Impfkritik und Antisemitismus: „Shoa-Vergleiche anmaßend und bösartig“

Ist es zulässig, die Kritik am Impfen mit Symbolen der Judenverfolgung während der NS-Zeit zu verknüpfen? Etwa den gelben Davidstern mit der Aufschrift "ungeimpft"? Oder den Schriftzug "Arbeit macht frei" über einem KZ-Tor? Mathias Berek (TU Berlin) nennt das "anmaßend" und "bösartig". Als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Antisemitismusforschung betrachtet er historische Verflechtungen zwischen Antisemitismus und Impfkritik.

Zum Auftakt einer Reihe von Online-Vorträgen an der Universität Trier zum Thema Antisemitismus setzt sich Mathias Berek mit „Antisemitismus und Impfkritik“ auseinander. Er betrachtet historische Verflechtungen und geht in der Beobachtung der Impfgegner-Bewegung bis ins 19. Jahrhundert zurück. Zunächst gebe es eine Reihe von Parallelen auf der strukturellen Ebene: „Wir hatten damals wie heute in der Impfkritik, aber auch generell in der Corona-Rebellen-Szene eine Minderheit von Agitatoren, die über geschlossene antisemitische oder radikalrechte Weltbilder verfügen, die in eine mehr oder weniger indifferente Masse aus ganz vielen Leuten, die mit ganz vielen verschiedenen Motiven da teilnehmen, hineinwirken.“

Mathias Berek (Bild: Christoph Loeffler)

Mathias Berek (Bild: Christoph Loeffler)

Damals, so Mathias Berek, mit Erfolg. Heute sei noch nicht absehbar, wohin das führe. „Aber sie haben es damals wie heute doppelt einfach diese Agitatoren. Weil es zum einen in der Impf-Kritik-Szene und auch generell in der Corona-Kritik-Szene eine tendenziell stärkere Verbreitung von Versatzstücken antisemitischen Denkens, aber auch von latenten antisemitischen Einstellungen gibt.“

Es gebe in diesen Szenen auch relativ wenig Kritik an solchen Agitatoren, weil in der Gesellschaft linke und rechte Extremismen quasi gleichgesetzt würden.

Handfeste materielle Interessen

Es gebe auch konkrete, handfeste materielle Interessen bei den von Berek genannten Agitatoren: „Damals wollten die halt ihre Bücher verkaufen und ihre Broschüren. Und ich habe auch ein Beispiel in so einer impfgegnerischen Zeitung gefunden, wo behauptet wurde, Lebensversicherungen wären von Impfzwang-Befürwortern gesteuert und im gleichen Atemzug haben sie dann eine andere Lebensversicherung empfohlen, die angeblich impfkritisch wäre.“

„Heute sind es eher YouTube-Klickzahlen oder gesicherte Markenrechte bei manchen Aktivisten der Szene“, beschreibt Berek derzeit geltende materielle Interessen. „Man merkt’s auch bei diesen Aufrufen zu spenden.“

Auch auf der ideologischen Ebene sieht Mathias Berek zwischen Impfkritik und Antisemitismus eine Reihe von Parallelen oder Ähnlichkeiten: „Die wichtigste ist meines Erachtens vielleicht der Naturglaube, der Glaube an das Schicksal der Natur, der man sich nicht entziehen könnte. Verbunden mit einer starken Überzeugung, dass es ein Recht des Stärkeren gibt zu überleben. Und dass die, die an der Krankheit sterben, letztendlich die Schwächeren gewesen wären, die nicht wert wären zu überleben.“

Schicksalsglauben an die Natur

Mit diesem Glauben an die Natur gehe ein Denken einher, „das an eine gewisse Unveränderbarkeit glaubt, eine Schicksalsergebenheit, dass man nichts machen könne an bestimmten Situationen, nichts selbst bewegen könnte.“ Damit verbunden sei ein Glaube an Reinheit und Abstammung – sehr nahe an völkischen Rassentheorien: „Also wir haben es bei der Impfkritik auch ganz oft, dass da von der ‚Verunreinigung des Blutes‘ die Rede ist. Das war damals wie heute, dass das Blut mit Giften, mit Sachen verunreinigt werden würde, die nicht rein gehören.“

Damals wie heute, fährt Mathias Berek fort, gebe es im Antisemitismus wie in der Impfkritik eine ganz starke Wissenschaftsfeindlichkeit: „Eine ganz starke Gegnerschaft gegen Aufklärung, gegen rationale Wissenschaftlichkeit.“ Das lasse sich ganz gut am Begriff der Schulmedizin zeigen: „Es wird von einer Schulmedizin geredet, die an den Universitäten gelehrt würde und die mit bestimmten Strukturen und Interessen verbunden wäre, die aber nicht im Sinne der menschlichen Gesundheit wäre.“ Mit dieser Wissenschaftsfeindlichkeit verbunden sei ein gewisses Problem, mit Komplexität und Widersprüchlichkeit umzugehen.

Verschwörungserzählungen

Was ist nun mit denen, die auf Querdenker-Demos oder im Internet den gelben Davidstern benutzen, mit der Aufschrift „ungeimpft“ oder – umgekehrt – in vorgeblicher Sorge auf die Geimpften projizieren? Hier, sagt Berek, komme der starke Bezug auf Verschwörungserzählungen zum Tragen: „… so ein Freund-Feind-Schema, dass geheime Kräfte im Hintergrund wirken würden, die alles Böse verursachen auf der Welt. Nur die kleine Schar der Eingeweihten würde das erkennen.“

„Manchmal wird Bill Gates genannt, manchmal werden aber auch dezidiert jüdische Institutionen genannt, die dahinter stehen würden, oder jüdische Personen, weil sie ja böse Interessen verfolgen würden. Eine weit verbreitete Erzählung ist zum Beispiel die des Great Reset, des Großen Neustarts oder des großen Austauschs. Das ist eine Theorie, die besagt, dass die Verschwörer, die meistens als Juden bezeichnet werden, dass die dafür sorgen würden, dass eine große Anzahl von Migrantinnen und Migranten nach Europa kommen würde, um hier die Bevölkerung auszutauschen.“

Relativierung der Shoa

Beim Benutzen des Davidsterns mit der Aufschrift „ungeimpft“ oder „Impfgegner“ oder auch bei Vergleichen mit Sophie Scholl oder Anne Frank spielt laut Mathias Berek aber noch ein anderes Phänomen mit: „Nämlich dass sich diese Bewegung quasi den Opferstatus der jüdischen Bevölkerung Deutschlands und Europas zur Nazizeit anmaßt. Man wäre doch in der gleichen Verfolgungssituation wie die Jüdinnen und Juden damals. Und das ist natürlich absurd, das überhaupt zu vergleichen.“

Das Tragen von Masken, die Kontaktbeschränkungen oder die anderen Maßnahmen in der Pandemie-Bekämpfung gleichzusetzen mit der Verfolgung und Ermordung der Jüdinnen und Juden durch die nationalsozialistischen Deutschen ist für Mathias Berek „nicht nur komplett irrsinnig, sondern auch bösartig, im Sinne einer Ideologie.“

Fotomontagen mit Bildern von KZ-Eingängen und dem Schriftzug „Arbeit macht frei“ oder „Impfen macht frei“ gehören demnach in die gleiche Kategorie: „Das ist nicht nur eine Anmaßung, sondern es ist gleichzeitig auch eine Relativierung der Shoah, des Holocaust. Weil es damit gleichzeitig auch verharmlost, was damals passiert ist. Also wenn man sagt, dass die Maskenpflicht heute genauso schlimm ist wie das, was damals passiert ist, sagt man ja, dass das damals gar nicht so schlimm war, eigentlich.“

Keine Entschuldigung

Der BRF hat Mathias Berek auf den Fall von Pascale Baudimont angesprochen, die für Vivant im BRF-Verwaltungsrat sitzt und solche Symbole und Anspielungen im Zusammenhang mit Impfkritik in ihren beiden Facebook-Profilen veröffentlicht hatte. In einer Stellungnahme hatte sie sich später gerechtfertigt mit dem Hinweis, dass ihre Familie „eine Familie von Widerstandskämpfern“ sei. Für sie selbst seien die geposteten Bilder „als Mahnung“ für ein „Nie wieder“ zu verstehen gewesen: „Das impliziert ja, dass die Maßnahmen gegen die Pandemie, um Menschenleben zu retten, dass die auf das gleiche hinauslaufen würden. Einen ähnlichen Hintergrund hätten wie die völkischen, rassistischen, antisemitischen Maßnahmen und Ideologien der Nazis damals. Also schon diese Annahme ist doch schwierig.“

Abgesehen davon findet Berek den Bezug auf die Familie schwierig: „Die Generation meiner Großeltern hat auch am Nationalsozialismus mit getan und ich bin ja deswegen auch kein Nazi geworden im Umkehrschluss. Diese Zwangsläufigkeit ist nicht vorhanden und das ist kein entschuldigendes Argument.“

Offene und latente Äußerungen

Es gibt aber auch in Ostbelgien Beispiele, wo der Holocaust offen angezweifelt wird oder das in Deutschland strafbare „U-Bahn-Lied“ angetextet wurde, wie in der Gruppe „Corona-Info Ostbelgien“, die inzwischen von Facebook auf das Netzwerk Telegram umgezogen ist.

Aus Sicht von Mathias Berek sind die Hemmschwellen gesunken: „Wir haben meines Erachtens mehr Leute, die sich offen antisemitisch äußern, trotz der vorhandenen Redeeinschränkungen, die es da gibt, bei Holocaustleugnung zum Beispiel.“

Neben diesen offenen Äußerungen gebe es aber auch „latente oder Umwegsformulierungen, wo man halt gar nicht die explizite Äußerung, dass man was gegen Juden hat, braucht, sondern wo Andeutungen reichen, die in der Szene aber verstanden werden.“

Verstöße melden

Wie soll also jemand reagieren, der auf solche Dinge stößt? „Es hängt davon ab, von wem das kommt. Wenn es jemand aus dem persönlichen Bekanntenkreis ist, dann ist natürlich immer noch die Möglichkeit, dass man zumindest mal mit den Leuten redet, um vielleicht was verändern zu können.“ Ansonsten gebe es Monitoring- und Meldestellen, wie in Deutschland zum Beispiel den Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus e.V. (RIAS). „Und bei Straftaten, die ganz offen gegen Gesetze verstoßen, da bleibt natürlich immer noch die Möglichkeit einer Anzeige. Und natürlich haben auch die Social Media inzwischen verschiedene Methoden, wie man Beiträge melden kann.“

Gerade weil auch die einschlägigen Plattformen wie beispielsweise Facebook mittlerweile reagieren, ziehen sich manche Nutzer und Gruppen auf Messenger-Dienste wie Telegram zurück: „Das ist zum einen positiv zu sehen, weil damit weniger Leute, die vorher nichts damit zu tun hatten, erreicht werden. Die Hürde, die Zugangshürde ist höher und das ist gut. Zum anderen ist es natürlich schwerer, das zu überschauen und zu analysieren, wenn es immer mehr ins Versteckte geht“, sagt Berek, der persönlich die gestiegene Hemmschwelle positiver bewertet als den Verlust von Zugang für die Analyse.

Parteipolitischer Missbrauch

Nun hatte zuletzt ein Online-Beitrag der Autorin und Publizistin Carolin Emcke auf dem Grünen-Parteitag in Deutschland für Aufsehen gesorgt: Sie habe in einem Atemzug den Umgang mit Klimaforschern und Juden genannt und damit ebenfalls eine Grenze überschritten, schrieben die Springer-Blätter BILD und „Die Welt“. Kritik kam auch aus Teilen der CDU. Mathias Berek hat dazu eine dezidierte Meinung: „Das ist ein klassisches Beispiel dafür, wie der Vorwurf des Antisemitismus missbraucht wurde für eine politische Attacke auf eine Partei und auf eine Person.“

Der CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak habe sich im Nachhinein auch entschuldigt und gemeint, er hätte es doch nochmal genauer lesen sollen, so Berek. „Sie hat nicht das historische Schicksal der europäischen Juden und Jüdinnen mit der Situation der Grünen heute verglichen. Dagegen die Leute, die mit Davidstern rumlaufen, wo „ungeimpft“ draufsteht: Das ist ein ganz klarer, offensiver und expliziter historischer Bezug auf die Shoah.“

Carolin Emcke habe beschrieben, wie in der Gegenwart Shitstorm-Kampagnen laufen in den Medien und Social Media. „Aber dass die ‚BILD‘-Zeitung und ‚Die Welt‘ damit vorpreschen und dass die CDU da mitmacht, das hat politische Gründe. Und ich glaube, sie haben sich selbst, sie haben aber auch dem Kampf gegen Antisemitismus damit keinen Gefallen getan.“

Aus der Geschichte lernen

Für Mathias Berek gilt es, sich noch aufmerksamer mit dem Antisemitismus auseinandersetzen, so wie es durch die Vortragsreihe an der Universität Trier geschieht. „Wir haben in vielen Bereichen der Gesellschaften Europas noch ein Wissensdefizit, was Antisemitismus angeht, aber auch was die historische Dimension angeht. Man sollte es nicht glauben, aber es ist immer noch so.“

Diskussionen um Begriffe und Argumente und deren Deutung empfindet Mathias Berek als wichtig. „Es ist nun mal ein Element von einer offenen Gesellschaft, dass man über Thesen und Argumente diskutiert. Nur es muss Grenzen geben da, wo andere Menschen herabgewürdigt werden, wo ganze Gruppen von Menschen für weniger Wert oder für nicht lebenswert erklärt werden. Das sind Grenzen, wo wir aus der Geschichte lernen können, wo die liegen.“

Zum Auftakt einer Reihe von Online-Vorträgen zu Antisemitismus an der Universität Trier setzt sich Mathias Berek am 24. Juni 2021 mit den Verflechtungen zwischen Antisemitismus und Impfkritik auseinander. Mehr Infos unter uni-trier.de.

Stephan Pesch

Ein Kommentar
  1. Claudia Körner

    Sehr interessant und informativ, da er das Thema von mehreren Seiten beleuchtet. Mir gefällt, dass er sich sachlich ohne Aggressivität damit auseinandersetzt..