Kommentar: Die Impfstrategie

Nach der Impfung in den Seniorenheimen, Krankenhäusern und bei anderen Gesundheitsdienstleistern sind in Ostbelgien die ersten Einladungen für den Besuch in einem Impfzentrum verschickt worden. Vorausgegangen war ein Impfgipfel der belgischen Gesundheitsminister, die über ein mögliches "Reset" der Impfstrategie beraten haben.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Jetzt, wo die Zeltbauten für die Impfzentren in Eupen und St. Vith stehen, bekommen Passanten eine genauere Vorstellung von der Größe der Aufgabe. Mancher, ich eingeschlossen, hatte sich dafür auch die ein oder andere feste Infrastruktur vorstellen können, wie zum Beispiel das Triangel oder andere Sport- oder Kulturhallen. Allerdings lassen solche Vorstellungen die zeitliche Dimension außer Acht: Wo sollten dann die lange vermissten Veranstaltungen hin, wenn sie – in welchem Rahmen auch immer – wieder erlaubt sein sollten?

Dass uns das Impfen noch länger begleiten wird, sollte in Ostbelgien, wo wir im angedachten Zeitschema liegen, klar sein. Ganz sicher, nachdem der stets optimistisch auftretende DG-Gesundheitsminister die bisherige Impfprognose „bis zum Sommer“ nun realistischer „bis zum Herbst, wenn nicht sogar bis zum Ende des Jahres“ ausgedehnt hat.

Und jetzt sprechen wir nur von der angelaufenen Impfwelle, mit der die Verbreitung des Virus und seiner bisher bekannten Mutationen in den Griff bekommen werden soll. Ohne den zermürbenden Wechsel von Lockerungen und „Lockdown“. Wie das über 2021 hinaus aussieht, können wir uns noch gar nicht richtig ausmalen.

Im Spagat zwischen vorsichtiger Langzeitprognose und kurzzeitigem Druck, endlich Gas zu geben, stand diese Woche die belgische Impfstrategie auf dem Prüfstand. Ausgerechnet der eine Zeitlang als weniger wirksam verteufelte Impfstoff von Astrazeneca wurde zum Brustlöser: Er soll jetzt bedenkenlos allen Altersgruppen verabreicht werden können – auch den Älteren. Ein Schub für die Impfkampagne, hieß es. Und ja, so lassen sich zwei Wochen gewinnen. Allerdings einmalig.

Es ist Teil der unfreiwilligen Ironie, die diese Pandemie begleitet, dass Astrazeneca am selben Tag die versprochene Zahl von Impfdosen deutlich zurückschraubte. Der von der italienischen Regierung verhängte Exportstopp gegen den notorisch vertragsbrüchigen Impfstoffhersteller wirkt darum wie ein willkommenes Zeichen, sich nicht alles gefallen zu lassen.

Gerade weil sich Unwägbarkeiten bei der Lieferung bestätigt haben, war es richtig, bei der zweiten (entscheidenden) Dosis so weit wie möglich auf Nummer sicher zu gehen. Und bei aller Ungeduld, auch mit Blick auf eine mögliche dritte Welle, gilt es abzuwägen, was schwerer wiegt, wenn diese zweite Dosis zeitlich nach hinten verschoben wird: der Nutzen, dass mehr Menschen in dieser Frist zumindest ein erstes Mal geimpft werden können; oder das Risiko, dass der Schutz vor einer schweren Erkrankung mit Covid-19 durch die Verschiebung prozentual abnehmen könnte.

In Sachen Impfstrategie gilt es, viele Fragen zu berücksichtigen: von der absolut gerechtfertigten Priorisierung von Risikogruppen über den Datenschutz bis hin zu einer gerechten Verteilung. Das wäre übrigens ein Thema für sich, denn es weist über den europäischen, nationalen oder ostbelgischen Tellerrand hinaus.

Was eine Impfstrategie in dieser Größenordnung am wenigsten braucht, sind zu kurz gedachte Vorschläge, wie es anders, schneller, besser laufen könnte. Oder Extrawürste nach dem Motto: „Meinen Impfstoff will ich mir schon selber aussuchen können“.

Und noch eins: Trotz der vielen Kommunikationsmöglichkeiten scheint es doch nicht ganz so selbstverständlich zu sein, die Leute zu einem Impftermin einzuladen. Da wirkt es wie ein schlechter Witz, wenn gemeldet wird, dass in Lüttich Impfeinladungen liegen bleiben, weil die Post bestreikt wird.

Stephan Pesch

4 Kommentare
  1. Jürgen Margraff

    Impfkampagne, aber auf das russische Sputnik Vaccin verzichten – ob, Belgien die Johnson & Johnson Impfdosen erhält ist noch in den Sternen – was ich nicht verstehe, die Regierung behauptet rund 44 Millionen Impfdosen fest bestellt zu haben – wo bleiben die? Wenn unsereins etwas bestellt und nicht in dem vereinbarten Zeitraum geliefert bekommt, zahlt der Verkäufer eine Konventionalstrafe oder ich bestelle anderswo zu besseren Konditionen – Der Premier sagt das wir im Mai mit Schnelltests rechnen können, heute am 6.3.21 kann man Schnelltests in Deutschland in Supermärkten kaufen – Sollen sie uns diesbezüglich wenigstens die Grenzen öffnen, damit man sich die besorgen kann ohne als Gesetzesbrecher dazustehen….

  2. Frank Mandel

    Ja, man kann in Deutschland 🇩🇪 bei Aldi, Schnelltests kaufen, stimmt.
    Aber wir haben Delhaize und andere wunderbare super Märkte- da kaufen wir, hier Lebensmittel ein, denn: hier in Belgien sind mehr Menschen proportional geimpft worden. Schnelltest in Belgien, wofür? Wir sind weit und weiter vorn! Wunderbar…🇧🇪 (🇩🇪huhu)

  3. Joseph Meyer

    Sehr geehrter Herr Pesch,
    ja, das Vor und Zurück mit den Corona-Maßnahmen wird uns weiterhin begleiten, wenn wir nicht zu verstehen geben, dass für uns die Pandemie vorbei ist, und wir wieder ganz normal leben wollen, so wie in 2019, Verbote und Maßnahmen hin oder her!
    Und Ja, es wird eine dritte, vierte, und weitere Pandemie-Wellen mit immer neuen Viren geben, wenn wir uns weiter so wegducken wie bisher.
    Und ja, die Impfkampagne wird uns bis in das Jahr 2023 und darüber hinaus begleiten, denn – Nein – nicht alle sondern immer weniger Bürgerinnen und Bürger werden sich mit diesen brandgefährlichen Impfprodukten behandeln lassen, mein Wort darauf!
    Zum Schluss eine Bitte, könnten Sie bei der Ansage der Zahlen von „Neuinfektionen“, „Krankenhausaufnahmen, usw. diese Zahlen genauer definieren in Bezug auf „krank“ oder „nur positiv getestet“, „Einweisung wegen anderer Diagnose und + getestet“, Durchschnittsalter der Verstorbenen, usw. Es würde die Ängste lindern!

  4. Norbert Schleck

    „…wenn wir nicht zu verstehen geben, dass für uns die Pandemie vorbei ist, und wir wieder ganz normal leben wollen,…“

    Ja, so einfach ist das mit den Pandemien, sie einfach für beendet erklären, wie Ihr Guru Bhakdi das mal getan hat (nachdem er anfangs sogar behauptet hat, es gebe gar keine Pandemie), und schon ist der Spuk vorbei?

    „Nein – nicht alle sondern immer weniger Bürgerinnen und Bürger werden sich mit diesen brandgefährlichen Impfprodukten behandeln lassen, mein Wort darauf!“

    „brandgefährlich“? Hier betet Herr Meyer eine andere Aussage von Bhakdi nach.

    Belege, Herr Doktor? Aber bitte wissenschaftlich stichhaltige!

    Dazu: Nach Video von Prof. Bhakdi – Virologe Prof. Streeck entlarvt Corona-Lügen: „Einige Thesen sind brandgefährlich“ (Bitte googeln!)

    Professor Streeck, in Ostbelgiern kein Unbekannter seit dem Artikel „Mit Streeck auf Gang durch Gangelt“ im GE vom 16.10.2020.

    Aber Herr Meyer weiß es besser: Nicht „wegducken“, sondern hoch erhobenen Hauptes ohne Maske und Abstand dicht gedrängt durch die Einkaufszentren bummeln!