Kommentar: Zwischen Fake-Festival und Familienfest

Mehr als 20 Festnahmen und rund drei Dutzend Verletzte, die meisten von ihnen Polizisten. Das ist die Bilanz eines "Aprilscherzes", mit dem ein kostenloses Festival im Brüsseler Bois de la Cambre angekündigt worden war. Bis zu 5.000 junge Leute waren wohl wissentlich auf den Scherz hereingefallen. Als die Polizei die Menschenansammlung auflösen wollte, kam es zu Ausschreitungen. Wahrscheinlich ein Symptom der allgemeinen Corona-Erschöpfung. Aber das sollte keine Entschuldigung sein.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Über den Sinn und Zweck von Aprilscherzen können wir unterschiedlicher Auffassung sein. Auch darüber, was sie auslösen sollen. Bei der ausgearteten „Fete“ im Bois de la Cambre gibt es aber kein Vertun: Das war einfach nur blöd. Und verantwortungslos.

Das gilt für die oberschlauen Urheber, die sich nur einen Spaß erlaubt haben wollen: mit ihrer Festival-Ankündigung von Anfang März (was, bitte, ist daran Aprilscherz?), mit dem offensichtlich gefakten Line-up um DJ Elio oder Maggie De Block und mit dem späten Einlenken am Vorabend des 1. April.

„Blöd“ und „verantwortungslos“ gilt aber auch für diejenigen, die sich auf diese durchsichtige Aktion eingelassen haben. Und wussten oder es vielleicht darauf angelegt haben, dass es aus dem Ruder laufen könnte.

Bis zu einem gewissen Grad wurde die „Schnapsidee“ ja noch vom wohlwollenden Auge des Gesetzes geduldet. Spätestens mit der Ankündigung, dass der Spaß jetzt vorbei sei, muss dann jeder verstanden haben: Schluss mit lustig. Stattdessen wird das Besäufnis im Freien als „Freiheitskampf“ hochgejubelt. Frei nach dem Motto: „April, April … jeder macht, was er will!“

Natürlich haben wir alle, platt gesagt, die Schnauze voll. Oder sind „mütend“ – eine weitere Corona-Wortneuschöpfung aus „müde“ und „wütend“, die sich in Deutschland noch rasanter verbreitet als das Virus. Damit lässt sich aber nicht alles entschuldigen. Und es genügt nicht, durch den Park zu laufen, zu grölen: „Waar is da feestje?“ und, schwupps, ist alles wieder wie früher. Wann lernen wir endlich, die Situation anzunehmen?

Auch im „gelobten Land“ Ostbelgien steigen die Corona-Zahlen wieder – entgegen oder vielleicht wegen der zuletzt spürbaren Unbeschwertheit. Ausgerechnet vor dem nächsten Familienfest: Ein Großteil der Infizierten verortet die Ansteckung im Familien- und Freundeskreis.

Im Anzeigenteil erinnern Jahresgedächtnisse an die ersten Corona-Toten in der Region. Machen wir aus dem zweiten mehr oder weniger ausgefallenen Ostern das Beste. Und zeigen wir, dass das Jahr nicht spurlos an uns vorbeigegangen ist.

Stephan Pesch

3 Kommentare
  1. Alfons.Velz

    Treffende Analyse. Leider.
    Wenn aber drei Parlamentarier hierzulande in einer Werbezeitung eine bezahlte PR-Mitteilung gegen die Impfstrategie der DG schalten, muss man sich ernsthaft die Frage stellen, ob an denen das letzte Jahr nicht – wie Sie schreiben- „spurlos vorüber gegangen ist“. Für geschichtlich Interessierte tauchen da unangenehme Bilder aus der Zeit vor 100 Jahren auf …

  2. Joseph Michels

    Sehr geehrter Herr Velz. Dass Sie, als ehemaliger Geschichtslehrer, den Pressetext einer demokratisch gewählten Partei bewusst falsch interpretieren, ist ihre Sache. In dem Text ging es um die Ablehnung der Maskenpflicht für Kinder. Dies im Rückblick auf die Entscheidung von Frau Klinkenberg, die Maskenpflicht auch für Fünft- und Sechstklässler in den Primarschulen einzuführen. Es ging nicht um die Impfkampagne, auch wenn Vivant eine durchgängige KOLLEKTIVE Massenimpfung (berechtigterweise meiner Meinung nach) ablehnt.
    Und dann zum Schluss ihre unsägliche Anspielung an die Weimarer Republik, fertig ist das Vivant-Bashing.
    Ausgerechnet Sie wollen Vivant das Etikett der Populisten anheften ?? Ein armseliges Eigentor.

  3. Dieter Leonard

    Dass Vivant ihre Desinformationskampagne gegen so ziemlich alle Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie richtet, ist der Tatsache geschuldet, dass Vivant scheinbar völlig kritiklos ihrem vogelfreien und von allen guten Geistern verlassenen „Vordenker“, Dr. Joseph Meyer folgt.

    In der besagten PR-Anzeige übernimmt Vivant auch die “Argumentation“ ihres unzurechnungsfähigen Spiritus Rector, die besagte Wuhan-Studie würde belegen, asymptomatisch Infizierte würden das Virus nicht übertragen.
    Abgesehen davon, dass Verantwortlichen der Studie genau vor diesen Schlussfolgerungen warnen, lohnt es, sich die Argumentationskette von Vivant/Meyer einmal näher anzuschauen.

    Es wird behauptet:
    – es gebe keinePandemie, nur eine Test- und Laborpandemie;
    – PCR-Tests führten in 97% zu falschpositiven Ergebnissen;
    – alle Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie hätten schon vor Monaten abgeschafft werden müssen;
    – Impfen während einer Pandemie (die es doch nicht gibt!) sei die eigentliche Gefahr;
    – …

    Die Wuhan-Studie, auf die Meyer und Vivant sich beziehen, um ihre Thesen zu untermauern, wurde mit PCR-Tests (!) durchgeführt, die doch zu 97% falschpositiven Ergebnissen führt…

    Noch Fragen?