800 laufende Meter Dokumente und 7.000 Fotos - allein der Umfang des Vieille Montagne-Archivs ist beeindruckend. Fast 40 Jahre lang schlummerte der wertvolle Bestand unter anderem im Lütticher Staatsarchiv, bis sich Fachleute daran machten, ein Inventar zu erstellen. Acht Jahre haben sie daran gearbeitet.
Auf insgesamt 1.500 Seiten in fünf Bänden haben sie den Inhalt des Vieille-Montagne-Archivs aufgelistet. Es gehört zu den bedeutendsten Industriearchiven in Europa, weil es so umfangreich und lückenlos 200 Jahre Unternehmensgeschichte dokumentiert, die auf dem Altenberg in Kelmis begann.
Roger Baltus ist Gründer und Präsident der internationalen Vereinigung "Vieille Montagne Heritage" mit Sitz in Kelmis, die sich seit 2018 für das Archivprojekt einsetzt. In Raymond Lenaerts fand er einen passionierten Mitstreiter. Er hatte schon die Gelegenheit, sich Originale im Lütticher Staatsarchiv anzusehen: "Das kann man kaum beschreiben. Diese alten Bücher in Leder gefasst. Wenn man denkt, dass sich niemand darum gekümmert hat und das 150 Jahre durchgehende Geschichte ist. Das ist ein Schatz, der endlich gehoben wurde."
Ein Schatz auch für Ostbelgien. Denn 20 Prozent des Archivbestandes betreffen Kelmis und die Nachbargemeinden, erklärt Raymond Lenaerts: "Man entdeckt jede Menge Geschichten der Gemeinde. Was ist im Krieg passiert. Was war mit der Kirche, für die die Vieille Montagne Geld gegeben hat? Da ist so viel Reichtum an Geschichten drin."
Zu den wertvollsten Dokumenten in dem Bestand zählen diejenige aus den Anfängen der Zinkgewinnung in Kelmis. 1805 beantragte der Zinkpionier Jean Jacques Dony, ein Lütticher Stiftsherr, eine Konzession für die Abbaurechte auf dem Altenberg. Seine gesamte Korrespondenz mit Napoleon darüber ist erhalten ebenso wie über Donys Ofen-Erfindung, die er 1809 zum Patent anmeldete. Die erste Zinkhütte ließ Dony 1810 in Lüttich bauen, wo er die Kapitalgesellschaft der Vieille Montagne gründete. Nach 80 Jahren war die Altenberger Mine erschöpft, und das Unternehmen suchte weltweit nach neuen Minen.
Das Unternehmen "Vieille Montagne" existierte bis 1989. Dann wurde es von der Gruppe Unionminière übernommen, heute Umicore. Vor zehn Jahren verkaufte der Konzern seine Zinkaktivitäten an die belgische Fedrus-Gruppe. In ihrer Marke VM Building Solutions ist der Name Vieille Montagne noch immer präsent.
Dass die Archivbestände nach der Schließung des historischen Hauptsitzes in Angleur an das Lütticher Staatsarchiv und die Universität übergeben wurden, war ein großes Glück. Denn sind sie eine Fundgrube für Forscher. Aber vor allem erzählen sie Geschichten von Menschen, schwärmt Roger Baltus. So erfährt man, dass damals Ingenieure von Kelmis aus in die ganze Welt reisten, um eine Zinkindustrie nach belgischem Modell aufzubauen.
Noch viele Geschichten wollen im Archiv der Vieille Montagne entdeckt werden. Neben der Papierversion soll in den kommenden Wochen auch eine digitale Version des Inventars zur Verfügung stehen. Dann kann jeder Interessierte die Dokumentenauflistung online durchforsten und nach Anfrage im Lütticher Staatsarchiv Originale einsehen.
Weitere Informationen unter sagazinc.com und vieillemontagneheritage.eu.
Michaela Brück








