Kommentar: Wer hat das Patentrezept?

Die Impfkampagne gegen das Coronavirus macht hierzulande weiter Fortschritte. Gleichzeitig wirft die Situation in Ländern wie Indien die Frage auf, wie der Pandemie weltweit beizukommen ist. Angesichts der ungleichmäßigen Verteilung der Impfstoffe fordern Schwellen- und Entwicklungsländer dazu auf, die Patente zeitweise auszusetzen, um selbst produzieren zu können. Wer verfügt hier über das Patentrezept?

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Es hat sich vor fast 60 Jahren so abgespielt: Ein Monteur der Firma Junker aus Lammersdorf brachte aus Indien die hochansteckenden und gefährlichen Pocken mit. Das fiel erst gar nicht auf, Weihnachten stand vor der Tür, in der Familie und mit den Kollegen wurde fröhlich Wiedersehen gefeiert. Es folgte ein Zusammenspiel von Fehleinschätzungen, Ignoranz und Leichtfertigkeit. Erst Wochen später wurde reagiert – nun drastisch mit Quarantäne, Ausgehverbot, Grenzschließungen.

Diese wahre Geschichte hat den Schriftsteller Steffen Kopetzky zu seinem lesenswerten Roman „Monschau“ inspiriert, der vor ein paar Wochen erschienen ist. Auslöser, das Buch zu schreiben, war für ihn ursprünglich gar nicht die Corona-Pandemie, auch wenn die Parallelen zwischen der Reaktion der Menschen damals (mit den Pocken) und heute (mit Covid-19) frappierend sind. Ein regelrechtes Lehrbeispiel.

Aus der Beschäftigung mit dem Stoff zieht der Autor Kopetzky den mutmachenden Schluss: Durch gemeinsames Handeln hat es die Menschheit geschafft, die Pocken mit Hilfe eines Impfstoffs auszurotten.

Ob das mit Sars-CoV-2 gelingen wird, steht in den Sternen. Eines ist aber jetzt schon klar: Wenn jeder nur auf sich guckt, wird’s nicht klappen.

Hierzulande ist das Frühlingserwachen spürbar: Immer mehr Menschen aus den Hauptrisikogruppen sind geimpft, andere, auch „Mittvierziger“, wundern sich, dass sie schon so schnell an der Reihe sind. Und das Tempo nimmt noch zu. Nach Angaben der Impf-Task-Force sind im April mehr Menschen geimpft worden als in den ersten drei Monaten zusammen. Und auch diese Kurve wird weiter ansteigen. Das haben die Modelle übrigens von Anfang an gezeigt – als flinke Rechner die Durchimpfungsrate, die für die sogenannte „Herdenimmunität“ vorausgesetzt wird, erst im nächsten oder übernächsten Jahr erreicht sahen. Nach der Methode: ich hab‘ das schnell mal durchgerechnet …

Mit der Prognose dürften sie aber gar nicht so falsch gelegen haben, wenn wir auf die Weltbevölkerung schauen. Während in den reichen Industrienationen mittlerweile im Schnitt jeder Vierte geimpft wurde, ist nicht mal ein Prozent der verfügbaren Impfdosen in Niedriglohnländer gegangen.

Umgekehrt produziert ein Schwellenland wie Indien, das seit Jahrzehnten Impfstoffe gegen Masern, Röteln, Polio oder Tollwut in großen Mengen und relativ kostengünstig herstellt, auf Hochtouren den Covid-Impfstoff von Astrazeneca. Und kommt bei der eigenen, großen Bevölkerung nicht hinterher.

Innerhalb der Welthandelsorganisation wächst der Druck, über eine zeitweilige Freigabe von Impfstoff-Patenten zu diskutieren. Schon im Oktober haben Indien und Südafrika einen Antrag gestellt, mehr als 100 Nationen stehen dahinter und jede Menge nicht profitorientierte Organisationen. Diejenigen, die das Sagen haben, wie die USA und die EU, wollen sich aber nicht darauf einlassen: Sie sehen (auch mit Blick auf mögliche künftige Pandemien) im Schutz des geistigen Eigentums eine Voraussetzung dafür, dass Pharmafirmen überhaupt bereit sind, in die Entwicklung neuer Impfstoffe zu investieren. Darum setzen sie auf freiwillige Lizenzverträge von Impfstoffentwicklern mit anderen Herstellern oder gegebenenfalls auf nationale Zwangslizenzen.

Bei der Aids-Pandemie hat das vor allem in Afrika nicht wirklich funktioniert. Dort bekam man die Krise erst nach dem Auslaufen der Patente in den Griff. Bei den Pocken war das koordinierte, gemeinsame Handeln die Lösung.

Angesichts der schon bekannten und noch zu erwartenden Varianten des Sars-CoV-2 sollte aber klar sein: Auf Zeit spielen ist kein Patentrezept.

Stephan Pesch

6 Kommentare
  1. Maeggy Rossberg

    Die Schwellenländer,sollten Zugang zur Impfstoffproduktuon erhalten.
    Eine Menscheitspandemie kann nur gestoppt werden wenn die ganze Menschheit geimpft werden kann.

    SOLIDARITÄT ist hier gefragt. Diese Tugend ist leider aus der Mode gekommen.

    Ich hoffe das dies weltweit in das Bewusstsein der Verantwortlichen eindringt sonst sehe ich schwarz . Denn nach der Pandemie ist vor der Pandemie

  2. Rudolf Kraffzick

    Ist alles Definitions- und Glaubenssache. Wer an die WHO (Weltgesundheitsorganisation) glaubt, glaubt auch, dass Pandemie dasselbe wie frueher Epidemie oder Seuche ist, mit erheblicher Uebersterblichkeit. Doch die herabgesenkten Kriterien der WHO (Pandemie = nur weltweite Verbreitung von Krankheitserregern) und der Begriff Pandemie erlauben es Pharma, unkritischen Journalisten und Politik, Angst zu schueren und diktatorische Sondermassnahmen zu propagieren und durchzusetzen.
    Als Kind wurde ich geimpft und bekam trotzdem Masern und Keuchhusten.

  3. Marco Jacobs

    Nicht alle Schwellenländer haben große Corona Probleme. In den meisten afrikanischen Ländern wird Impfstoff gegen andere Krankheiten mehr gebraucht als gegen Corona. Pocken, Gelbfieber,…. Diese Krankheiten werden im Moment vergessen. Corona ist dort bisher noch kein großes Thema, das Leben geht dort normal öffentlich weiter.

  4. Dieter Leonard

    @Rudolf Kraffzick

    Selbstverständlich hat es während der 1. und 2. Welle in zahlreichen Ländern (u.a. Belgien) eine erhebliche Übersterblichkeit gegeben.
    Diese fiel nur wegen der „diktatorischen Sondermaßnahmen“ nicht noch höher aus.
    „Diktatorische Sondermaßnahmen“, die notwendig waren, weil die Einsicht eines Teiles der Bevölkerung nicht ausgereicht hat, Kontakte einzuschränken.

    Dass Sie trotz Impfung als Kind sowohl an Masern als auch an Keuchhusten erkrankt sind, ist bedauerlich. Den überwiegende Teil der Geimpften, aber auch diejenigen, die sich nicht impfen lassen konnten, hat die Impfung vor Erkrankung und möglichen Folgeschäden geschützt.

    Bei Sars-Cov2 ist es nicht anders. Es werden auch einzeln geimpfte Menschen erkranken und Todesfälle werden nicht gänzlich auszuschließen sein.
    Falls sich ein Großteil der Bevölkerung jedoch impfen lässt, wird es gelingen, die Pandemie einzudämmen und viele Menschenleben zu retten.

    Dass dies nicht nur Propaganda der „Pharma, der Politik und unkritischer Journalisten“ ist, zeigt die Entwicklung in den Ländern, die neben „diktatorischen Maßnahmen“ in ihrer Impfkampagne weit fortgeschritten sind.

  5. Marco Jacobs

    Ihren Impfoptimismus in Ehren, in einem Altenheim in der Region ist wieder Besuchsverbot obwohl mehr als 96% der Bewohner und ein großer Teil des Personals mit 2 Dosen geimpft sind. Übrigens gibt es auch Länder ohne Impfung in denen die Situation entspannt ist. Das Wort Propaganda ist angebracht, die meisten, wie auch Sie Argumentieren undifferenziert. Vor Coronna sind nicht alle Altersgruppen gleich. Das Risiko variiert um mindestend einen Faktor hundert, also zwei Grössenordnungen. Eine Impfung ist immer eine Abwägung die jeder sorgfältig mit seinem Arzt abklären sollte. Ein Impfstoff ist kein Bonbon. Und was uns das ganze bringt sehen wir kurzfristig im Herbst. Die Zahlen verbessern sich jetzt bestimmt, war letztes Jahr auch so. Und in 5 bis 10 Jahren sehen wir dann auch ob die Impfstoffe sicher sind. Aber gewisse Leute haben eine Glaskugel, die wissen alles jetzt schon.

  6. Norbert Schleck

    @Kraffzik

    „Epidemie“ = „ein zeitlich und örtlich begrenztes vermehrtes Auftreten von Krankheitsfällen einheitlicher Ursache innerhalb einer menschlichen Population“

    „Pandemie“= „eine neu, aber zeitlich begrenzt in Erscheinung tretende, weltweite starke Ausbreitung einer Infektionskrankheit mit hohen Erkrankungszahlen und i.d.R. auch mit schweren Krankheitsverläufen.“
    (Wikipedia)

    Corona ist ganz klar eine Pandemie,egal wie hoch oder niedrig die Sterblichkeitsrate ist.

    „Doch die herabgesenkten Kriterien der WHO…“ ???

    Nein, eine hohe Sterblichkeitsrate war bei der WHO nie Voraussetzung für „Pandemie“-Definition
    Detailliert nachzulesen auf Faktencheck.

    Es ist auch logisch, dass die Sterblichkeitszahlen nicht relevant sind, da sie zu Beginn einer Pandemie nicht abgeschätzt werden können, zumal, wenn es sich um eine neue Krankheit wie Corona handelt.

    Da erst mal genaue Erkenntnis abzuwarten, ehe man Maßnahmen ergreift, wäre eine grobe Fahrlässigkeit.

    Ein wenig Recherche wäre sehr nützlich, bevor man Unwahrheiten verbreitet.