Kommentar: Der andere Karneval

Vor einem Jahr wäre das - wie vieles andere - unvorstellbar gewesen: Der Karneval fällt aus! Kleinzukriegen ist er nicht. Und das ist gerade in solchen Zeiten wichtiger denn je.

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch

BRF-Chefredakteur Stephan Pesch (Foto: Achim Nelles/BRF)

„Könnt ihr denn nicht einmal darauf verzichten?“ Doch, können sie, die Karnevalisten. Schon frühzeitig haben sie klar Schiff gemacht und ihre Session abgesagt. Zu einem Zeitpunkt, als unter anderem noch im sicheren Vertrauen Kirmes gefeiert wurde, mit den bekannten Folgen.

Zu präsent war die Erinnerung an den Corona-Ausbruch auf einer Kappensitzung im Kreis Heinsberg. Und das übliche Karnevalstreiben ist ja nun wirklich der geeignete Nährboden für eine Ansteckungskrankheit. Nicht von ungefähr ging man in Deutschland bisher immer davon aus, dass die Grippewelle verlässlich nach dem rheinischen Karneval über das Land schwappt.

Nun ist es ja nicht so, dass die fünfte Jahreszeit vor Corona immer über den Dingen gestanden hätte: Es gab witterungsbedingte Teilausfälle in jüngerer Zeit oder die moralisch begründete Absage wegen des Golfkrieges vor genau 30 Jahren. Und ein zeitlich weiter zurückliegendes, thematisch dafür näherliegendes Beispiel: den „Pockenkarneval“ von 1962.

Nach dem Ausbruch der ansteckenden Krankheit in der deutschen Eifel, ausgehend von einem Betrieb in Lammersdorf, zogen die Behörden auf belgischer Seite kurzfristig die Notbremse: Der Karneval im Bezirk Verviers wurde abgesagt. Entrüstung seinerzeit gegen diese „Schikane“. In einem Telegramm aus Eupen an die zuständigen Minister und den Provinzgouverneur hieß es: „… schlagen hermetische Abriegelung der belgisch-deutschen Grenze vor – stop.“ Interessant, wie sich manche Argumente wiederholen.

Auch im wallonischen Malmedy wird dieser Tage daran erinnert, wie der mehrhundertjährige Cwarmê in jenem Jahr den Pocken „zum Opfer fiel“. Die Malmedyer reagierten mit Galgenhumor und einem fingierten Nachruf auf ihren Karneval, samt einer nicht ganz ernst zu nehmenden „Trauerkundgebung“.

Denn Jammern ist nicht ihr Ding und an Einfallsreichtum hat es ihnen noch nie gefehlt, den Karnevalisten. Das zeigt sich in Zeiten von Abstandsregeln und Schunkelverbot: von Filmchen im Internet, in denen kleine Karnevalswagen vorbeiziehen, bis zu aufwendigen Produktionen wie „Doheem is Karneval“ oder „Jecke Tön für doheem“ – oder auch nur die kleinen Gesten wie die tanzenden Schulkinder vorm Seniorenheim, die Puppen an den Hauswänden, das Kostüm am Arbeitsplatz, die geschmückten Schaufenster, der Clown auf dem Fahrersitz des Schülerbusses … oder der Geschmack von Pöffele, Mutzen oder Heringssalat.

Wir brauchen solche kleinen Lichtblicke gerade inmitten einer nicht enden wollenden Fastenzeit. Das bestätigen die vielen Reaktionen und hohen Zugriffszahlen auf unsere Beiträge zum Karneval. Es ist ein anderer Karneval. Aber nicht der schlechteste.

Stephan Pesch