Take it or leave it – Was bringt der Brexit?

585 Seiten umfasst der vorläufige Vertrag über einen geordneten Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Nicht genug, finden britische Abgeordnete. Während Premierministerin Theresa May gewaltig unter Druck gerät und ihr ein Gefolgsmann nach dem anderen von der Fahne geht, stellen sich viele von uns die Frage: So what? Die Briten hätten eben erst die Folgen überdenken sollen, ehe sie sich über einen Brexit äußern.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

Im Englischen gibt es die im Zusammenhang mit dem EU-Austritt der Briten wunderbar mehrdeutige Formulierung: „Take it or leave it!“ Das deutsche „Friss oder stirb!“ ist da eindeutiger. Schon mit Blick auf das politische Überleben der britischen Premierministerin May. Aber auch mit Blick auf den Brexit-Deal, den sie mit Händen und Füßen verteidigt. Denn mehr Entgegenkommen, als die Europäische Union ihrem austrittswilligen Mitglied zeigt, wird nicht herauszuholen sein – das weiß gerade May nach den Verhandlungen.

Davon wird sie aber weder die Brexit-Hardliner noch die Brexit-Gegner überzeugen können. Letztere setzen sowieso auf ein neues Referendum – nach dem Muster: Stimmen wir ab, bis es passt! Denn, so ihr durchaus schlüssiges Argument, ein Großteil der 51,89 Prozent Befürworter beim Referendum sei sich der Folgen überhaupt nicht bewusst gewesen.

Was kümmert das uns? Nun, es spielt schon wirtschaftlich eine Rolle für die Europäische Union, ob und wie die Briten sich davon verabschieden. Auf der anderen Seite: Was wäre schlimm daran, wenn das eigensinnige Inselvolk auch seinen eigenen Weg geht? Wenn Engländer von „Europe“ sprechen, meinen sie doch sowieso den Kontinent, also: uns andere.

Das war jetzt mindestens so verallgemeinernd wie die Schlussfolgerung, dass die Briten diesen Brexit wollen. Wie unterschiedlich das im Vereinigten Königreich gesehen wird, zeigte sich beim Referendum nicht zuletzt nach geographischer Herkunft: Schotten, Waliser und Nordiren stimmten eindeutig für den Verbleib in der EU. Dasselbe galt für den Finanzplatz London.

It’s history! Unterm Strich sind’s nun mal 52 gegen 48 Prozent für den Austritt. Und es liegt in der Natur von Referenden, dass sie nur eindeutige Wahlmöglichkeiten zulassen. Ja oder nein. Schwarz oder weiß. In diesem Fall: Leave or Remain – raus aus der EU oder drinbleiben.

Take it or leave it. Das Brexit-Fiasko, das ist es so oder so, sollte uns eine Lehre sein, mit dem Instrument der direkten Demokratie nicht leichtfertig umzugehen – im Großen wie im Kleinen.

Stephan Pesch

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