„Gerettet – auf Zeit“: Ausstellung über Kindertransporte nach Belgien

"Gerettet - auf Zeit“ - unter diesem Titel steht eine Ausstellung zu den Schicksalen jüdischer Kinder, die im Zweiten Weltkrieg vor den Nationalsozialisten nach Belgien in Sicherheit gebracht wurden. Ihre Rettungsgeschichten und ihre außergewöhnlichen Lebenswege hat der Arbeitskreis "Lern- und Gedenkort Jawne" recherchiert. Sie wurden in einer Ausstellung dokumentiert, die erstmals im Landeshaus des Landschaftsverbandes Rheinland in Köln zu sehen ist.

„Gerettet - auf Zeit“: Ausstellung über Kindertransporte nach Belgien (Bild: Georg Krause)

„Gerettet - auf Zeit“: Ausstellung über Kindertransporte nach Belgien (Bild: Georg Krause)

Rund 1.000 Kinder wurden in den Jahren 1938/39 in 17 Zügen von Köln aus transportiert. Gerade mal sieben Jahre alt waren die jüngsten unter ihnen. Nach den November-Pogromen der Nationalsozialisten standen ihre Eltern vor einer schwierigen Entscheidung: Sie konnten die Kinder nach Belgien in Sicherheit bringen, mussten sie aber alleine gehen lassen.

Am 20. Dezember 1938 begann für 81 Kinder eine Reise in ein unbekanntes Land. „Sie wurden in Köln in den Zug gesetzt. Dann ging es über Aachen nach Brüssel. In Herbesthal, dem ersten Bahnhof auf belgischem Boden, hielt der Zug an. Die Kinder erlebten plötzlich etwas, was sie vorher nicht erlebt haben. Sie wurden freundlich behandelt, bekamen warme Kleidung und einen Kakao. Sie wurden menschlich behandelt“, berichtet Adrian Stellmacher vom Arbeitskreis „Lern-und Gedenkort Jawne“. „Ein Moment, der bis heute in den Erinnerungen der Menschen eine zentrale Rolle spielt.“

Die belgische Flüchtlingspolitik war damals eine der liberalsten in Europa. Allerdings gab es Auflagen: Privatleute mussten für die Kinder aufkommen, berichtet Stellmacher. „Die Rettung ist dadurch zustande gekommen, weil belgische jüdische und nichtjüdische Organisationen für die Betreuung der Kinder zuständig waren, aber auch weil viele Privatpersonen und Pflegefamilien sich bereit erklärt haben, sie aufzunehmen. Nur durch die Zivilcourage war es überhaupt möglich, diese Kinder zunächst zu retten.“

Auch Hans Rosenblatt aus Wien kann sich mit sieben Jahren nach Belgien retten. In Brüssel wird er von einem jüdischen Ehepaar aufgenommen. Erst nach sechs Jahren sieht er seine leiblichen Eltern wieder. Das kam oft vor, aber nicht immer, erklärt Adrian Stellmacher. „Ein bestimmter Teil der Kinder hat Eltern in Belgien wiedergesehen. Das war möglich, weil die Eltern über die grüne Grenze illegal geflohen sind.“

„Wenn sie weit genug gekommen waren, haben sie sich in Brüssel angemeldet, eine Wohnung bezogen, und dort dann mit ihren Kindern eine Zeit zusammengelebt. Viele erwachsene Juden wurden allerdings nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Diese Zusammenkunft war also oft nur von kurzer Dauer. Die Kinder, deren Eltern in Deutschland geblieben sind, haben ihre Eltern nie wiedergesehen.“

Viele der Jungen und Mädchen konnten überleben – auch nach dem Einmarsch der Deutschen 1940. Dank des belgischen Widerstandes und der Zivilcourage der Bevölkerung. „Teilweise wurden Kinder nach dem Mai 1940 von Privatpersonen und Pflegefamilien versteckt. Sie wurden ausgegeben als Neffe oder Nichte, haben andere Namen bekommen. Teilweise wussten ganze Dörfer, dass diese Kinder dort versteckt waren. Diese Kinder wurden in Heime gebracht, die von den Nazis kontrolliert waren. Aber in dem Moment, wo Razzien anstanden, hat es der Widerstand geschafft, diese Kinder zu verstecken.“

Übertragene Erinnerung

Für die Erinnerung an die Verfolgung und Rettung der jüdischen Kinder stehen symbolhaft zwei skulpturale Installationen des Kölner Künstlers Ludwig Dunkel. „Übertragene Erinnerung“ nennt er sie. Auch seine eigene Familiengeschichte steckt mit darin.

Dunkels Vater war als Kind in Walhorn vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten versteckt und gerettet worden. Ein Grund, warum der Künstler die Anfrage der Ausstellungsmacher annahm, eine Skulptur zu den Kindertransporten zu schaffen.

Zwei Drittel der Kinder, die in Zugtransporten nach Belgien kamen, haben den Krieg überlebt. Viele konnten weiter nach Südfrankreich fliehen, von dort in die Schweiz gehen oder in die USA emigrieren. Doch etwa ein Drittel dieser Transport-Kinder sind von den deutschen Besatzungsbehörden gefasst worden. Sie wurden nach Mechelen gebracht und von dort nach Auschwitz deportiert.

„Gerettet - auf Zeit“: Ausstellung über Kindertransporte nach Belgien (Bild: Georg Krause)

„Gerettet – auf Zeit“: Ausstellung über Kindertransporte nach Belgien (Bild: Georg Krause)

Michaela Brück

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5 Kommentare
  1. Teda Wellmer

    Wunderbar , dass diese Ausstellung zustande kam. Allen, die sich dafür eingesetzt haben, sei Dank.

  2. Maria und Dr. José Kastler

    Mit Spannung nahmen wir seit längerer Zeit das Entstehen dieser Dokumentation der Menschlichkeit wahr.

  3. Johannes Weber

    Ein sehr guter Bericht, eine Einladung die Ausstellung zu besuchen.
    Bilder und Worte die bewegen.

  4. Günther Duikers

    Hochachtung allen Belgiern, die sich in dieser schrecklichen Zeit unter großen Gefahren der „fremden“ Kinder angenommen haben! Sehr gut, dass dies in Deutschland gezeigt wird!

  5. Manneback Pierre

    Hi,
    I am a Belgian grandson of Mauritz Dressou and Bertha Speyer, who have hosted Dora and Berta Steuer in Kortrijk, Belgium in 1939, with the help of their sister Rachel Speyer. All of them were Jewish, and escaped from the Holocaust, by leaving Europe to Indonesia, a former dutch colony. They left Belgium during the exodus in May 40, to South of France, with their family, including my mother Anna Dressou (born in 1931, still alive).
    Best regards,
    Pierre Manneback, Mons, Belgium (born in 1958)

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