"Es gibt noch viel Arbeit vor uns", wollte Domenico Ebner nach dem Erfolg in der ausverkauften Alverberg-Halle in Hasselt noch nichts von einer vorzeitigen Qualifikation wissen. Für den italienischen Schlussmann zählt zunächst die optimale Punkteausbeute. "Für uns ist es ganz wichtig, jetzt auch mit einer Favoritenrolle die Spiele zu gewinnen. Das ist eine ungewohnte Rolle, die wir bisher noch nicht hatten." Spielerisch sei längst nicht alles rundgelaufen. "Heute war es sicherlich kein schönes Spiel, gerade die zweite Halbzeit von uns nicht. Aber die zwei Punkte gehen auf uns."
Für Ebner hatte die Begegnung einen besonderen Wiedererkennungswert. Schon beim letzten Aufeinandertreffen in Belgien hatte Italien nach einer ausgeglichenen ersten Halbzeit einen deutlichen Vorsprung herausgespielt, ehe die Roten Wölfe in der Schlussphase noch einmal herankamen. "Das Spiel hat mich an das letzte Spiel hier in Belgien erinnert", sprach Ebner von einem Déjà-vu.
Auch Raphael Kötters erkannte die Parallelen, wollte die Italiener aber nicht unbedingt als Angstgegner bezeichnen. "Auf jeden Fall liegen sie uns nicht gut. Ähnlich wie Griechenland sind das die zwei Teams, auf die ich eigentlich nicht mehr so viel Lust habe", erklärte der Ostbelgier.
Dennoch sah Kötters im Vergleich zum letzten Duell eine Steigerung. "Ich finde, dass wir es heute besser gemacht haben als das letzte Mal, weil wir die ersten 20 Minuten das Spiel sogar dominieren."
Danach sei allerdings die Müdigkeit spürbar geworden. Gleichzeitig brachten die Belgier den italienischen Torhüter mit einigen ungenauen Abschlüssen immer besser ins Spiel. "Wir fangen an, den Torwart warm zu werfen, und der macht dann ab der 20. Minute eine starke Partie."
Besonders ärgerlich war aus belgischer Sicht der Beginn der zweiten Halbzeit. Nach dem 11:13-Pausenrückstand zog Italien innerhalb weniger Minuten entscheidend davon. "Dann ist das Spiel fast gegessen", meinte Kötters. Dass die Roten Wölfe am Ende noch auf vier Treffer herankamen, wertete er zumindest als positives Zeichen. "Wir geben nicht auf, weil wir uns auch gesagt haben, dass wir bis zum Ende kämpfen werden. Das haben wir auch gemacht. Es hat leider nicht gereicht."
Ein entscheidender Faktor war die Leistung von Domenico Ebner. Der italienische Bundesliga-Torhüter brachte insbesondere die belgischen Rückraumspieler mit seinen Paraden zur Verzweiflung. Auch Kötters musste mehrfach die Überlegenheit des Schlussmanns anerkennen.
"Ich persönlich habe auf jeden Fall deutlich mehr verworfen als reingemacht bei ihm. Vor allem aus dem Rückraum hat er uns eigentlich alles weggeschnappt", sagte der Ostbelgier. "Es war wirklich eine starke Leistung von ihm. Er spielt in der Bundesliga, hat Erfahrung. Mit so etwas muss man leider rechnen. Es ist nur schade, dass er das gegen uns macht."
Ebner wiederum fand lobende Worte für Kötters und die belgische Mannschaft. Besonders der Auftritt der Roten Wölfe bei der Auftaktniederlage gegen Deutschland hatte ihn beeindruckt. "Er hat ein überragendes Spiel gegen Deutschland gemacht, wie die ganze belgische Mannschaft. Was sie über 45, 50 Minuten gegen die Deutschen gespielt haben, war super."
Der italienische Schlussmann sieht den belgischen Handball ohnehin auf einem guten Weg. Die Tatsache, dass mittlerweile zahlreiche Nationalspieler in Frankreich und Deutschland aktiv sind, sei ein wichtiger Faktor für die Weiterentwicklung. "Es gibt viele Länder, ähnlich wie Italien, wo auch Belgien gerade eine Aufbruchsstimmung hat."
Die Unterschiede zwischen den Mannschaften seien häufig geringer, als es die Ergebnisse vermuten lassen. "Da entscheidet die Tagesform", betonte Ebner. Schon wenige andere Entscheidungen, Paraden oder erfolgreiche Abschlüsse hätten dem Spiel einen anderen Verlauf geben können.
Für die Roten Wölfe ist nach den beiden Auftaktniederlagen gegen Deutschland und Italien der zweite Gruppenplatz und damit die direkte EM-Qualifikation in weite Ferne gerückt.
Kötters hatte allerdings bereits vor Beginn der Qualifikation gewusst, dass die Aufgabe schwierig werden würde. "Italien hat mittlerweile eine sehr starke Mannschaft. Lauter Spieler, die in der Bundesliga oder der ersten Liga in Frankreich spielen, und alles Vollprofis", erklärte der Ostbelgier. Dennoch trauerte er der verpassten Gelegenheit nach. Gerade vor heimischem Publikum wäre gegen die ebenfalls durch das Spiel vom Donnerstag belasteten Italiener möglicherweise etwas drin gewesen.
Nun richtet sich der Blick auf die beiden Begegnungen gegen die Slowakei im März. "Wenn wir überhaupt auf eine Qualifikation hoffen wollen, dann müssen wir die beiden Spiele gewinnen", stellte Kötters klar.
Ganz abgeschrieben hat er den Traum von der ersten EM-Teilnahme der belgischen Handballherren aber noch nicht. Denn neben den beiden Gruppenersten qualifizieren sich auch die vier besten Gruppendritten für die Endrunde 2028 in Spanien, Portugal und der Schweiz.
Zumindest die Tordifferenz gibt Kötters noch Hoffnung. Gegen Deutschland hatten die Belgier lange mitgehalten, und auch die Vier-Tore-Niederlage gegen Italien hält sich aus seiner Sicht in Grenzen. "Die Ausgangslage ist trotzdem jetzt nicht miserabel", betonte er.
Entscheidend wird nun sein, ob die Roten Wölfe im März gegen die Slowakei die ersten Punkte einfahren können. Nur dann dürfte der Traum von einer historischen EM-Premiere realistisch bleiben.
Radio-Interview mit Domenico Ebner und Raphael Kötters im Player:
Rote Wölfe unterliegen Italien mit 20:24 – EM-Traum rückt in weite Ferne
Christophe Ramjoie