Pfaff warnt davor, die Generationen von damals und heute miteinander zu vergleichen. "Man kann das nicht vergleichen", sagt der ehemalige Nationaltorhüter. "1986 war der große Aufbau einer neuen belgischen Mannschaft. Über zehn Jahre, von 1976 bis 1986, haben wir etwas aufgebaut." Die heutige Mannschaft sei das Ergebnis einer langen Entwicklung über mehrere Generationen hinweg. "Diese jungen Spieler haben alles weitergeführt und die Mentalität hat sich verändert."
Auch gesellschaftlich habe sich der Fußball gewandelt. Früher sei es für Spieler mit ausländischen Wurzeln schwieriger gewesen, Teil der belgischen Nationalmannschaft zu werden. Heute sei das anders: "Jetzt ist alles möglich. Alle spielen miteinander und können das Glück genießen. Das ist auch ein Vorteil für die Mentalität im Sport und im Leben."
Trotz der historischen Parallele sieht Pfaff vor allem eines: ein neues Spiel. "Auf dem Papier kann man sagen: Spanien gegen Belgien wie 1986. Aber das Spiel muss immer noch gespielt werden." Besonders beeindruckt zeigte er sich von Spanien: "Ich habe Spanien gegen Portugal gesehen. Sie spielen diesen Tiki-Taka-Fußball, wie wir ihn kennen. Wenn sie einen guten Tag haben, sind sie ganz gefährlich".
Gleichzeitig sieht Pfaff bei Belgien eine neue Stärke: den Teamgeist. Die Vorbereitung auf die Partie habe die Mannschaft zusätzlich motiviert. "Die Spieler sind supermotiviert. Gegen Amerika hat man gesehen: Wenn der Gegner den Ball hatte, standen sofort zwei Spieler bereit, um ihn zurückzuerobern." Die Konzentration und Geschlossenheit seien entscheidend gewesen.
Von einem ähnlichen Spielverlauf gegen Spanien erwartet Pfaff allerdings keine Geschenke. "Das Tor war gegen Amerika da, aber solche Geschenke wird Spanien nicht machen." Der ehemalige Keeper rechnet mit einer deutlich schwierigeren Aufgabe. "Spanien ist eine Mannschaft, vor der man Respekt haben muss. Aber Respekt ist schön - du musst trotzdem auf dich selbst schauen. Du spielst für dein Land und du sollst gewinnen."

Seine Erinnerungen an 1986 helfen ihm bei der Einschätzung der aktuellen Situation. Auch damals sei Belgien als Außenseiter in das Duell gegangen. Heute müsse die Mannschaft vor allem an die eigene Entwicklung glauben. "In den letzten 20, 25 Jahren hat Belgien viel aufgebaut. Die anderen Mannschaften haben inzwischen auch Respekt vor uns."
Pfaff sieht die Roten Teufel zudem im Turnierverlauf immer stärker werden. Die Vorrunde sei nicht perfekt gewesen, aber die Mannschaft habe sich gefunden. "Die ersten drei Spiele waren nicht so gut. Wir hatten ein bisschen Glück. Aber jetzt sieht man: Alle werden besser." Besonders wichtig sei die kämpferische Mentalität. "Ein Kämpfer geht nicht einfach zurück. Wenn er den Ball nicht bekommt, kämpft er weiter. Diese Mannschaft ist clever."
Vor dem Viertelfinale erwartet der frühere Welttorhüter ein ausgeglichenes Duell. "Heute denke ich: fifty-fifty." Entscheidend sei, welche Mannschaft ihre beste Leistung abrufen könne. "Wenn Spanien wieder so spielt wie gegen Portugal, dann hat Belgien eine große Chance. Wenn Spanien aber seinen Tiki-Taka-Fußball perfekt umsetzt, wird es gefährlich."
Einen Vorteil sieht Pfaff darin, dass die aktuelle Mannschaft weniger Druck verspürt als die viel diskutierte "goldene Generation". "Früher haben alle sehr viel erwartet. Jetzt müssen sie nicht auf andere schauen, sondern auf sich selbst." Die Spieler hätten durch ihre Erfahrungen bei internationalen Klubs gelernt und könnten damit umgehen.
Sein abschließender Tipp fällt vorsichtig aus: "Es ist schwer. Ich denke, nach 90 Minuten könnte es wieder 1:1 stehen. Vielleicht geht es wieder ins Elfmeterschießen". Eine Prognose, die bei belgischen Fans Erinnerungen an 1986 endgültig wieder lebendig werden lässt.
Radio-Interview mit Jean-Marie Pfaff im Player:
Christophe Ramjoie