Es war eine Katastrophe, deren Ausmaß sich niemand vorstellen konnte - und eine Nacht, die Claudia Niessen und viele andere ihr Leben lang begleiten wird.
Dabei begann der Tag zunächst mit einem unguten Gefühl, nicht mit einer Gewissheit. "Man wusste, es kommt ein Hochwasser, das halte ich rückblickend immer noch für ein Gerücht", sagt Niessen. Niemand auf lokaler Ebene habe gewusst, was tatsächlich auf Eupen zukommen würde. Als sie morgens ihren Sohn zum Bahnhof brachte, regnete es unaufhörlich. Später stand sie in ihrer Küche, sah die Wassermengen und die Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr und spürte: Etwas stimmte nicht.
"Ich hatte ein ungutes Gefühl, kann man tatsächlich so sagen", erinnert sie sich. Sie rief bei der Polizei an, erkundigte sich nach dem Pegelstand der Weser und fragte, ob ein Krisenstab eingerichtet werden könne. Eine konkrete Warnung hatte es nicht gegeben - es war die eigene Einschätzung, die sie handeln ließ.
Was folgte, war ein Tag zwischen Unsicherheit, Verantwortung und Entscheidungen im Minutentakt. Zunächst schien es wie ein steigendes Hochwasser, eine schwierige, aber bekannte Situation. Niemand rechnete mit einer zerstörerischen Flutwelle. Sandsäcke wurden gefüllt, verteilt, Keller sollten geräumt werden, Menschen wurden gewarnt. "Wir haben uns vorgestellt, das Wasser steigt und wir werden mit den Rettungsdiensten die Leute nicht mehr erreichen können", erzählt Niessen. Dass Menschenleben unmittelbar bedroht sein würden, habe niemand erwartet.
Im Krisenstab blieb keine Zeit für Angst. Entscheidungen mussten getroffen werden - schnell und unter enormem Druck. Sporthallen wurden geöffnet, Auffangzentren vorbereitet, Evakuierungen eingeleitet. "Da ist keine Gefühlslage. Das sind Entscheidungen teilweise im Zwei-Minuten-Takt, teilweise im Fünf-Minuten-Takt", beschreibt Niessen die Situation.
Große Verantwortung
Die Bürgermeisterin vergleicht diese Momente mit einem Feuerwehrmann, der in ein brennendes Gebäude geht: "Du arbeitest diese Dinge ab mit den Informationen, die du bekommst". Die Verantwortung sei dabei immer präsent gewesen. "Am Ende des Tages hat der Bürgermeister, die Bürgermeisterin die finale Verantwortung innerhalb eines Krisenstabs."
Während draußen das Wasser stieg, kämpften die Einsatzkräfte und Helfer gegen eine Lage, die immer unübersichtlicher wurde. Über Funk kamen Hilferufe, Informationen waren bruchstückhaft, manche Rettungskräfte brachten sich selbst in Gefahr. "Wir haben Situationen erlebt, das wünsche ich niemandem, Sachen noch mal zu erleben", sagt Niessen. Die Erleichterung, wenn Einsatzkräfte wieder sicher zurückkehrten, habe nur wenige Sekunden gedauert. Danach musste weitergearbeitet werden.
Erst am nächsten Morgen wurde das ganze Ausmaß sichtbar. Niessen erinnert sich an den Moment, als sie in die Unterstadt kam. "Ich erinnere mich bis heute an die erste Wohnung, wo das Sofa irgendwie auf dem Tisch lag und der Schlamm überall war. Ich habe nur gedacht: Das ist nicht möglich."
Doch auch angesichts der Zerstörung blieb keine Zeit, innezuhalten. Zu viele Fragen standen gleichzeitig im Raum: Wo sind Menschen in Gefahr? Welche Gebäude sind sicher? Wo können Rettungskräfte noch durchkommen? "Man hat in dem Moment nur überlegt: Was muss ich als Nächstes tun? Was braucht es? Wo fange ich am besten an?"
Verzweiflung und Wut
Ihre oberste Priorität sei immer gewesen, weitere Menschenleben zu schützen. Deshalb wurden auch Wohnungen gesperrt, obwohl viele Betroffene zurückkehren wollten. "Ich möchte keine Menschen in Gefahr bringen", sagt Niessen. Auch Helfer sollten geschützt werden - selbst wenn diese Entscheidungen in der Verzweiflung der Betroffenen schwer verständlich waren.
Denn neben der Zerstörung kam auch die Wut. Viele Menschen hatten alles verloren, manche machten ihrer Verzweiflung Luft. Teilweise musste Niessen mit Polizeischutz durch die Unterstadt gehen. Sie habe diese Reaktionen verstanden: "Es ist auch teilweise so weit gekommen, dass wir nur mehr mit Polizeischutz durch die Unterstadt gegangen sind, weil die Leute sehr aggressiv waren aus Verzweiflung".
Besonders schwer waren jene Momente, in denen das persönliche Leid sichtbar wurde. Niessen erinnert sich an ein kleines Mädchen, das mit einem Teddy und einer Plastiktüte aus seinem zerstörten Zuhause kam. Das Bild habe sie bis heute nicht losgelassen. Trotzdem wusste sie: Ihre Rolle war eine andere. "Wenn ich mich um das eine Mädchen und die eine Frau und den einen älteren Herrn gekümmert hätte, wäre ich nicht mehr in dieser Rolle gewesen, das Ganze zu koordinieren."
Zwischen Menschlichkeit und Krisenmanagement
Die Bürgermeisterin musste zwischen Menschlichkeit und Krisenführung einen schwierigen Balanceakt finden. Sie musste gleichzeitig helfen, organisieren, verhandeln und Eupens Interessen vertreten. Denn unmittelbar nach der Katastrophe begann bereits der Kampf um Unterstützung und Wiederaufbaumittel. Gespräche mit Behörden, Politikern und Institutionen folgten. "Es ist nicht von ungefähr gekommen, dass Eupen in die erste Kategorie der Gemeinden aufgestiegen ist mit Fluthilfen der Wallonischen Region", sagt Niessen. Dafür habe es massive politische Arbeit gebraucht.
Trotz aller Belastungen blieb ihr vor allem eines in Erinnerung: die Solidarität. Die vielen Menschen, die freiwillig halfen, die Einsatzkräfte, die Mitarbeitenden der Stadt und die zahlreichen Organisationen. "Ich habe in dieser Zeit die tiefsten Abgründe der Menschlichkeit und die positivsten Eigenschaften der Menschlichkeit kennengelernt", sagt sie.
Die Krise habe gezeigt, wie verletzlich eine Gesellschaft sei - aber auch, wie stark ihr Zusammenhalt sein könne. Gleichzeitig bleibt bei Niessen die Sorge, dass aus der Katastrophe nicht genug gelernt wurde. Verbesserungen bei Warnsystemen seien wichtig, doch absolute Sicherheit könne es nicht geben. "Die Politik sollte aufhören, das zu propagieren, weil das stimmt nicht. Man sollte nicht Angst machen, aber man sollte sich besser vorbereiten."
Fünf Jahre nach der Flut ist der 14. Juli 2021 für Claudia Niessen ein Teil ihrer Lebensgeschichte geworden. Die Bilder sind geblieben, ebenso wie die Erinnerung an den Regen jener Nacht. "Ich kann dir heute genau sagen, was für ein Regen das war. Ich höre den, wenn es je nachdem, wie es regnet, dann geht die Schublade auf."
Die schwierigste Zeit ihrer politischen Laufbahn sei es gewesen - aber auch eine, die ihr gezeigt habe, wozu Menschen fähig sind. Sie habe gelernt, Verantwortung zu tragen, Entscheidungen zu treffen und sich auf andere verlassen zu können. Doch sie habe auch die Grenzen menschlicher Systeme gesehen.
"Solche Krisen meistert niemand alleine", sagt Niessen. Eupen habe die Katastrophe nur durch Gemeinschaft und Solidarität bewältigen können. Und sollte eine ähnliche Situation wieder eintreten, würde sie ihre Erfahrung einbringen - nicht aus einem Gefühl der Unfehlbarkeit heraus, sondern aus dem Wissen, dass Vorbereitung und Zusammenhalt entscheidend sind.
Christophe Ramjoie