"Angelo war eigentlich sehr zurückhaltend", erinnert sich Gerd Heuer. Als Kind sei sein Sohn eher schüchtern und introvertiert gewesen. Doch mit den Jahren habe er sich zunehmend geöffnet, insbesondere durch seine Arbeit im Restaurant und den täglichen Kontakt mit Gästen. "Die letzten Jahre hat er sich wirklich verändert - im positiven Sinne."
Trotz dieser Entwicklung sei er immer ein ruhiger Mensch geblieben. In seinem Freundeskreis galt er als Vermittler: "Er war mit seinen Freunden als Schlichter bekannt und hatte nie gerne Streit. Er war ein ruhiger Pol".
Die Beziehung zwischen Vater und Sohn beschreibt Gerd Heuer als eng und vertrauensvoll. Als alleinerziehender Vater war er für Angelo und dessen jüngere Schwester gleichzeitig Vater und Mutter. "Wir hatten eigentlich ein gutes Verhältnis. Natürlich hatte er seinen eigenen Kopf, und manchmal haben wir uns auch gezofft. Aber im Großen und Ganzen war alles gut."
Besonders beeindruckt habe ihn der Zusammenhalt zwischen Angelo und seiner Schwester. Wenn er beruflich unterwegs gewesen sei, habe Angelo Verantwortung übernommen: "Da hat Angelo meinen Part übernommen und mich gegenüber seiner jüngeren Schwester ersetzt".
Angelo sei für sein Alter außergewöhnlich vernünftig gewesen. "Er war immer ein bis zwei Jahre weiter als andere in seinem Alter." Gleichzeitig habe er Abenteuer geliebt und wenig Angst gekannt. Beim Snowboardfahren etwa habe er immer die anspruchsvollsten Hänge gesucht. "Er war kein Risikomensch im negativen Sinn, aber er hatte einfach nicht schnell Angst."
Der 14. Juli 2021 begann zunächst wie ein gewöhnlicher Tag. Aufgrund des steigenden Hochwassers half Angelo noch dabei, Möbel im Restaurant seines Chefs in Sicherheit zu bringen. Am Nachmittag verbrachten Vater und Sohn ihre letzten gemeinsamen Stunden. "Wir haben uns noch zusammen das reißende Wasser angeschaut", erzählt Gerd Heuer. Danach brachte Angelo noch das Wohnmobil seines Vaters weg. "Das war der letzte Zeitpunkt, an dem ich ihn lebend gesehen habe."
Am Abend erhielt Gerd Heuer einen Anruf seiner Tochter. Die Polizei war bereits vor Ort und überbrachte die Nachricht, dass Angelo verunglückt war. Sofort fuhr er ins Krankenhaus nach Eupen. Dort wartete die Familie bis nach Mitternacht auf Nachrichten der Ärzte. Stundenlang kämpften die Rettungskräfte um Angelos Leben. "Von halb neun bis nach Mitternacht haben sie reanimiert." Schließlich kam die Nachricht, dass alle Bemühungen erfolglos geblieben waren.
Belastende Unwahrheiten
Besonders belastend war für die Familie, dass bereits während der Reanimationsversuche öffentlich vom Tod Angelos gesprochen wurde. Gerd Heuer kritisiert bis heute den damaligen Umgang mit der Situation: "Sie haben ihn für tot erklärt, obwohl sie noch am Reanimieren waren". Für die Familie sei dies eine zusätzliche Belastung gewesen. "Wir mussten mit dem Verlust umgehen und gleichzeitig mit Unwahrheiten, die verbreitet wurden."
Über die genauen Umstände des Unglücks weiß Gerd Heuer nur das, was ihm Freunde seines Sohnes später berichteten. Gemeinsam mit mehreren Freunden wollte Angelo die außergewöhnlichen Wassermassen erleben. Ursprünglich hatte er seinen Vater sogar nach einem Schlauchboot gefragt. Als dieses nicht einsatzbereit war, nutzten die Jugendlichen einen aufblasbaren Wasserring. In einem normalerweise harmlosen Bereich des Ostparks entwickelte sich durch die Wassermassen jedoch eine gefährliche Strömung. "Irgendwann haben sie ihn nicht mehr gesehen", berichtet Heuer. Vermutlich sei Angelo in einen Strudel geraten und abgetrieben worden.
Auf dem Weg ins Krankenhaus gingen Gerd Heuer viele Gedanken durch den Kopf. Aufgrund seines Wissens über Tauchmedizin ahnte er, welche Folgen eine lange Zeit ohne Sauerstoff haben könnte. "Man hofft natürlich, dass er es schafft. Aber gleichzeitig sieht man die Gefahr, dass er schwerstbehindert zurückkommt." Diese Gedanken seien kaum in Worte zu fassen. "Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber man sieht auch die Realität."
Nach Angelos Tod suchte Gerd Heuer das Gespräch mit der Notärztin. Deren Antworten halfen ihm später bei der Verarbeitung des Verlustes. Sie erklärte ihm, dass eine erfolgreiche Reanimation nach dieser langen Zeit höchstwahrscheinlich zu schwersten Hirnschäden geführt hätte. "Das war für mich eine Hilfe, den Tod zu akzeptieren."

Besonders wichtig war für ihn eine weitere Information. Er fragte die Ärztin, ob Angelo Wasser in den Lungen gehabt habe. Die Antwort lautete nein. "Er hatte kein Wasser in den Lungen." Daraus schließt Gerd Heuer, dass sein Sohn vermutlich bewusstlos wurde, bevor er ertrank. "Das ist für mich ein Trost, weil er keine Todesangst hatte und nicht gelitten hat."
Die Zeit nach dem Unglück war geprägt von Trauer, Enttäuschung und dem Versuch, den Verlust zu verarbeiten. Unterstützung kam von vielen Seiten, auch aus ganz Belgien und Deutschland. Besonders berührte die Familie eine Initiative aus dem Ahrtal. Dort wurde für jedes Hochwasseropfer eine Schieferplatte angefertigt - auch für Angelo. "Ich finde es großartig, dass Menschen aus Deutschland daran gedacht haben, dass es auch hier ein Todesopfer gab."
Baumpatenschaft und Schmetterling mit Symbolkraft
Neben der Trauer gibt es aber auch Erinnerungen, die der Familie Kraft geben. Eine besondere Rolle spielt dabei ein Schmetterling. Am Tag der Beerdigung setzte sich ein Schmetterling für lange Zeit neben Angelos Freundin Lena. Wenig später erschien erneut ein Schmetterling am Grab. Einige Wochen später wiederholte sich dieses Erlebnis während eines Familienurlaubs. "Irgendwann sagte einer: Das ist Angelo." Für die Familie wurde der Schmetterling zu einem Symbol seiner Nähe. Tochter, Freundin und Vater ließen sich später Schmetterlinge tätowieren. "Für uns hat der Schmetterling eine sehr große Bedeutung."
Bis heute ist Angelo in den Gedanken seiner Familie präsent. Besonders an einem Ort in Eupen, an dem er viel Zeit mit seinen Freunden verbrachte. Dort steht inzwischen ein Erinnerungsbaum. "Hier hat er einen großen Teil seiner Freizeit verbracht", sagt sein Vater. Jedes Jahr kommen Familie und Freunde dort zusammen, um Angelos Geburtstag zu feiern und an ihn zu erinnern.
Fünf Jahre nach dem Unglück schmerzt der Verlust noch immer. Bestimmte Orte lösen sofort Erinnerungen aus. Besonders der Kanal hinter dem Krankenhaus, durch den Angelo damals getrieben wurde, beschäftigt seinen Vater bis heute. "Wenn ich dort vorbeifahre, kommt alles wieder hoch."
Trotz allem hat Gerd Heuer einen Weg gefunden, mit dem Verlust zu leben. Er spricht offen über seinen Sohn, über die Trauer und über die Erinnerung. Denn eines ist ihm besonders wichtig: "Solange man von ihm redet, ist er da".
Christophe Ramjoie






Lieber Gerd,
ich denke in den letzten Tagen viel an Euch.
Viele haben vieles verloren, ich, alles aus meiner Garage inklusive Fahrzeuge, einen Keller mit Erinnerungen über Generationen.
Straßen und Häuser schwammen in leichtigkeit davon. Jedoch ist es Material, Stein, Eisen, Beton, Glas, Papier. Alles irgendwie ersetzbar, auch wenn es Zeit und Geld kostet.
Und Ihr?
Da stirbt ein Mensch, jemand der geliebt wird und Liebe schenkt.
Kein Geld der Welt, kein Diamant kann ersetzen, was nicht zu ersetzen ist.
Es sind die Erinnerungen und das Gefühl im Herzen, was ganz, ganz langsam heilen lässt, dies wünsche ich Dir und Euch.