Kommentar: Lasst die Standbilder stehen!

Besudelt, enthauptet, vom Sockel gestoßen - oder gleich ins Meer gekippt: Standbilder von historischen Akteuren des Kolonialismus erfahren gerade die Wut von Demonstranten - ob in Belgien, Großbritannien oder den USA. Nach dem Motto: Weg damit! Dabei wäre es nützlicher, sie stehen zu lassen, findet Stephan Pesch im Wochenkommentar.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Das Datum ist mit Bedacht gewählt: am 30. Juni, zum 60. Jahrestag der Unabhängigkeit des Kongo, verschwindet Leopold II. aus dem Stadtbild von Gent. Bis dahin bleibt seine Büste, wie sie ist – seit einigen Tagen mit roter Farbe beschmiert – als Anklage gegen die Gräueltaten, die unter seiner Verantwortung begangen wurden. Diese Taten „verdienen keine Ehrbezeugung“, sagt die Schöffin Astrid De Bruycker, „im Gegenteil“ – und damit hat sie ohne Zweifel recht!

In Spa behält die Galerie Léopold II ihren Namen. So hat es das Gemeindekollegium Mitte der Woche entschieden. Mit Recht! Schließlich hatte der König selbst ihren Bau angeregt.

Ein Gutes hat der landesweite Bildersturm ja: Es wird über die Rolle von Leopold II. diskutiert. Über das Bild, das wir von ihm haben. Über den Kolonialismus – und seine Folgen. Für mein Empfinden aber noch zu wenig über das, was den Bildersturm ausgelöst hat.

Auch hier gibt es Vor-bilder. In der englischen Hafenstadt Bristol wurde eine Statue des mir bis dahin völlig unbekannten Sklavenhändlers Edward Colston im Hafenbecken „ertränkt“, so wie es vielen Afrikanern auf der Überfahrt ergangen war. Bis dahin war Colston als britischer Wohltäter verehrt worden. In Südengland wehrten sich hingegen Anwohner und Pfadfinder entschieden dagegen, dass der Gründer ihrer Bewegung, Robert Baden-Powell, aufgrund seiner umstrittenen Historie vorsorglich aus dem Verkehr gezogen werden sollte.

In Amerika wurden Standbilder von Christoph Kolumbus angegriffen. Warum Statuen des indischen Freiheitskämpfers Mahatma Gandhi in London und Washington mit „Rassist“ gezeichnet wurden, erschließt sich, wenn man sich näher auf die Brüche in seiner Biographie einlässt.

Gerade an diesem Wochenende soll übrigens in Gelsenkirchen eine Lenin-Statue enthüllt werden – vor dem Hauptsitz der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands. Das Verwaltungsgericht hatte den Baustopp der Stadt aufgehoben, Corona die ursprünglich für Mitte März geplante Feier nur aufgeschoben.

Und während linke Bilderstürmer in Köln und Hamburg Bismarck an den Kragen wollen, sehen sie sich dem Vorwurf ausgesetzt, dass „ihr“ Karl Marx ein ausgewiesener Rassist gewesen ist – ganz abgesehen von seiner Patenschaft für die Auswüchse des Kommunismus. Wir erinnern uns an die lebhafte Diskussion um seine Statue in Trier, die nebenbei gesagt, vor gut einem halben Jahr mit Hakenkreuzen beschmiert wurde.

Trier ist für mich ein gutes Stichwort: „Was haben wir dort verloren?“ meinte letztens eine Schülerin, die eine Klassenfahrt an den geschichtsträchtigen Ort wohl nicht so sehr schätzen mochte. Und Zustimmung von ihrem Freund erhielt: „Ist doch eh alles vorbei.“

Ich kann gut nachvollziehen, dass Statuen von Leopold II. im Straßenbild von Brüssel oder Antwerpen von Menschen aus dem Kongo auch viele Generationen später als Affront empfunden werden (wie die von Lenin oder Marx von Bürgern, die in der DDR oder anderen Ländern des früheren Ostblocks gelebt haben).

Aber was ist gewonnen, wenn sie sprichwörtlich in der Versenkung verschwinden? Sinnvoller ist, sich mit ihnen auseinanderzusetzen – mit ihrer Verantwortung, in ihrem historischen Kontext. Und damit, was einzelne – also Menschen wie du und ich – unter diesen Verhältnissen getan oder gelassen haben. Das heißt: aus Geschichte lernen.

Anschauungsmaterial liefern in unserer Gegend die Kriegerdenkmäler oder, wenn es um Bildersturm geht: die von Gouverneur Herman Baltia geduldete Demontage des „Peter Prüss“ genannten Denkmals in Malmedy – der Überlieferung nach in der Maiennacht vor genau hundert Jahren.

Denn auch der Umgang mit Denkmälern ist Teil dieser Geschichte. Der anonyme Street-Art-Künstler Banksy, der aus Bristol stammen soll und den Pflegekräften in der Corona-Krise mit seinem Superhelden-Bild ein Denkmal gesetzt hatte, bringt es mal wieder auf den Punkt. Auf Instagram veröffentlichte er eine Skizze, die beide Seiten zufrieden stellen soll: die Statue von Sklavenhändler Colston wird wieder aufgestellt, aber in Kipplage. Daneben stehen in Bronze vier Protestler, die ihn mit Seilen vom Sockel zerren. Das nenne ich nicht nur Gespür für den Zeitgeist, sondern auch für Geschichte.

Stephan Pesch

4 Kommentare
  1. Yves Tychon

    Genau, Herr Pesch! Wer alle möglichen Denkmäler zerstört, stellt sich auf eine Stufe mit den Taliban, welche die Buddha-Statuen von Bamiyan in die Luft jagten, weil diese nicht in ihr islamistisches Weltbild passten.
    Man wird Churchill nicht gerecht, wenn man seine Statue mit dem Vermerk “racist” beschmiert. Ebensowenig lässt sich die Rolle Leopolds II. auf die abgehackten Arme reduzieren. Dennoch ist eine Auseinandersetzung mit den facettenreichen Persönlichkeiten der Weltgeschichte angebracht.

  2. Michaelis Edgar

    Die Wut der vielen ‚Protestierenden‘ gegen Rassismuss verweist auf wo möglich ein ganz anderes zeitgenössisches Problem in unserer Gesellschaft. Der normale Bürger von heute wird genau so ‚rassistisch‘ mittels Excel-Tabellen-Politik, -Wirtschaft und -Verwaltung behandelt, wo er nur als ‚Nummer‘, seine wahre menschliche und geistige Identität verleugnend, geführt und behandelt wird… Parteienpolitik, die sich selbst als ‚demokratisch (= Minderheiten schützend)‘ sein wollend darstellt, jedoch, im Realen genau das Gegenteil praktiziert (zum/aus reinem Machterhalt) ! Wer also wirklich gegen Rassismus sein will, muss auch unser System in Frage stellen, und zwar generell ! Die negativen Vorbilder aus der Geschichte sollten daher positiv dienen und helfen zu einem besseren System zu kommen, wo Rassismus keine Platz mehr hat!

  3. Henrik Wittenberg

    Statuen von Kriegsverbrechern, Verrätern, Rassisten etc. gehören in Museen und nicht in öffentliche Parks oder Fußgängerzonen.

    Damit bleiben sie Teil der Geschichte eines Landes, ohne dass sie symbolisch den öffentlichen Raum um sich herum einnehmen und die Nachfahren ihrer Opfer gezwungen sind, zu ihnen aufschauen zu müssen.

  4. Marcel Scholzen eimerscheid

    Im Laufe der Geschichte gab es immer wieder Bilderstürmer. So auch vor 30 Jahren im Ostblock, wo die Monumente von kommunistischen Politikern abgebaut wurden. Sie passten nicht mehr in die „neue Zeit“. Eine verständliche Reaktion in meinen Augen.

    Und darum ist es verständlich die Statuten und Denkmäler von Leopold Ii abzubauen. Sie gehören ins Museum.

    Es ist auch gut, dass die Kolonialzeit von einem Ausschluss des Föderalparlamentes untersucht wird. Je mehr diskutiert und disputiert wird, umso besser. Denn ein möglichst unverfangener Blick auf die Vergangenheit eröffnet neue Zukunftsaussichten auf gute Beziehungen auf gleicher Augenhöhe.

    Belgien und Kongo haben nun mal eine gemeinsame Geschichte. Das lässt sich nicht ändern. Man sollte das beste draus machen.