man benötigt keine Allwissenheit, um zu realisieren….das es eventuell doch besser ist,
    sich impfen
    zu
    lassen
    bevor man auch ohne Allwissenheit ganz jämmerlich dran verrecken kann.
    Danke.