Wie eng Kelmis und Stolberg tatsächlich miteinander verbunden sind, zeigt ein Blick in die Geschichte: Über 2.000 Jahre hinweg hat Galmei - oder Zinkerz - beide Orte geprägt. In "Stolberg und Kelmis: Ein Erz schreibt Geschichte" beleuchten 15 Experten unterschiedlicher Fachgebiete die gemeinsame Geschichte.
"Zink lässt sich zurückverfolgen bis in die keltische Zeit, war allerdings als eigenständiges Element nicht bekannt", erklärt Mitautor Karl Schmeer. "Es ist relativ selten. Also Eisen finden Sie relativ häufig, Zink im Vergleich dazu schon etwas weniger. Und da sich nun mal das Galmeivorkommen von unserem Stolberg bis nach Kelmis zieht, ist die Geschichte, die daraus entstanden ist, im Grunde eine gemeinsame."
Schon im Hochmittelalter waren beide Orte eng miteinander verbunden - vor allem durch die Messingindustrie. Die Legierung aus Kupfer und Zink war begehrt: stabil, rostfrei und mit goldähnlichem Glanz.
Das Erz aus der Region fand seinen Weg in die Welt. So wurde es unter anderem für die Herstellung des "Vierlanders" verwendet - ein Doppelgroschen, den Herzog Philipp der Gute prägen ließ und der im gesamten Herzogtum Burgund gültig war. Gewissermaßen ein Vorläufer des Euro, erklärt Mitautor Alain Brose, der in dem Buch ein Kapitel zu 2.000 Jahren Metallurgie in Kelmis beisteuert. Mehr als 400.000 dieser Münzen wurden geprägt.
Und auch Kaiserin Maria Theresia profitierte später ordentlich von dem Erz: Alleine das Bergwerk in Kelmis machte 60 Prozent der Einkünfte des gesamten Herzogtums von Limburg aus. "Wir kommen umgerechnet auf 1.060.000 Euro Nettoeinkommen pro Jahr für Maria Theresia, allein durch das Zink von Kelmis. Also das war schon ein ganz großer Gewinn für jeden, der diese Mine unter seiner Kontrolle hatte", unterstreicht Brose.

Auch dass das Erz bis in die Neue Welt gelangte, wird vermutet - eindeutige chemische Belege fehlen bislang jedoch. Nachgewiesen ist dagegen, dass Zink aus der Region auch in sogenannten "Manillen" enthalten war - Armreifen, die im Sklavenhandel als Zahlungsmittel dienten.
"Wir wissen, dass einer der ersten Bergdirektoren in der Zeit der Könige von Spanien einer der ersten Eigentümer von einer Zuckerplantage in Brasilien war. Also wir haben hier wirklich diesen Dreieckshandel. 'Krimskrams', der nach Afrika geschickt wurde, Sklaven, die dann wiederum nach Brasilien gebracht worden sind und dann Zucker oder Rhum, der nach Europa kam."
Die enge wirtschaftliche Verbindung zwischen Stolberg und Kelmis bestand über Jahrhunderte - bis sie 1806 eine Wendung nahm. "Jean-Jacques Dony hat damals das industrielle Verfahren für eine reine Zinkproduktion entdeckt. Deshalb installierte sich die 'Vieille Montagne' in Kelmis und machte nur noch reinen Zink. Und der Zink von Kelmis war so rein und so perfekt, dass man nicht mehr auf den Zink von Stolberg, der nicht so rein war, angewiesen war."
Nicht lange nach der Ansiedlung der Vieille Montagne entstand Neutral-Moresnet. Eine Entwicklung, die ebenfalls in dem Buch behandelt wird. Auch auch aktuelle Themen wird eingegangen - zum Beispiel den Klimawandel und seinen Einfluss auf Kulturerbe.
Zwei Jahre hat die Arbeit an "Stolberg und Kelmis: Ein Erz schreibt Geschichte" gedauert. Den Ursprung für die Kooperation der 15 Experten fand sich in der Flutkatastrophe des Jahres 2021, von der auch Stolberg schlimm betroffen war. In Folge der Katastrophe bewarb sich der Ort bei dem "7 Most Endangered Programme" von "Europa Nostra", dem führenden europäischen Netzwerk für Kulturerbe. Und tatsächlich wurde der Ort für eine Förderung ausgewählt.
Europäische Geschichte
"Wir stellten uns dann die Frage, was wir mit dem Geld machen sollten und da wir bei der Aktion ja über Kulturerbe sprechen, lag es natürlich am nächsten, sich auch mit unserem Kulturerbe auseinanderzusetzen", erklärt Karl Schmeer. "Wenn Sie das allerdings machen, kommen Sie sehr schnell auf diesen 'Erzzug', der sich durch die Region nach Kelmis zieht. Der macht an der Grenze nicht halt. Und das ist eine Geschichte, die muss erzählt werden."
Ein zentrales Anliegen der Autoren: die Geschichte nicht länger getrennt nach nationalen Perspektiven zu betrachten. "Wie absurd es ist, an der Grenze halt zu machen, hat Alain einmal am Beispiel des Galmeiveilchens auf den Punkt gebracht. Viele in Kelmis sagen, dass es das nur dort gibt. Aber das sagen die Leute in Stolberg genau so."
"Beides ist natürlich völliger Quatsch. Denn die Göhl hat viele Mineralien in die Niederlande gebracht, sodass es dort auch noch ein Biotop gibt. Sie sehen, in einem sich vereinigenden Europa hat man es einfach noch nicht geschafft, ganz zentrale Punkte in der Geschichte als europäisch zu begreifen. Das wollen wir mit dem Buch machen", erklärt Schmeer.
Für die beteiligten Experten ist das Projekt mit der Veröffentlichung nicht abgeschlossen. Weitere Forschung ist geplant - auch eine erweiterte Ausgabe des Buches. "Es wäre verwerflich, wenn wir da nicht weitermachen würden. Pläne gibt es, wir versuchen, europäische Gelder zu bekommen, um die Forschung weiter voran zu bringen. Wir hoffen, dass wir im Verlauf des nächsten Jahres eine weitere Ausgabe herausbringen können. Da werden einige Artikel überarbeitet sein, weil sich einfach einiges geändert hat. Wir denken, dass dann noch so 100 bis 150 Seiten hinzukommen", sagt Schmeer.
Ausführliches Radio-Interview mit Karl Schmeer und Alain Brose im Player:
Lindsay Ahn
Beide Kollegen sind in Ordnung.
Weil mit Mut und Zivilcourage sie den Neuen Eisernen Vorhang [ich nenns EU gegen Deutschland] zusammen und grenzübergreifend überwinden.
Vergessen wir nicht - wir bleiben Deutschsprachig. Unsere Kleine aber Feine DG. Mit den Menschen in der BRD bleiben wir sprachlich und kulturell gegen jede Art von Ausgrenzung miteinander verbunden.