Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Vietnamkrieg oder die Konflikte im früheren Jugoslawien: Anne Morelli machte im Ikob eine Zeitreise in Sachen Kriegspropaganda - anhand griffiger Beispiele in Form von Plakaten, Fotos und Zeitungsausschnitten. Ebenso erstaunlich wie erschreckend: Morellis zehn Prinzipien der Kriegspropaganda galten nicht nur etwa im frühen 20. Jahrhundert, sondern haben kaum an Aktualität verloren.
Die Erklärung der Historikerin: Diese Prinzipen fußen auf grundlegenden psychologischen Erkenntnissen. "Nicht wir, sondern die Anderen haben angefangen", gehört zu diesen Prinzipen der Kriegspropaganda. Wie bei einer Auseinandersetzung zwischen Kindern, erklärt Morelli. "Ich glaube leider, dass diese Grundsätze nach wie vor auch Gültigkeit haben, weil wir keine Lehren aus dieser Propaganda ziehen", sagt sie.
Die Führung der Gegenseite öffentlich als verrückt oder tyrannisch einzustufen, dem Gegner Grausamkeiten vorzuwerfen und gleichzeitig die eigenen Verfehlungen als Versehen herunterzuspielen, gehören laut Morelli ebenso zu den Prinzipien der Kriegspropaganda wie das Vorgehen, der eigenen Sache einen religiösen Charakter zu verleihen oder diejenigen als Verräter abzustempeln, die die Propaganda in Zweifel ziehen.
Propaganda nicht auf autoritäre Staaten begrenzt
Propaganda ist längst nicht nur auf autoritäre Staaten beschränkt, sagt Morelli. "In Wirklichkeit betreiben auch unsere Regierungen Propaganda", sagt sie. Um beispielsweise die Fertigung von Drohnen zu begünstigen, werde die von Russland ausgehende Gefahr übertrieben, meint die Historikerin. "Und die Menschen glauben das, weil sie Respekt vor Autoritäten haben. Und wenn der Minister gesagt hat, es seien russische Drohnen, muss man ihm glauben", so Morelli. "Aber man müsste auch hier zweifeln, selbst wenn es der Minister ist - und vor allem, wenn es der Minister ist", sagt sie.
Ihr Gegenrezept lautet also: Skeptisch bleiben und Zweifel äußern. "Ich glaube, jedes Mal, wenn man eine Information sieht, sollte man sich fragen, warum die veröffentlicht wurde und wem sie nützt", so die Historikerin.
Trump versteckt seine Ziele gar nicht erst
US-Präsident Donald Trump hat ihrer Ansicht nach eines ihrer Prinzipen der Kriegspropaganda abgeändert, indem er mitunter eindeutig wirtschaftliche Ziele nenne. Früher seien Kriegsziele oft in vermeintliche humanitäre Gründe verpackt worden: Wie ein Volk von einem Diktator zu befreien. Trump halte sich damit nicht auf und spreche selten derartige Dinge an. An diese Form von Ehrlichkeit sei man nicht gewohnt gewesen.
Viele von Morellis Erkenntnissen zum Thema Kriegspropaganda sind auch in die Ausstellung eingearbeitet worden, die im Ikob in Eupen noch bis zum 3. Mai zu sehen ist.
In der Ausstellung könne man Morellis zehn Prinzipien "sehr gut nachempfinden, nachlesen, nachschauen", sagt Ikob-Direktor Frank-Thorsten Moll. "Das Ziel ist, dass man lernt, die Kriegspropaganda zu erkennen, zu lesen und eben nicht so einfach den Medien auf den Leim zu gehen - oder dem Nachbarn, der irgendwelche Sachen erzählt. Das ist eine sehr inhaltsschwere, aber leicht aufgearbeitete Ausstellung", so Moll.
Moritz Korff







