Die Uhren ticken ungleichmäßig in der Ouvertüre zu Maurice Ravels Kurzoper "L’Heure Espagnole", in der es um einen Uhrmacher geht, der jeden Donnerstag zur gleichen Zeit sein Haus verlässt, um die städtischen Uhren aufzuziehen und zu unterhalten. Seine Frau nutzt diese Zeit für abwechselnde Schäferstündchen mit ihren beiden Liebhabern.
"L’heure espagnole" ist Maurice Ravels erste Oper und wurde 1911 uraufgeführt. Sie dauert nur etwa 50 Minuten, und darum wird sie üblicherweise gemeinsam mit anderen Kurzopern aufgeführt, oft – wie jetzt auch in Lüttich – mit Ravels zweiter und letzter Oper "L’enfant et les sortilèges" aus dem Jahr 1924.
Bei dieser zweiten Kurzoper geht es um ein bösartiges und ungehorsames Kind, das die Gegenstände und Tiere in seinem Zuhause misshandelt. Dann erwachen die Gegenstände zum Leben, die Tiere können plötzlich sprechen, und alle bedrängen das tyrannische Kind, das sich im Lauf der Oper schließlich zu einem mitfühlenden und hilfsbereiten Menschen wandelt.
Dirigent der Produktion ist der Franzose Jean-Yves Ossonce, und er glaubt, dass bei diesen beiden Opern für jeden etwas dabei ist, weil sie kompakt sind und fast wie Kurzfilme von jeweils etwa einer Dreiviertelstunde aufgebaut sind. Nicht nur sind die Handlungen der beiden Kurzopern laut Maestro Ossonce sehr sympathisch, der interessierte Zuschauer kann sich auch in die ausgeklügelte Musik Ravels vertiefen, die es in beiden Werken zu entdecken gibt. Dabei ist es interessant zu vergleichen, wie sich in den fünfzehn Jahren, die zwischen den Uraufführungen der beiden Werke liegen, Ravels Kompositionsstil und auch sein allgemeiner Gefühlszustand entwickelt haben.
"L’heure espagnole" stammt aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und ist eine unterhaltsame Komödie, während "L’enfant et les sortilèges" Anfang der 1920er Jahre geschrieben wurde und eher tiefsinnig ist. Laut Dirigent Jean-Yves Ossonce sind beide Opern zu 100 Prozent Ravel, wobei man in "L’heure espagnole" Ravels damaliges Interesse für alles Spanische deutlich erkennt, wogegen das Kindliche in "L’enfant et les sortilèges" ihm wohl geholfen hat, die Grauen des Krieges zu verarbeiten, den er bis 1917 als Soldat hautnah miterlebt hat.
Während "L’heure espagnole" eine wahre Kammeroper mit insgesamt gerade einmal fünf Mitwirkenden ist, kommen in "L’enfant et les sortilège" neben dem Opernchor ein knappes Dutzend Solisten sowie der Kinderchor der Oper und zusätzlich noch eine Reihe von Tänzern auf die Bühne – wirklich ein riesiger Aufwand für gerade einmal 45 Minuten Musik. Fürs Auge und fürs Ohr wird also einiges geboten.
Hinzu kommt ein bestens aufgelegtes Orchester, das unter der fachkundigen Leitung von Jean-Yves Ossonce die komplexe und enorm farbenreiche Musik von Maurice Ravel hervorragend interpretiert, gerade auch in den vielen virtuosen Solo-Passagen der Holzbläser. Sehr beeindruckend ist aber auch die Tatsache, dass Regisseur Jean-Louis Grinda es schafft, die beiden Opern tatsächlich wie zwei völlig verschiedene Produktionen wirken zu lassen, sowohl was das Bühnenbild und die Kostüme betrifft, als auch die tiefere Wirkung der beiden Werke.
Denn vergessen wir nicht, die beiden einzigen Opern von Maurice Ravel haben wirklich nichts gemeinsam außer dem Komponisten. Und somit gibt es in Lüttich in dieser Woche zwei zum Preis von einem - in unserer heutigen Konsumgesellschaft sicherlich auch ein Grund für einen Ausflug nach Lüttich. Alle Informationen zur aktuellen Produktion findet ihr wie auf der Webseite der Königlichen Oper der Wallonie.
Patrick Lemmens



