Die Mine von Blegny - bis 1980 wurde hier Kohle gefördert. Hunderte Arbeiter fuhren täglich bis zu 530 Meter in die Tiefe, um das schwarze Gold der Region zu fördern.
Es gibt nicht mehr viele Männer, die aus eigener Erfahrung von der Arbeit in den Minen erzählen können. Michel und Sante sind beide Mitte 80 und kehren mit uns an ihren alten Wirkungsort zurück. Und während Sante nach einem Unfall nach nur anderthalb Jahren die Mine verlassen musste, gehört Michel in Blegny fast schon zum Inventar. Er hat hier 23 Jahre lang Kohle abgebaut und war danach nochmal 26 Jahre als Touristenführer tätig.
Der Käfig bringt uns runter. Sofort verändert sich die Luft, kühl und feucht ist es 30 Meter tiefer. Für die beiden ehemaligen Arbeiter ist der Stollen voller Erinnerungen. "Ich musste ganz oben in den Schacht zu Beginn. Gerade mal 45 Zentimeter hoch. Ich war 17 und war zum Glück dünn wie ein Strich und konnte da rein. Und dann hörte man immer die Hölzer krachen. Da gab es noch keine Stahlstützen", erzählt Sante Palimieri.
Die Bedingungen unter Tage kann man sich heute kaum vorstellen. Ohne Schutzkleidung lagen die Männer in engen Schächten, die von den Stollen abzweigten und hämmerten die Kohle aus dem Gestein. Hinzu kam die ständige Gefahr durch herabfallende Felsen, Grubengas oder Wassereinbrüche. Alles begleitet von ohrenbetäubendem Lärm.
"Aber die Mine hat gut gezahlt und ich wollte meine Familie unterstützen", sagt Michel. "Wir haben unseren Lohn jede Woche unserer Mutter gegeben, ohne den Umschlag aufzumachen." Und Sante fügt hinzu: "Ja, man kam nicht in der Mine arbeiten, weil man reich war."
Der gute Lohn und die Aussicht auf ein besseres Leben lockten viele Menschen in die belgischen Minen, auch aus den armen Gegenden Italiens. Sante selbst war noch ein Kind, als die Familie ihrem Vater hinterher zog. "Im Oktober 1948 bin ich mit meinen zwei Brüdern, meiner Schwester und meiner Mutter angekommen. Als wir am Bahnsteig ausstiegen, kam sofort mein Vater. Dann hat man uns in einen Lastwagen gesetzt und nach Grâce Berleur gefahren."
Die Ankunft in Belgien war für viele Italiener ziemlich ernüchternd. Die Barackensiedlungen um die Kohleminen boten nur das Nötigste. "Wir hatten kein Wasser, kein Waschbecken, kein Badezimmer. Wir hatten rein gar nichts. Du hättest da nicht mal die Hühner rein gesteckt."
Hinzu kam, dass Belgien und Italien im Zweiten Weltkrieg verfeindet waren. Zumindest zu Anfang wurden viele Einwanderer ausgegrenzt und als Schmarotzer oder Faschisten beschimpft. "Manche waren meine Freunde, manche nicht, weil es nicht lange her war, dass wir 'Macaronis' im Krieg bei den Gegnern waren", meint Sante.
"Es war nicht bösartig, aber auch nicht freundlich. Wir Kinder haben einfach nachgeplappert, was unsere Eltern gesagt haben. Das hat aber nicht lange gedauert und dann waren wir Freunde. Aber ich erinnere mich an Orte, an denen Schilder hingen: 'Verboten für Hunde und Italiener'", ergänzt Michel.
"Trotzdem ist meine Jugend nicht unglücklich gewesen", betont Sante. "Die Einwanderer hielten eng zusammen und es gab zahlreiche Feste. Ich erinnere mich ans Maibaumklettern und ans Sackhüpfen. Und es gab natürlich Musik. Viele haben ihre Instrumente aus Italien mitgebracht. Es waren richtige Feste."
"Im Rückblick hat Belgien mir viel gegeben", sagt Sante. "Und die Einwanderer haben auch Belgien viel gegeben", fügt Michel hinzu. "Es gab zu wenig Arbeiter. Sie sind nach hier gekommen. Hut ab. Ich bin nicht sicher, ob ich das gekonnt hätte: Mein Land verlassen, an einen unbekannten Ort gehen, ohne die Sprache zu kennen, in Baracken leben und zwei, drei Tage nach der Ankunft direkt runter in die Mine…"
Trotzdem sind viele Italiener geblieben. Sie wurden Teil der Gemeinschaft der Bergleute. Für Sante ein durchweg positives Erlebnis. "Diese Männer haben sich gegenseitig gehalten. Man kann wirklich von Bruderschaft sprechen. Das habe ich nirgendwo anders je wieder erlebt."
Bis heute zeigen Flaggen an der Mine von Blegny stolz, wie bunt die internationale Gemeinschaft unter Tage war. "Am Ende waren eh alle schwarz", scherzt Michel, als der Aufzug langsam wieder nach oben rattert. Und wie damals freuen die beiden sich, nach der Dunkelheit unten wieder das Tageslicht zu sehen.
Anne Kelleter








