Nicht zufällig stand zum Abschluss des Kalenderjahres 2025 eine Operette von Johann Strauss Sohn auf dem Programm der Königlichen Oper der Wallonie, denn 2025 war ein Jubiläumsjahr für den berühmtesten Vertreter der Wiener Strauss-Dynastie: Am 25. Oktober feierte der Wiener Walzerkönig seinen 200. Geburtstag.
Neben den etwa 500 Walzern, Märschen und Polkas, die Johann Strauss in seinen 73 Lebensjahren komponierte, schrieb er auch eine Oper und 15 Operetten. "Die Fledermaus" aus dem Jahr 1874 ist die bekannteste und erfolgreichste darunter, und die Musik ist herrlich schwungvoll und mitreißend.
Dirigiert wurde die letzte Produktion des Jahres in Lüttich von dem deutschen Gastdirigenten Nikolas Nägele aus Baden-Württemberg. Er hat die "Fledermaus" schon mehrfach an anderen Theatern dirigiert und ist immer noch begeistert von Strauss' Meisterwerk.
"Also erstens ist die Musik genial auf den Text komponiert. Jedes einzelne Wort kommt auf eine natürliche Art und Weise im Orchester zum Vorschein. Das Orchester drückt aus, was die Leute empfinden, und manchmal sagt das Orchester sogar noch mehr", sagt Nägele.
"Strauss hat eben diese zweite Dimension verstanden - nämlich eine tiefsinnige Dimension. Natürlich ist es lustig und Freude und Spaß und Fete und so, aber es gibt eine Dimension, die ist ganz ehrlich und ganz menschlich – und das hört man in der Musik immer wieder. Die Musik hat immer wieder einen Moment, wo man spürt: Jetzt kommt auf einmal so eine tiefsinnige, profunde, ja teilweise auch melancholische Stimmung zustande."
"Gleichzeitig bleibt es immer locker, es bleibt immer leicht. Das ist eben auch dieser besondere Wiener Stil, wenn wir beim Neujahrskonzert diese Walzer hören und diese unglaublichen Geigenmelodien, dieses Gesangsvolle – irgendwo steckt da immer eine Dimension drin, die ganz schwer zu beschreiben ist. Das ist wirklich sehr speziell, dieser Stil."
Die letzte Vorstellung der aktuellen "Fledermaus"-Produktion in Lüttich fand am Silvesterabend statt, mit einem Schluss kurz vor Mitternacht. Passender konnte man als Opern- oder Operettenfreund das Jahr gar nicht enden lassen, denn der zentrale Ort des Stücks ist ein prächtiger und zügelloser Maskenball.
Regisseur Olivier Lepelletier-Leeds hatte die Handlung kurzerhand aus dem Wien der 1870er Jahre ins moderne Hollywood verlegt, was der Wirkung der Operette aber laut Dirigent Nikolas Nägele keineswegs geschadet hat. "Diese Geschichte passt in jede Zeit, es hat sich nichts verändert. Alles, was da in der Fledermaus vorkommt, das können Sie in den 80ern spielen oder im Jahr 2025."
"Es geht um menschliche Beziehungen, es geht um Sehnsüchte, es geht um die Lust am Leben. In diesem Fall sind wir in den 80ern, es ist glamourös, wir haben tolle Kostüme, wir haben frische Darsteller, die uns die Story jetzt in diesem Licht zeigen. Ich glaube, man sieht auch ein bisschen diesen Moulin-Rouge-Hintergrund – und das will man auch bei einer Fledermaus. Man braucht zu dieser brillanten Musik auch was fürs Auge, und da ist wirklich ganz viel dabei."
Dass da ganz viel fürs Auge dabei war, das kann ich bestätigen. Und nicht nur das Auge, sondern auch das Ohr kam auf seine Kosten, denn die herrliche und schwungvolle Musik von Johann Strauss Sohn wurde wirklich von allen Mitwirkenden hervorragend interpretiert, vom Orchester über den Chor bis hin zu den zahlreichen Solisten.
Weil die "Fledermaus" eine Operette ist, also im Gegensatz zu einer komplett gesungenen Oper auch gesprochene Passagen enthält, mussten die Hauptdarsteller schon eine gehörige Portion Schauspielkunst mitbringen, und das war hier in Lüttich ganz klar der Fall. Man merkte allen Mitwirkenden an, dass sie Spaß an der Sache hatten, und das sprang auch schon sehr schnell auf das Publikum über.
Alles in allem war die "Fledermaus" in Lüttich ein äußerst gelungener Jahresabschluss, der Lust macht auf mehr Oper im Neuen Jahr.
Patrick Lemmens


