Die politischen Positionen aus Ostbelgien sind eindeutig: Die Standorte Eupen und St. Vith müssen als regionale Allgemeinkrankenhäuser erhalten bleiben. Claudia Niessen, die Präsidentin des Verwaltungsrates des St.-Nikolaus-Hospitals Eupen, bekräftigte diese Position und betonte die Notwendigkeit einer verlässlichen Basisversorgung. "Ein Must-Have, das wir unbedingt haben müssen, ist der Zugang zur Notfallmedizin. Das heißt eine Notaufnahme und den Notarzt. Das ist das, was wir in der Gesundheitsreform dringend fordern."
Fokus auf chronische Krankheiten und Patientennähe
Um zukunftsfähig zu bleiben, setzt das Eupener Krankenhaus auf eine gezielte Spezialisierung. Im Mittelpunkt stehen dabei Behandlungen, die eine hohe Patientennähe erfordern. "Wir nennen das für den Volksmund ‘chronische Krankheiten’. Also all die Krankheiten, die patientennahe Versorgung anbieten, wo die Leute regelmäßig inss Krankenhaus kommen oder wo die Leute auch längere Liegezeiten in einem Krankenhaus haben. Das heißt, dass sie dann auch die Möglichkeit haben, von ihren Angehörigen aus ihrem direkten Umfeld besucht zu werden", erklärt Niessen.
Das schlechteste Zukunftsszenario wäre für Niessen eine massive Herabstufung des Hauses, bei der wichtige Kernkompetenzen verloren gingen. "Der schlechteste Fall ist, wenn die Reform in die Richtung geht, dass wir im Endeffekt nur eine große allgemeine Praxis der Allgemeinmediziner wären, ohne dass wir spezialisierte Angebote machen, ohne dass wir eine Tagesklinik anbieten können, dass wir keine Notaufnahme haben."
Grenzübergreifende Bedeutung und neue Partnerschaften
Ab 2027 wird das St.-Nikolaus-Hospital der CHC-Gruppe, einem großen frankophonen Kliniknetzwerk, beitreten. Neben der Garantie der Muttersprache spielt für diese Partnerschaft auch die geografische Realität der Patientenstruktur eine entscheidende Rolle. "Es wird viel über die DG gesprochen, aber 50 Prozent unserer Patienten kommen aus dem frankophonen Landesteil. Wir sind genauso gegenüber dem Patienten aus Welkenraedt und Bleyberg verpflichtet wie gegenüber dem Patienten aus Raeren, Eupen und Kelmis", so Niessen.
Kooperation statt Konkurrenz
Um dem akuten Fachkräftemangel und den strengen föderalen Vorgaben zu begegnen, wird eine sinnvolle Aufteilung der Spezialisierungen zwischen den Krankenhäusern in Eupen und St. Vith angestrebt. Eine exakte Skizze existiert laut Niessen allerdings noch nicht, da wichtige Entscheidungen auf föderaler Ebene ausstehen.
Pläne für den Ausbau dringend benötigter Angebote gibt es aber bereits. "Wir würden auch gerne psychiatrische Dienste anbieten können. Dazu müssten unsere Dienste mit dem Krankenhaus St. Vith verhandeln. Hier ist der Bedarf hoch. Wir haben zu wenig psychiatrische Betten in der DG."
Dauerdruck auf das Personal und finanzielle Hürden
Die anhaltenden Reformdiskussionen und die ständigen gesetzlichen Änderungen der vergangenen Jahre belasten das Krankenhausgefüge und sorgen für Unruhe unter den Mitarbeitern, ergänzt Niessen. "Dieser Druck über die ganzen Jahre lässt nicht nach. Wir hoffen, dass jetzt eine Entscheidung getroffen wird, die – im besten Fall - unseren Wünschen und unserer Strategie entspricht, damit wir dann endlich in Ruhe weiter arbeiten können. Das war bisher unsere größte Schwierigkeit, dass es immer neue Gesetzesänderungen gab und wir in sehr schneller Zeit und sehr wenig Personal reagieren müssen."
Selbst wenn das Krankenhaus seine strategischen Ziele erreicht, bleibt die Finanzierung von Kernbereichen eine der größten Hürden für kleinere Häuser. "Für uns ist zum Beispiel der Notarzt und die Notaufnahme ein absolutes Verlustgeschäft. Und wir müssen das mit anderen Diensten auffangen können. Wenn man uns die Möglichkeit gibt, einen Notarzt zu machen, muss das Krankenhaus trotzdem in der Lage sein, diese Verluste über andere Dienst zu kompensieren." Genau dieser finanzielle Ausgleich ist für ein kleineres Haus mit einer geringeren Patientenanzahl deutlich schwieriger zu realisieren als für große Klinikzentren.
Ausführliches Radio-Interview mit Claudia Niessen im Player:
Manuel Zimmermann