Noch ist unklar, welche langfristigen Folgen der Brand im Hohen Venn in der Natur hinterlassen wird. Das wird sich erst zeigen, wenn das Feuer gelöscht ist und wissenschaftliche Untersuchungen im Brandgebiet durchgeführt werden konnten. Serge Nekrassoff, der pädagogische Leiter an der Forschungsstation von Mont Rigi geht jedoch davon aus, dass die Schäden in den Torfmooren erheblich sein werden.
Tiefenbrand bedroht die Regeneration der Torfmoore
Um diese Veränderungen einzuordnen, muss man zwischen zwei Arten von Torfmooren unterscheiden: den sogenannten aktiven, die noch Torf bilden, und den degradierten Mooren, in denen es zwar Torf gibt, aber kein neuer mehr entsteht. Beide Bereiche sind aktuell von Tiefenbrand betroffen. "Wenn der Boden brennt, bedeutet das, dass auch die Samen, die Wurzeln und die Tiere, zum Beispiel Amphibien, die sich bei Gefahr normalerweise in den Boden zurückziehen, betroffen sind. All diese Lebewesen und Samen und Wurzeln werden zusammen mit dem Boden verbrannt", so Nekrassoff.
Beim Brand 2011 sei das anders gewesen. Damals brannte vor allem die Vegetation an der Oberfläche, während der Boden noch wassergesättigt war. Die Regeneration war dadurch deutlich einfacher. "Heute wird es wesentlich schwieriger sein. Wahrscheinlich profitiert davon eine Pflanze, die bereits auf dem Plateau weit verbreitet ist: das Pfeifengras. Diese Pflanze ist sehr feuerresistent, hat schon mehrere Brände überstanden und nutzt die Asche zur Vermehrung. Dadurch ist sie zu einer Symbolpflanze geworden, die wir bereits auf vielen degradierten Flächen finden. Eine der möglichen Gefahren ist, dass die aktiven Torfgebiete, die derzeit von den Bränden betroffen sind, mit Pfeifengras bedeckt werden und die Torfpflanzen, die dort noch vor wenigen Tagen wuchsen, verschwinden."
Dass sich die Natur durch den Brand stark verändern wird, vermutet auch der Biologe Philippe Frankard. "Und leider wissen wir auch, dass so ein Brand eine erhebliche Wiederaussaat von Bäumen, hauptsächlich Birken und Weiden, zur Folge haben wird. Daher riskieren wir in den nächsten zehn Jahren eine großflächige Aufforstung. Wenn wir die offenen Lebensräume erhalten wollen, müssen wir diese Aufforstung bekämpfen. Das ist aber nicht einfach, da diese Bäume aus dem Stumpf wieder austreiben. Lösungen zu finden wird für das nationale Forstamt sehr kompliziert werden."
Langfristige Folgen für Moore und CO2-Speicher
Der Biologe rechnet zudem damit, dass die Natur bei der Regeneration an einigen Stellen menschliche Hilfe brauchen wird. In den kommenden Jahren seien deshalb zahlreiche Maßnahmen nötig. Bei seinen Vermutungen stützt der Biologe sich auf Entwicklungen aus vergangenen Torfbränden im Venn aus den Jahren 1911 und 1947. In Bereichen mit sehr wenig Torf sollte sich die Natur vergleichsweise schnell regenerieren können.
"Innerhalb von etwa zwei bis drei Jahren dürften sich wieder erste Pionierstadien entwickeln. Die komplexe Struktur der ursprünglichen Vegetation wird allerdings verschwunden sein. Wir werden dann sehr gleichförmige Lebensräume haben. Bei den aktiven Moorgebieten ist es dagegen sehr schwierig, überhaupt eine Einschätzung abzugeben. Zum einen kennen wir noch nicht das Ausmaß der Schäden, weil es derzeit nicht möglich ist, vor Ort nachzusehen. Zum anderen waren diese Hochmoore weder 1911 noch 1947 von Bränden betroffen. Wir haben also keinen Vergleichspunkt."
Pro Jahr lagert sich im Durchschnitt ein Millimeter Torf in der Erde ab - brennt das Feuer einen Meter tief, gehen also tausend Jahre Torfbildung verloren. "Und angesichts der Bedingungen, die wir in den vergangenen Jahren hatten, ist die Torfakkumulation in den intakten Bereichen wahrscheinlich sogar noch geringer als ein Millimeter pro Jahr. An den Stellen, an denen der Torf verbrannt ist, wird es also sehr, sehr lange dauern - jedenfalls auf menschlicher Zeitskala -, bis sich das alles wieder regeneriert", so Frankard.
Damit ist ein wichtiger CO2-Speicher in Gefahr. Das größte Drama dieses Brandes sei aber, dass zwei der bedeutendsten Gebiete im Venn, das Hochmoor der Fagne Wallonne und das Hochmoor von Cléfaye, vollständig abgebrannt seien. Das könnte auch die künftige Torfproduktion in den beiden Mooren stark einschränken.
Zerstörte Lebensräume setzen Tiere unter Druck
Neben der Natur sind natürlich auch die Tiere betroffen, die im Hohen Venn leben. So gebe es beispielsweise Libellenarten, die sich erst vor Kurzem wieder im Moor angesiedelt haben und nun bedroht sein könnten, sagt Serge Nekrassoff.
Auch das wichtigste Verbreitungsgebiet des Birkhuhns wurde durch den Brand verwüstet. Der Biologe Johann Delcourt hat noch vor Beginn des Vennbrands 13 Birkhühner mit GPS-Trackern verfolgt. Seit Brandbeginn habe es jedoch keine Rückmeldung mehr von sechs Tieren gegeben, die sich in dem Brandgebiet befunden haben. Ob es dabei an Netzproblemen liegt oder die Tiere in dem Feuer gestorben sind, ist noch unklar. Zwei Birkhühner haben das Gebiet verlassen, fünf weitere befanden sich in einem weiter entfernten Gebiet und haben ihr Verhalten nicht geändert.
Der zerstörte Lebensraum bedeutet für die Birkhühner vor allem weniger Nahrung - besonders für die Küken im kommenden Frühjahr. Eine Fortpflanzung werde deshalb voraussichtlich außerhalb der zerstörten Gebiete stattfinden, so Delcourt.
Lindsay Ahn