Der Bildungskanon von Flandern ist mehr als nur eine Liste. Er umfasst 60 sogenannte "Fenster" - das sind Schlüsselereignisse, prägende Persönlichkeiten, Orte, Kunstwerke und Entwicklungen, die die Flämische Region historisch und kulturell geformt haben. Es gibt eine Buchvorlage.
Die Internetseite bietet aber nicht nur die Basisinformationen, sondern verknüpft diese mit einem umfangreichen Multimedia-Angebot aus Karten, Bildern, Videos und weiterführenden Texten, das stetig erweitert wird.
Von der Kontroverse zum Schul-Hit
Ursprünglich war das Projekt stark umstritten. Kritiker befürchteten eine politische Instrumentalisierung der Geschichte zur Stärkung einer flämischen Nationalidentität, nachdem die N-VA das Projekt 2019 im Koalitionsvertrag verankert hatte. Doch seit die unabhängige Expertenkommission im Mai 2023 den fertigen Kanon vorlegte, hat sich die Stimmung gewandelt. Das Werk gilt heute als wissenschaftlich fundiert und nuanciert, da es auch dunkle Kapitel der Geschichte nicht ausspart.
In der Praxis zeigt sich der Erfolg im Bildungsbereich: Zu Beginn jedes Schuljahres steigen die Abrufzahlen der Webseite in Flandern deutlich an. "Man sieht das sofort, dass der Kanon in der Schule benutzt wird", erklärte Prof. Dr. Frank Willaert, der Teil des Expertengremiums war, bei der Vorstellung im Eupener Parlament. "Ich denke, dass viele Lehrer damit ihren Unterricht leichter und interessant machen."
Ein Fenster zum Nachbarn
Vorbild für das Projekt war der niederländische Bildungskanon, der dort bereits seit 2006 existiert.
Die flämische - und jetzt auch deutschsprachige - Webseite bietet verschiedene Einstiegspunkte: Nutzer können sich chronologisch durch eine Zeitleiste klicken oder die Inhalte nach sieben übergreifenden Themen filtern, darunter "Kunst & Wissenschaft", "Macht & Widerstand" sowie "Wirtschaft & Technologie".
Doch das Angebot richtet sich nicht nur an Flamen. Parlamentspräsidentin Patricia Creutz-Vilvoye betonte bei der Präsentation, der Kanon helfe dabei, "den anderen besser zu verstehen". Es sei ein Projekt, das viele Perspektiven eröffne. "Wir müssen in die Zukunft schauen. Und da verbindet uns so manches", so Creutz-Vilvoye. Die Seite lädt somit auch die deutsch- und französischsprachigen Mitbürger sowie alle Geschichtsinteressierten zum Stöbern und Lesen ein.

Manuel Zimmermann