Seit April 1988 ist Albert Henn bei der Zentralen Dienststelle für Deutsche Übersetzungen tätig. Als er anfing, ging es zwar ebenso wie auch heute noch darum, Texte ins Deutsche zu übertragen - aber das Wie hat sich doch erheblich geändert. Der heutige Dienstleiter erinnert sich an seine Anfänge bei der ZDDÜ. "Das war Knochenarbeit: Man hatte einen Bleistift und ein Radiergummi. Es wurde eigentlich kaum nachgelesen."
Heute gelte das Vieraugenprinzip, erläutert er. "Damals machte der Übersetzer seine Arbeit, er wurde am Anfang ein bisschen angelernt und dann musste er ins kalte Wasser springen. Er machte seine Übersetzung und dann wurde die von Büroschreibkräften abgetippt. Danach musste er dann gucken, ob das alles richtig abgetippt war. Es gab auch keine Möglichkeit, das sauber zu verbessern. Das war eine ganz andere Zeit."
Mittlerweile steht der aus Küchelscheid stammende Dienstleiter zehn Monate vor der Rente. Er hat die Entwicklung von der Knochenarbeit - wie er sagt - bis zum heute gängigen Einsatz technischer Hilfsmittel mitgemacht. 1990 wurde der Übersetzungsdienst informatisiert, später kam ein Texterkennungsprogramm hinzu.
Seit mehreren Jahren wird zudem Künstliche Intelligenz genutzt - eine große Unterstützung, aber kein Ersatz für die Arbeit der Übersetzer. "Tatsächlich kann das auch mitunter ein bisschen gefährlich sein: Dass man etwas übersieht beziehungsweise dass einem etwas hereinrutscht, was eigentlich nichts da zu suchen hat.", sagt der Dienstleiter mit Blick auf den Einsatz Künstlicher Intelligenz.
Das gelte unter anderem für den inhaltlichen Aspekt. "Die Künstliche Intelligenz tut immer so, als wäre sie perfekt. Ist sie nicht. Wenn der Satzbau im Ausgangstext kompliziert ist, dann verliert sie schon mal den Faden."
Der Bütgenbacher Bernd Christen ist bei der ZDDÜ für die Bereiche Koordinierung und Verwaltung zuständig. Der Jurist arbeitet seit 1997 für die Dienststelle - auch er wirft einen Blick zurück und auf die damalige Arbeitsweise. "Ich habe mit dem Zivilgesetzbuch angefangen. Wenn man das übersetzen wollte, musste man sich verschiedene Fassungen des Zivilgesetzbuches holen: aus Österreich, aus Italien, aus der Schweiz und aus Deutschland."
"Darin musste man schauen: Gibt es so etwas wie in Belgien? Gibt es da übertragbare Sachen? Heutzutage geht es ganz anders, man kann alles suchen im Internet, hat direkt viel mehr Vorschläge und muss im Endeffekt eine Wahl treffen zwischen dem, was besteht und dem, was in Belgien übertragbar ist."
Große Bandbreite an Themen
28 Mitarbeiter sind derzeit für die Zentrale Dienststelle für Deutsche Übersetzungen tätig - natürlich sind gelernte Übersetzer dabei, aber auch Germanisten, Historiker, Biologen oder Juristen. Mindestens genauso groß ist bei den Texten, die übersetzt werden, die Bandbreite der Themen: Finanzen, Kernenergie, Einwanderung, Sicherheit oder Gesundheit, um nur einige zu nennen.
Dass da auch mal externer Rat her muss, bleibt nicht aus, erklärt Christiane Ramjoie aus Raeren, die die Übersetzungsgruppe drei leitet. "Dann gibt es viele andere öffentliche Dienste, auf die wir zurückgreifen können mit Experten. Manchmal wenden wir uns aber auch an Notare oder Richter oder im Gesundheitswesen an Krankenhäuser, die uns dann weiterhelfen können. Dann arbeiten wir auch sehr eng mit dem Ausschuss für deutsche Rechtsterminologie zusammen."
Drei Übersetzungsgruppen, die nach unterschiedlichen Themengebieten gegliedert sind, umfasst die Zentrale Dienststelle für Deutsche Übersetzungen. "Da wird dann jedem Übersetzer ein Text zugewiesen. Der Übersetzer übersetzt den Text und gibt ihn dann seinem Gruppenchef, seinem Revisor, der den Text nachliest", erklärt Ramjoie den üblichen Arbeitsablauf. Die Germanistin ist seit 2009 dabei.
In ihren Aufgabenbereich fallen unter anderem die Themen Buchhaltung, Finanzen und Steuerwesen sowie Wahlen. Durch die große Bandbreite an Texten und Themen sei die Arbeit "sehr abwechslungsreich", sagt Christiane Ramjoie. "Und auf den technischen Fortschritt muss man flexibel reagieren. Man lernt da nie aus."
Täglicher Blick ins Staatsblatt
"Wir analysieren tagtäglich das Staatsblatt und schauen, welche Gesetze und Erlasse dort veröffentlicht werden und analysieren diese und schauen, wie bedeutsam sie für die Einwohner des deutschen Sprachgebietes sind", erklärt Christen. "Andererseits haben wir Anfragen von Instanzen aus der Bevölkerung, um Texte übersetzen zu lassen."
Die ZDDÜ sei ein Dienst mit getrennter Geschäftsführung, erklärt Christen. "Und andere öffentliche Dienste kommen auf uns zu und fragen, ob wir den einen oder anderen Text übersetzen können. Dann veranlassen wir auch die Übersetzung, wenn die entsprechenden budgetären Mittel vorhanden sind."
Zeitweise waren bis zu 40 Personen bei der ZDDÜ, die dem Föderalen Öffentlichen Dienst Inneres untersteht, beschäftigt. 28 sind es derzeit. Dass diese Zahl ansteigen wird, ist unwahrscheinlich. "Effektiv ist es so, dass es ist nicht denkbar ist, dass wir noch weitere Anwerbungen machen können. Ganz im Gegenteil. Wenn Leute gehen - aus egal welchem Grund - werden sie nicht ersetzt”, so Henn. "Wir müssen das Arbeitsvolumen dann irgendwie anders bewältigen. Zum einen dadurch, dass wir die Arbeit effizienter machen, und zum anderen müssen wir dann effektiv auch Prioritäten setzen."
Praktische Anwendung der Übersetzungen in Verwaltung und Justiz
Die übersetzten Texte stellt die ZDDÜ auf ihrem Internetauftritt zur Verfügung. Mehr als 6.500 föderale Gesetzbücher, Gesetze und Erlasse sind dort abrufbar. Für rund 95 Prozent der grundlegenden Texte gebe es inzwischen deutsche Übersetzungen, so Bernd Christen. "Ohne uns gäbe es an sich föderale Texte nur in französisch und niederländisch. Dadurch haben wir einen sehr wichtigen Auftrag, damit in der Praxis, sei es vor Gericht, sei es für Antragsformulare, deutsche Fassungen bestehen, die von den Verwaltungen und Gerichten verwendet werden können. Und damit andererseits auch Dokumente für die Bevölkerung auf deutsch bestehen und somit die Bevölkerung versteht, was der Gesetzgeber vorhat.”
Ebenfalls zum Verständnis trägt die Terminologie-Datenbank bei. Hier hat die Zentrale Dienststelle für Deutsche Übersetzungen mehr als 74.000 Begrifflichkeiten zusammengetragen - jeweils auf deutsch, französisch und niederländisch. Ein Internetangebot, das laut der ZDDÜ erheblichen Anklang im gesamten Land findet - noch so eine Entwicklung und eine Errungenschaft, die heute selbstverständlich scheint - vor 50 Jahren aber wohl kaum absehbar war.
Moritz Korff

