Schon heute findet in den Schulen der Deutschsprachigen Gemeinschaft auf verschiedene Art und Weise Leseförderung statt. Ziel des neuen Pilotprojektes der DG und der AHS ist es aber, das Thema systematisch und vor allem nachhaltiger anzugehen. Ein passendes Konzept wird ab sofort in insgesamt sieben Schulen und Kindergärten in der DG getestet.
Dem Projektaufruf sind die SGO, die SGU, die Schulgemeinschaft Lontzen-Walhorn, die Gemeindeschule Iveldingen-Born-Deidenberg sowie die Gemeindeschule Raeren gefolgt. Auch die Gemeinsame Grundschule Bütgenbach und die Gemeindeschule St. Vith wollen das Projekt schrittweise übernehmen.
Rund 1.800 Kinder sollen in der Pilotphase erreicht werden. Zentraler Bestandteil des Konzepts ist eine regelmäßige, verbindliche Lesezeit - das sogenannte "Leseband". "Das kann man sich wirklich so vorstellen, dass der Unterricht an jedem Wochentag oder an drei von fünf Wochentagen für 20 Minuten unterbrochen wird, für diese Lesezeit", sagt Thomas Ortmann. Er leitet den Fachbereich Bildungswissenschaften an der AHS.
"Diese Zeit ist dann aber nicht nur ein freies Lesen, bei dem die Kinder sich einfach ein Buch oder ein Bilderbuch nehmen, sondern das ist wirklich eine spezifische Förderung. Dann wird in Lese-Tandems gearbeitet, durch Hörbuchlesen oder auch durch chorisches Lesen, also das sind wirklich auch explizite Fördermaßnahmen in diesen 20 Minuten." Vor allem das Lesen an sich, aber auch das Leseverstehen und die Leselust sollen durch das Projekt gefördert werden.
Die AHS erfüllt als Projektpartner gleich mehrere Aufgaben. Neben der fachlichen Beratung an den teilnehmenden Schulen begleitet die Hochschule das Projekt auch empirisch: Um die Effekte der verbindlichen Lesezeit auf die Leistungen der Kinder zu verfolgen, finden zum Anfang und zum Ende jedes Schuljahres Testungen im dritten und fünften Schuljahr statt. Außerdem gibt es Weiterbildungen für das Lehrpersonal - teils schulintern, teils mit den Lehrkräften aller teilnehmenden Schulen.
Das Pilotprojekt soll insgesamt drei Jahre dauern und orientiert sich an der Arbeit des Germanisten Steffen Gailberger. 2018 hatte er das Konzept erstmals in Hamburg umgesetzt. Im Laufe der Jahre wurde das Projekt auf weitere Orte in Deutschland, aber auch auf Südtirol und nun auf Ostbelgien ausgeweitet. Die Leitung des Projekts an der AHS übernehmen Gabriele Goor und Dominique Chavet.
Die Ergebnisse vergangener Untersuchungen lassen hoffen: Kinder, die an einer verbindlichen Lesezeit teilgenommen hatten, erzielten sowohl bei der Leseflüssigkeit als auch beim Leseverstehen bessere Ergebnisse als die jeweilige Kontrollgruppe, die keine verbindliche Lesezeit hatte.
"Es gab sogar 'Spillover-Effekte' auf andere Bereiche, zum Beispiel auf den Bereich der Rechtschreibung oder der mathematischen Kompetenzen, was einfach auch noch mal zeigt, wie wichtig Sprache und Lesen für andere Fächer und den Bildungserwerb einfach generell sind", so Thomas Ortmann.
Einen großen Unterschied zwischen dem ursprünglichen Projekt und der ostbelgischen Version gibt es dann aber schon: Während das Projekt in Deutschland das erste bis vierte Schuljahr abdeckt, läuft es in Ostbelgien vom ersten Kindergartenjahr bis zum sechsten Schuljahr. Dadurch werden auch neue Forschungserkenntnisse erwartet.
"Gerade hier ist es dann natürlich interessant zu sehen, ob das dann nochmal einen höheren positiven Effekt hat, wenn man schon im Kindergartenalter mit der Leseförderung startet und die Schüler dann auch länger begleitet. Insofern wird das bei der empirischen Vergleichsstudie natürlich interessant sein zu sehen, was da gegebenenfalls der Effekt sein kann", sagt die AHS-Direktorin Isabelle Weykmans.
Nach einem Jahr, in dem die ersten sieben Schulen unterstützt werden sollen, kann das Projekt sich in seinem zweiten Jahr an neue Schulen wenden. DG-Bildungsminister Jérôme Franssen kann sich durchaus auch vorstellen, das Thema Leseförderung im Bereich der Sekundarschulen anzugehen. "Allerdings hat die Sekundarschule dann natürlich andere Rahmenbedingungen, weil wir hier zum Teil ganz anders unterwegs sind, als in der Grundschule, aber das ändert ja nichts an der Tatsache, dass auch dort Lesen wichtig bleibt. Da müssen wir uns natürlich auch in Zukunft gemeinsam Gedanken machen, wie wir das Lesen in den Sekundarschulen verstärken können", so Franssen.
Ein erster Ergebnisbericht des Projekts in den Grundschulen soll nach dem ersten Jahr erstellt werden. Langfristiges Ziel ist es, alle Grundschulen in der DG mit dem Projekt zu erreichen.

Lindsay Ahn