Die neue Opernsaison in Lüttich beginnt, wie die letzte aufgehört hat: mit Musik von Giuseppe Verdi, noch dazu mit einer der drei Opern des Komponisten, die auf einem Schauspiel von William Shakespeare beruhen. Im Juni stand als letzte Produktion der Saison "Otello" auf dem Spielplan, eine von Verdis späten Opern, und jetzt eröffnet die Königliche Oper der Wallonie ihre Spielzeit 2026-27 mit dem 40 Jahre vor "Otello" entstandenen Stück "Macbeth".
"Macbeth" ist Verdis erste Vertonung eines Shakespeare-Dramas, und dramatisch ist dieses Stück allemal, wie auch die Musik der Ouvertüre schon erahnen lässt. Dabei war es alles andere als einfach, die Kraft der Worte aus Shakespeares Tragödie in ein zweieinhalbstündiges Musikwerk umzusetzen, und einen großen Anteil am Erfolg der Oper haben die Librettisten - heute würde man sagen die "Drehbuchschreiber" -, wie der musikalische Leiter der Lütticher Oper, Giampaolo Bisanti, erklärt.
"Verdi hatte zwei große Vorlieben, Shakespeare und Allessandro Manzoni, der Dichter. Die Trilogie "Macbeth", "Otello" und "Falstaff" stellt für mich den höchsten Grad an Wissen und künstlerischer Vollendung dar. Wir müssen auch den Librettisten die große Fähigkeit zugestehen, die Werke Shakespeares zusammenzufassen und Verdi eine klare musikalische Umsetzung zu ermöglichen."
Verdis "Macbeth" ist ein Meisterwerk mit herrlicher Musik und äußerst anspruchsvollen Gesangspartien; vor allem die machthungrige Lady Macbeth, Ehefrau und Anstifterin hinter dem schottischen Königsmörder und Thronräuber Macbeth, hat enorme gesangliche Herausforderungen zu meistern. "Lady Macbeth, die Sopranistin - ich denke, das ist eine der schwierigsten Rollen, die je geschrieben wurden. Alles ist dabei: Agilitäten, dramatischer Gesang, hohe Töne, das schreckliche Arpeggio, alle möglichen Nuancen. Deshalb ist es auch heute noch sehr schwierig, eine Sopranistin zu finden, die diese Eigenschaften aufweist", erklärt Bisanti.
Die Lütticher "Lady Macbeth" ist die amerikanisch-polnische Sopranistin Ewa Płonka, die mit dieser Rolle ihr Debüt an der Königlichen Oper der Wallonie gibt. Sie meistert alle Schwierigkeiten und Herausforderungen mit Bravour und wurde bei der Premiere am Freitag am Ende zu Recht mit tosendem Applaus bedacht. Ebenfalls hervorragend aufgelegt war der Sänger der Titelrolle, Luca Micheletti, der als Macbeth nicht weniger begeisterte und trotz seiner unsympathischen Rolle das Publikum bei seinem ersten Auftritt überhaupt in Lüttich voll und ganz überzeugen konnte.
Viel zu tun hat in "Macbeth" auch der Chor, seien es die Frauen als die Hexen, die Macbeth seinen Aufstieg zum König vorhersagen und später seinen Fall, oder seien es die Männer als Soldaten von Macbeth oder von dessen Widersacher Macduff - die Sängerinnen und Sänger des Lütticher Opernchors überzeugten und erhielten zu Recht am Ende donnernden Applaus von ihrem treuen Publikum.
Für mich waren die absoluten Stars des Abends aber einmal mehr die Musikerinnen und Musiker des Orchesters unter der Leitung von Giampaolo Bisanti. Die Partitur von "Macbeth" ist alles andere als einfach zu spielen, und nicht einmal hatte man am Premierenabend den Eindruck, dass etwas nicht so klang, wie es klingen sollte. Ganz im Gegenteil - das Orchester zauberte Stimmungen herbei, die von Dramatik über Verzweiflung, Melancholie und Bedrohung bis hin zu Euphorie und Siegestaumel reichten, und dabei wurde so überzeugend musiziert, dass man als Zuhörer völlig in die Handlung hinein gesogen wurde, ohne zu bemerken, dass überhaupt ein Orchester live spielte. Das ist Oper auf höchstem Niveau.
Hinzu kommt das tolle Bühnenbild und die perfekte Inszenierung von Regisseur Stefano Poda, der in Personalunion auch die Kostüme, die Lichtgestaltung und die Choreografie der Tänzer leitet - da sitzt alles wie aus einem Guss, und so wird die erste Produktion der Saison in Lüttich trotz des dunklen Themas und des vielen Bluts zu einem bleibenden Erlebnis.
Alle Informationen zu "Macbeth" und den weiteren Produktionen der neuen Spielzeit sind nachzulesen auf der Webseite der Lütticher Oper.
Patrick Lemmens













