Gilets Jaunes: Alle zusammen – jeder für sich

Der aus Frankreich kommende Protest der "Gilets Jaunes" wirft nicht erst seit den Ausschreitungen in Charleroi und Brüssel auch in unserem Land Fragen auf: Handelt es sich um eine vorübergehende Laune? Oder um die Vorläufer einer revolutionären Umwälzung? Vor allem: Was wollen sie eigentlich, die sogenannten "Gelbwesten"? Stephan Pesch sieht in dem schwer fassbaren Massenphänomen eine Bestätigung für die Individualisierung der Gesellschaft: Alle zusammen - jeder für sich.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

„Tous ensemble, tous ensemble – hey, hey“ – das funktioniert nicht nur als Aufwärmer im Fußballstadion, sondern gilt bei Streiks und Demos als Grundwortschatz. Die Masse macht’s – wenn schon der Einzelne nichts ausrichten kann gegen die Mächtigen aus Politik und Hochfinanz – kurz: „gegen das System“.

Auffallend in diesem „Heißen Herbst“: anstelle von Gewerkschaften und anderen Interessenverbänden, denen dieses Terrain eigentlich gehört, machen sich Menschen in gelben Leuchtwesten das Gesetz der Straße zu eigen, blockieren Treibstoffdepots und Straßenkreuzungen, drohen damit, das Land lahm zu legen und alles dicht zu machen.

Das vorgebliche Ziel der aus Frankreich stammenden Bewegung: die zusätzliche Besteuerung von Kraftstoff wie Diesel oder Benzin. Und überhaupt die hohen Lebenshaltungskosten.

Das sorgt erst einmal für Sympathien, weil mit den Preisen an der Zapfsäule oder bei der Heizöllieferung fast jeder irgendwie zu tun hat. Besonders Vorsichtige füllen, wenn sie denn das nötige Geld zur Verfügung haben, noch schnell den Öltank auf oder decken sich vorsichtshalber mit dem ein oder anderen Reservekanister ein. Man weiß ja nie.

Ironie der Geschichte: Entgegen der erwarteten Verknappung sank in dieser Woche der Ölpreis, weil auf dem Weltmarkt mehr Angebot als Nachfrage herrscht. Und für Ostbelgier liegt sowieso das günstigere Tanken hinter der luxemburgischen Grenze nahe.

Spätestens aber seit sich Parteien und vor allem gewalttätige Randalierer vom linken und vom rechten Rand dieser Bewegung bemächtigt haben, schwindet die Sympathie. In sozialen Netzwerken ist auch unverhohlen, ich zitiere: von den „gelben Säcken“ die Rede – und das stößt auf nicht wenig Beifall.

Die Gilets-Jaunes-Bewegung selbst – oder besser gesagt einzelne Sprecher distanzieren sich von der Gewalt. Sie müssen sich aber eingestehen, dass ihr Protest unstrukturiert und diffus ist. Mich erinnert das an einen Studentenprotest in Aachen gegen Streichpläne der Landesregierung: Nach vielen Vollversammlungen und Menschenketten schlugen die Kommilitonen als ultimatives Druckmittel vor, aus dem Hörsaal heraus das Rathaus zu stürmen. Der Professor, dessen Vorlesung gerade gestört worden war, fragte nur: „Haben Sie denn einen Laufplan?“ Das war’s mit der Studentenrevolte.

Dieses Beispiel nur um zu sagen: Da kann man noch so abenteuerliche Vergleiche anstellen von wegen „das Vorbild aus Frankreich wie bei den Pariser Studentenunruhen vor 50 Jahren“ – mit den 68ern hat das, was sich jetzt in Brüssel, Feluy oder anderswo im Süden des Landes abspielt, nicht das Geringste zu tun.

Auch damals gab es das Gefühl des Ras-le-bol. Auch damals gab es ganz klar den Hang zur Anarchie. Aber anders als heute ging es den protestierenden Studenten um eine gesellschaftliche Umwälzung. Diesmal geht es vor allem um das private Auskommen. Sicher: Die Schere zwischen Arm und Reich geht auseinander und viele wissen nicht, wie sie die Enden zusammenbekommen sollen. Das gilt aber bei weitem nicht für alle, die sich über „zu hohe Steuern“ echauffieren. Und dafür gleich die dringend notwendige gesellschaftliche Umwälzung zu einem verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen in Bausch und Bogen verdammen. Weil es ans Portemonnaie geht.

Den Protest der „Gilets Jaunes“ mag man für berechtigt halten oder auch nicht – er drückt vor allem die Unzufriedenheit von vielen Einzelnen aus, mit ihrer ganz persönlichen Situation. Als Ausdruck eines neuen Gesellschaftsprojektes taugt er nicht.

Stephan Pesch

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9 Kommentare
  1. Paul Siemons

    Was ist daran falsch, wenn es den Protestierenden „um das private Auskommen“ geht? Ich finde das eine vollkommen legitime Sorge. Der Aufruhr vor 50 Jahren war Protestieren mit dem rein theoretisch legitimierten Hintergrund, eine intellektuelle Avantgarde müsse, da im Marxismus bewandert, der Arbeiterschaft den Weg weisen. Dass das (zum Glück!) scheitern musste, war von Anfang an klar.

    Es ist doch eine Tatsache, dass auf den Belgiern die mit Abstand höchste Steuerlast innerhalb der EU (wahrscheinlich sogar weltweit) lastet. Wo bitte sehe ich, was ich dafür bekomme? Wo steckt das Geld? In der Verkehrsinfrastruktur? Im sozialen Leistungsangebot des Staates? In notwendigen Baumaßnahmen?

    Leider habe ich nur noch ein paar Wörter für meinen Kommentar zur Verfügung. Fragen gäbe es genug. So wie es genug Gründe für Proteste und zivilen Widerstand gibt. Aus Frankreich erreichen mich Bilder, wie sich Polizisten mit den Streikenden verbünden. Das wäre auch bei uns zu wünschen.

  2. Alexander Kerres

    Völlig richtig, Herr Pesch. Sehr guter Kommentar.

  3. Damien Leusch

    Die „Gilets Jaunes“ ist die Antwort auf die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Regierung. Immer teuere Nebenkosten an allen Ecken, die höchste Steuerlast in der EU und Politiker, die sich ständig die Taschen vollmachen – so denkt ein Großteil der Bevölkerung und es sind gerade immer diejenigen, die eh schon mit wenig auskommen müssen und immer wieder aufs neue mehr für die gleiche Dienstleistung bezahlen müssen.

    Es ist nur folgerichtig, dass irgendwann auch Wut und ein groberer Umgangston an den Tag gelegt wird, da man sich schlichtweg nicht mehr verstanden, geschweige denn repräsentiert fühlt. Die Politik in ganz Europa muss sich langsam aber sicher mal gründlich Gedanken machen, ob sie für den Bürger, oder für sich selbst da ist.

    Ich kann nur warnen, dass man nicht pauschal alle in einem Topf werfen kann. Das gilt für Flüchtlinge, aber vielmehr auch für nicht mehr verstandene Menschen, die genug von allem haben.

    Damien

  4. Dieter Leonard

    Ein wirklich treffender Kommentar!

  5. Marcel Scholzen Eimerscheid

    Hoffentlich reagiert die Politik glaubwuerdig auf die berechtigten Anliegen der Gelbwesten. Wenn nicht, kann es zu einer grossen sozialen Revolte kommen bei der es nur Verlierer geben kann und keine Gewinner. Es muss ein Umdenken erfolgen bei den politisch Verantwortlichen. Es kann nicht sein, dass der kleine Mann staendig und immer mehr belastet wird. Mir scheint, dass unsere politische Elite den Kontakt zur Wirklichkeit verloren hat genau wie seiner Zeit der Koenigshof in Versailles. Was ich vor allem vermisse, ist der Mut zu Entscheidungen bezueglich alltaeglicher Probleme wie Strom, Strassen, Gesundheitsvorsorge, Lebenshalltungskosten, etc. Man begnuegt sich damit, Probleme zu beklagen und zu beweinen. Dagegen ist das Schaffen komplizierter und kostspieliger Staatsstrukturen ein Leichtes.

  6. Bernard Ramscheid

    Wenn die „da oben“ sich bedient haben, bleibt nichts mehr übrig! Die sitzen in ihren Palästen und hören nicht (wollen nicht hören), was auf der Straße los ist.

  7. Marcel Scholzen Eimerscheid

    Werter Herr Ramscheid. Keine Sorge. Das boese Erwachen kommt noch fuer „die da oben“. Denn „die da unten“ sind laengst erwacht. Die Wende in der DDR ist ein historisches Beispiel, das zeigt, wie es gehen koennte. Am Ende stand ein kompletter Systemzusammenbruch und Systemwechsel. Zuerst sind die Menschen vor Honnecker und Konsorten gefluechtet und am Ende sind Honnecker und Konsorten gefluechtet. Hoffen wir auf ein Einsehen der politisch Verantwortlichen. Noch ist es nicht zu spaet.

  8. Jean-Pierre DRESCHER

    „Die Wende in der DDR historisches Beispiel […] Am Ende stand ein kompletter Systemzusammenbruch und Systemwechsel.“

    Zu schön um wahr zu sein. Das Ende der SED-Herrschaft in der DDR war nur möglich weil der Westen einen noch viel abscheulicheren Plan gegen die Menschen in Deutschland und der UdSSR verfolgt. Da war Honecker einfach im Weg.

    Ich will hier nicht ausführen welche grausamen Verbrechen seit dem Ende der DDR gegen die Menschen auf wirklich allen nur denkbaren Ebenen getrieben werden. Merkel ist seit 2015 durch die komplett-unkontrollierte Masseneinwanderung der Jungmänner (ich spreche hier nicht von den wirklich schutzbedürftigen Menschen bei uns) erst richtig auffällig geworden.

    Alles andere von der totalen De-Industrialisierung Deutschlands, maßloser Zubetonierung der letzten Naturreservate, millonenfacher Obdachlosigkeit, Mietwucher, Billigleiharbeit, Rente erst nach 67, Anarchie und schwerste Gewaltverbrechen überall in Schulen und auf öffentlichen Plätzen, alles das kann sich jeder selber anschauen auf den amtlichen Vergleichsstatistiken bei Eurostat oder der EZB-Studie zum Vermögensvergleich.

  9. Angelika Trautwein

    Alles Unsinn, der von denen verzapft wird, die keine Ahnung von der französischen Mentalität haben. Nach Jahrzehnten sozialistischer Misswirtschaft sollte nun ein Hoffnungsträger alles, auf einmal und ganz schnell richten.
    Dass es nicht ohne Opfer geht, wenn man die enorme Verschuldung zurückfahren, wird nicht akzeptiert. Franzosen möchten sich am liebsten nicht mit Problemen wie Globalisierung,EU-Vorschriften oder Umweltschutz auseinander
    setzen, aber ihre abstrusen, teuren Privilegien behalten (s. SNCF-Streik).
    Null-Verständnis für diese Leute, obwohl ich gut und gerne in Frankreich lebe.

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