Kommentar: Wer zahlt die Corona-Zeche?

"Prenez soin de vous et prenez soin des autres" - "Sorgen Sie für sich und sorgen Sie für die anderen". Mit diesem solidarischen Aufruf beendet Premierministerin Sophie Wilmès jede ihrer Ansprachen an die Nation seit Mitte März und dem Beginn der Corona-Maßnahmen. Es wird eines der Zitate aus dieser Zeit bleiben, die im Zeichen des Zusammenhalts stand. Das sollten wir nicht zu schnell aufgeben, findet Stephan Pesch, auch nicht, wenn es um die Frage geht, wer die Zeche zahlt.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Dass sehr, sehr viele Menschen an Covid-19 erkrankt sind und auch sehr, sehr viele daran gestorben sind, dürfte inzwischen jedem klar sein. Beim Sars-Coronavirus-2 handelt es sich also nicht um eine Erfindung. Studien zur sogenannten Übersterblichkeit zeigen, wieviel Menschen mehr gestorben sind als in einem bestimmten Zeitraum zu erwarten gewesen wären – aufgrund der Daten mehrerer Jahre. Sie belegen, dass die aktuellen Zahlen nicht mit einer Grippewelle zu vergleichen sind. Und dass die belgische Zählweise doch wohl nicht so verkehrt war.

Um diese Studien, vor allem aber um die Krankheitsfälle kümmern sich aufopferungsvoll Leute, die dafür ausgebildet sind. Um die Auswirkungen der Gegenmaßnahmen sollten sich auch Leute kümmern, die sich in solchen Fragen auskennen.

Neben Mikrobiologen, Virologen und Epidemiologen sind unter anderem die Psychologen, Pädagogen, Soziologen gefragt. Und was die Folgen für die Wirtschaft angeht, logischerweise die Wirtschaftswissenschaftler.

Was einem von ihnen nun eingefallen ist, um die wirtschaftlichen Folgen der Krise abzumildern, hat mir die Schuhe ausgezogen. Jan-Emmanuel De Neve ist Verhaltensökonom und lehrt an der renommierten Oxford-Universität. Sein Vorschlag: Lasst doch die ältere Generation eine Corona-Steuer zahlen! Als Gegenleistung. Schließlich würden gerade die Jüngeren vom Lockdown getroffen – von dem sie aber wenig hätten, weil sie ja nicht zur Risikogruppe gehörten.

Das muss man sich mal durch den Kopf gehen lassen. Wir reden hier nicht von Vermögenssteuer, Solidaritätszuschlägen, von einem gerechteren Rentensystem. Hier soll eine Generation dafür bezahlen, dass die Gesellschaft Maßnahmen ergriffen hat, um sie zu schützen!

Ob die Maßnahmen die richtigen waren, ob der Zeitpunkt der richtige war, ob ein Lockdown hätte verhindert werden können – oder ob es im entgegengesetzten Fall nicht noch viel mehr Tote gegeben hätte, lässt sich im Nachhinein schwer sagen. Auch die Exit-Strategie steht ja auf wackeligen Füßen.

Aber wenn es eine „neue Normalität“ nach oder mit Corona geben soll – so sollte sie nicht aussehen! So etwas fördert nicht die Solidarität zwischen den Generationen, es hebelt sie aus. Zahlen dann nur noch Eltern für die Schulen? Nur noch die Kranken für die Krankenhäuser? Und wer sollte sich, bitteschön, für die Appelle der Klimabewegung interessieren?

Denjenigen, die von dem Virus am meisten zu befürchten haben, dafür auch noch die Rechnung zu präsentieren, fördert nicht den sozialen Zusammenhalt.

Stephan Pesch

Ein Kommentar
  1. Dieter Leonard

    Der Logik des Herrn De Neve zufolge müssten dann auch die Diabetiker, die Raucher, die Herz-Kreislauf-Patienten, die Übergewichtigen, die Immungeschwächten,… und – der Statistik zufolge – zahlreiche Menschen aller Altersstufen, die mit einer Covid19-Infektion in die Krankenhäuser eingeliefert und z.T. intensivmedizinisch behandelt werden mussten, an dieser „Corona-Steuer“ beteiligt werden.
    Auch rein ökonomisch-utilitaristisch denkende „Verhaltens-Ökonomen“ sollten, bevor sie solchen Unsinn erzählen und die akademische Welt in Verruf bringen, ihr Verhalten überprüfen.
    Wie wäre es mit einer Steuer auf gesellschaftsspaltende Umtriebe?