Die Presseschau von Mittwoch, dem 4. Januar 2017

Die Hassnachrichten im Internet nach dem Tod eines jungen Belgiers mit türkischen Wurzeln beim Anschlag in Istanbul sorgen für Empörung. Außerdem der Augenzeugenbericht einer Belgierin, die das Attentat überlebt hat sowie Meldungen aus dem Unterrichtswesen.

Innenminister Jan Jambon (Bild vom 2.12.)

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„Innenminister Jambon erklärt den Verfassern von Hassnachrichten im Internet den Krieg“, titelt Gazet van Antwerpen. „Mehr Polizisten gegen Rassismus im Internet“, bemerkt Het Nieuwsblad. „Diese Menschen wissen nicht, was sie da sagen“, erklärt der Vater des getöteten Belgiers in De Morgen.

Vier Tage nach dem mörderischen Anschlag in einer Istanbuler Diskothek wird das belgisch-türkische Opfer Kerim Ayil in seiner limburgischen Heimatgemeinde Houthalen am Mittwoch beigesetzt. Die Familie des 23-Jährigen hat nicht nur unzählige Trauerbekundungen erhalten, wie Het Belang van Limburg hervorhebt, sondern musste auch zahlreiche Hassbotschaften im Internet lesen. Innenminister Jan Jambon hat die geschmacklosen Kommentare bei Facebook aufs Schärfste verurteilt und Konsequenzen angedroht. Die Computereinheit der föderalen Polizei soll mehr Personal erhalten, um die Verfasser der rassistischen Nachrichten ausfindig zu machen und zu verfolgen.

Strafbarer Extremismus

Het Laatste Nieuws meint: Genau wie es tanzende Moslems nach den Brüsseler Anschlägen gab, gibt es auch tanzende Rassisten in Belgien, die sich über jeden toten Landsmann mit marokkanischen oder türkischen Wurzeln freuen. Diese Extremisten verdienen weder Beifall noch Bewunderung, sondern eine Strafe. Mit politischer Korrektheit oder freier Meinungsäußerung haben ihre Auslassungen nichts zu tun. Sie sind strafbar. Punkt, aus, Amen! Es ehrt Innenminister Jambon, dessen N-VA in Rassismusfragen oft herumeiert, nun solch klaren Grenzen aufzuzeigen.

Het Nieuwsblad findet: Wir brauchen keine strengeren Gesetze, die gibt es bereits. In Sachen Alltagsrassismus trägt jeder von uns eine Verantwortung. Wie oft haben wir nicht schon Ausländer auf der Straße schief angeguckt, gibt die Zeitung zu bedenken. Andererseits müssen auch manche Einwanderer mehr tun, uns unsere Sprachen zu lernen, um sich hierzulande besser zu integrieren. Die multikulturelle Gesellschaft ist längst Realität – ob uns das gefällt oder nicht. Wir sollten das Beste daraus machen, statt dem „weißen“ Belgien nachzutrauern, das längst Geschichte ist.

Gazet van Antwerpen hat einen konkreten Vorschlag für ein besseres Zusammenleben. Alleine in Antwerpen finden in den kommenden Wochen 400 Straßen- und Nachbarschaftsfeste statt, um auf das neue Jahr anzustoßen. Eine perfekte Gelegenheit, um mit den ausländischen Nachbarn ins Gespräch zu kommen, findet das Blatt.

„Ich hatte furchtbare Todesängste“

In Het Laatste Nieuws erzählt eine belgische Überlebende des Blutbads von Istanbul, wie sie in der Neujahrsnacht in der Diskothek Reina um ihr Leben gebangt hat. Jennifer De Boevere aus Gent war mit ihrem Freund auf der Tanzfläche, als der Attentäter plötzlich auftauchte und um sich schoss. Wie durch ein Wunder wurde die 28-Jährige nicht getroffen. Sie konnte in einen Nebenraum flüchten und sich dort verstecken. Ihr Freund sprang in den eiskalten Bosporus und überlebte ebenfalls. In der Zeitung erklärt De Boevere: „Ich dachte: Jetzt ist es vorbei. Ich hatte solche Todesängste, dass ich bereits mit meinem Leben abgeschlossen hatte“.

„In 70 Prozent der belgischen Schulen ist Asbest verarbeitet“, titelt L’Avenir. In so gut wie allen Schulgebäuden, die vor den 90er Jahren errichtet wurden, ist der gefährliche Baustoff verarbeitet worden. Asbest steht im Verdacht, Lungenkrebs zu verursachen. Der Baustoff ist gefährlich sobald er bröcklig wird – also beispielsweise bei Schäden oder Umbauarbeiten. Asbest ist seit 1998 in Belgien verboten. Gegen den größten Hersteller, die Firma Eternit, läuft ein Berufungsverfahren vor Gericht. Das Urteil wird für Mitte März erwartet.

Schlechter Lehreraustausch und neue Jobs in Großunternehmen

Laut dem Rechnungshof, dessen Bericht La Libre Belgique veröffentlicht, finanziert die Französische Gemeinschaft ihre Schulen schlecht. Das System sei zu kompliziert, zu undurchsichtig und nicht an die Bedürfnisse der Schulen angepasst, so die Finanzexperten.

„Innerbelgischer Lehreraustausch ist ein totales Fiasko“, titelt Le Soir. Um die Fremdsprachenunterrichte in den Schulen zu verbessern, hatten Flandern, die Französische und die Deutschsprachige Gemeinschaft 2015 ein Austauschabkommen geschlossen. Lehrer können dadurch ein Jahr lang in einem anderen Landesteil in ihrer Muttersprache unterrichten. Das Problem: Bislang haben nur zwei flämische Lehrer das Angebot genutzt und kein einziger französischsprachiger Lehrer.

Nach Angaben von L’Écho gehen die meisten neuen Arbeitsplätze in Belgien auf das Konto von großen Unternehmen. Seit Amtsantritt der Regierung Michel vor zwei Jahren sind im Privatsektor über 83.000 Jobs geschaffen worden. Dreiviertel davon in Betrieben mit mehr als 200 Arbeitnehmern. Nur ein Viertel der Neueinstellungen erfolgte in kleinen und mittleren Unternehmen.

Alain Kniebs - Bild: Laurie Dieffembacq/BELGA

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