Kommentar: Wem Gott ein Amt gibt …

Im emotionalen Italien ist wegen der eingeschränkten Bewegungsfreiheit zum Jahresende schon von "Weihnachtsdiktatur" die Rede. In Belgien musste Premierminister Alexander De Croo alle zur Räson rufen, die darauf hofften, dass an dem Beschluss von vergangener Woche noch einmal gerüttelt wird: Es werde keine weitere Lockerung der Besuchsbeschränkung geben. Das müssen auch diejenigen Politiker akzeptieren, die sich vom Beschluss des Konzertierungsausschusses distanziert haben.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

„Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand.“ Ein früherer ostbelgischer Amtsträger hat das oft und gerne gesagt. Ob dem so ist, sei dahingestellt. Sicher ist: Ein Amt bringt Verantwortung.

Patrick Lecerf, Bürgermeister von Hamoir, ist von seinem wallonischen Aufsichtsminister Christophe Collignon gerügt worden: Der MR-Politiker hatte freimütig erklärt, dass er sich Weihnachten nicht an die Besuchsbeschränkung halten werde. Und ob: Ein Bürgermeister müsse Vorbild sein, hieß es dazu von der Regierung aus Namur. Selbst MR-Präsident Georges-Louis Bouchez, sonst eher ein „enfant terrible“, rief den Parteikollegen zur Ordnung.

Aber was kümmert uns Hamoir: In Ostbelgien war diese Woche ein großes Thema, was Gesundheitsminister Antonios Antoniadis am vergangenen Wochenende auf Facebook gepostet hat.

Nun macht ihm in Sachen Kommunikation so schnell keiner was vor. Wenn er etwas mitteilt, geschieht das nicht aus Versehen, wie man es seinem föderalen Pendant, Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke, mit seinen unbedachten Äußerungen unterstellen könnte.

Ganz sicher nicht, wenn Antoniadis vorausschickt, dass er „zwei Tage überlegt“ habe, ob er die aktuellen Maßnahmen des Föderalstaates kommentiere.

Er hätte es dabei bewenden lassen sollen, dass ihn die Maßnahmen „noch immer sprachlos“ zurücklassen. Durch das, was er dann schrieb, wurde aber die gleiche Empfindung bei denen geweckt, die sich die Frage stellen, ob ein Minister für Gesundheit (und sei er einer unter vielen) es sich leisten kann, „dieses Mal keinen Appell zu starten, sich an die Regeln zur Anzahl der Kontakte zu halten“.

Um mit einem doppelten „Aber“ hinterherzuschieben, dass er „auch nicht völlig empört dazu aufrufen“ werde, „diese zu brechen“ … Wäre ja noch schöner! Die ministerielle Empfehlung, anderthalb Meter Abstand zu den Risikogruppen in der Verwandtschaft zu halten und regelmäßig stoßzulüften, kommt einem vor wie das sprichwörtliche Pflaster auf dem Holzbein. So realistisch der Minister das Regelverhalten seiner Mitbürger einzuschätzen glaubt, so blauäugig sieht er den Ablauf eines unbeschwerten Familienfestes.

Immerhin: Vielen hat Antoniadis wohl aus dem Herzen gesprochen, wie Reaktionen unter seinem Facebook-Post zeigen. Andere, die sich an die Regeln halten wollen, fühlen sich durch die Äußerungen des Ministers vor den Kopf gestoßen.

Logisch, dass sich auch der zuständige PDG-Ausschuss damit befasst hat, neben vielen wichtigen Fragen etwa zur künftigen Impfstrategie oder zur heiklen Frage, wer die Verantwortung übernimmt, wenn im Falle von überlasteten Krankenhäusern entschieden werden müsste, wem geholfen werden kann – und wem nicht. An dieser „Triage“, war zu hören, sei man diesmal um ein Haar vorbeigeschrammt – auch weil Patienten in den Nachbarländern versorgt wurden.

In Deutschland, das über weit mehr Kapazitäten in den Krankenhäusern und auf den Intensivstationen verfügt, halten wegen der dort versprochenen Ausnahmeregelung zum Jahresende viele den Atem an. Belgische Virologen wie Steven Van Gucht denken mit Schrecken daran.

Wie er im Ausschuss sagte, wird Minister Antoniadis an Weihnachten auf jeden Fall zu Hause bleiben – weil er sich der Verantwortung bewusst sei, es so für sich entschieden habe und das wahrscheinlich auch von ihm erwartet werde. Genau. Warum nicht gleich so.

Stephan Pesch

7 Kommentare
  1. Dieter Leonard

    Völlig richtig! Warum nicht gleich so?

    In Deutschland hat eine Umfrage ergeben, dass über 50% der Menschen, sich an Kontaktbeschränkungen zu Weihnachten nicht halten werden!
    In Belgien wird dies wohl nicht anders sein. Mit oder ohne ministeriellen Fauxpas.

    Da man weiß, dass das Virus sich gerne unter die Familienfeiern mischt, werden wahrscheinlich zahlreiche ältere Menschen und auch einige jüngere zwar diesmal Weihnachten, möglicherweise aber nicht mehr Ostern feiern können.

    Ein verdammt hoher Preis für einen gemeinsamen Abend unter dem Weihnachtsbaum.

  2. Peter Mertens

    Nur eine Person hilft dann auch nicht, soll ich Mutter holen, die mit Vater zusammenlebt, und Vater Zuhause lassen.

    Wenigsten 2 Personen aus einen gemeinsamen Haushalt wäre logisch

    Aber man sieht ja wie es geht, bestes Beispiel unser „Fallrohr kletterer“
    Dem Volk Regeln aufdrücken, selber Partys feiern..

  3. Marcel Scholzen eimerscheid

    „Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand.“. Fragt sich nur welche Art Verstand. Und da gibt es doch beträchtliche Unterschiede. Von ganz vernünftig bis total unvernünftig. Eine ganze Bandbreite sieht man auf dem politischen Parkett.

  4. ROLAND LEJEUNE

    Ein vortrefflicher Wochenkommentar Herr Pesch 🙂

  5. Maeggy Rossberg

    Auf den Punkt gebracht
    Wer gesunden Menschenverstand hat lädt niemanden zu Weihnachten ein sofern er sich zwischen Eltern entscheiden muss.
    Ich stelle konsterniert fest das gerade diejenigen am Meisten lästern die sonst jedes Jahr stöhnen über Weihnachtsstress sei es bei den Besuchen oder Einkäufen.
    Jetzt könnten diese ja dieses Jahr stressfrei bleiben, aber nein, das paßt dann auch nicht. Ja was denn nun?

  6. Maria van Straelen

    wir waren mal in den 90ern über Weihnachten/Neujahr im Schwarzwald. Und was war die Hauptmotivation der meisten älteren Ehepaare? Wir sind hier im Hotel weil sonst unsere Kinder alle zu Weihnachten kommen wollen.
    Und wieviel meiner Arbeitskollegen haben gestöhnt wegen der Tatsache, dass Sie zu Eltern UND/oder Schwiegereltern mussten.
    Kein weiterer Kommentar

  7. Andreas Engels

    Es gibt die Sommerzeit und die Winterzeit.
    Es gibt Schaltjahr wo der Februar ein Tag länger ist.

    Als radikalste Corona Maßnahme ändern wir dieses Jahr den Kalender. Nach dem 22.12.2020, ist am nächsten Tag der 5.1.2021

    Die fehlenden Tage werden über das Jahr verteilt auf alle Monate.

    Vorteil. Keine Probleme mit Weihnachten, Silvester, Feuerwerk und Alpenurlaub.

    Der Winterschlussverkauf kann dann wirklich später starten.