Über das akademische Umfeld hinaus ist Simon Meier-Vieracker auf Instagram oder TikTok als @fußballinguist unterwegs. Er findet mit seinem Blog, in dem er gerade auch den Sprachgebrauch in Social Media beobachtet, durchaus Gehör. "Ich habe plattformübergreifend rund 225.000 Follower, die ich mit meinen Videos über sprachwissenschaftliche Themen erreiche. Das zeigt, dass es irgendwie schon ganz gut ankommt. Und zwar auch Themen, von denen man auf den ersten Blick vielleicht nicht meinen sollte, dass sie viele Menschen interessieren. So was wie Syntax des gesprochenen Deutsch oder anamnestische Demonstrativpronomen, langweiliger Kram, würde man meinen, aber wenn man den richtigen Tonfall findet, kann man damit sehr viele Menschen erreichen und auch begeistern."
Der Nickname @fußballinguist stammt aus der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Fußball-Livetickern - bis dahin eine Forschungslücke, sagt Simon Meier-Vieracker, Professor für Angewandte Linguistik an der Technischen Universität Dresden. Fußball spielte auch eine Rolle, als er den Sprachgebrauch nach Mustern von Bewertungen untersuchte. "Einzelkritiken von Fußballspielern, die im Kicker publiziert werden. Da kriegt jeder Spieler am Ende eines Spieltags eine Note und einen kurzen Bewertungstext. Und ich habe mir Konzertberichte angeschaut, die Kunden von der Ticketagentur dort auf der Webseite schreiben."
Bei der Fachtagung in Trier widmete sich Simon Meier-Vieracker einem akademischeren Thema: der sogenannten "Peer Review" unter Wissenschaftlern. "Bevor wissenschaftliche Beiträge publiziert werden, werden sie üblicherweise von anderen Wissenschaftlerinnen und Expertinnen begutachtet. Die müssen dann erst mal so eine Reihe von Überarbeitungsschritten durchlaufen, ehe sie publiziert werden können. In letzter Zeit gibt es mehr und mehr den Trend, dass auch diese Gutachtertexte mit publiziert werden. Das nennt sich Open Peer Review und das habe ich mir im großen Stil angeschaut, wie das sprachlich funktioniert."
Dabei hat Simon Meier-Vieracker festgestellt, dass die benutzten Formulierungen (auf Englisch als der Lingua franca der internationalen Wissenschaft) "extrem musterhaft" sind. "Diese Arbeit ist unser täglich Brot. Wir entwickeln unsere Routinen. Wir haben Lieblingsformulierungen. Ich konnte aber auch zeigen, dass es bestimmte Höflichkeitsstrategien gibt. Man muss ja Kritik üben, gerade bei Beiträgen, die noch nicht publikationsreif sind. Wie schafft man es, die Anregungen deutlich, aber trotzdem gesichtswahrend zu formulieren?"
Mit anderen Mustern hat sich die Romanistin Annette Gerstenberg von der Universität Potsdam beschäftigt. Auf der Grundlage von persönlichen Interviews mit älteren Menschen über einen längeren Zeitraum konnte sie überprüfen, wie sich sprachliche Inhalte ähneln oder auch verändern. "Wir verändern uns, wir gehen mit der Zeit und passen unsere Sprache an. Anderes bleibt stabil. Das war häufig die Motivation, in der Dialektologie ältere Sprecherinnen und Sprecher zu befragen, weil sie diese schönen alten Dialekte noch sprechen. Die Lebensspannenforschung der letzten Jahre hat gezeigt: Auch ältere Personen passen ihre Sprache ständig an."
Schon weil sie im Gespräch bleiben, Medien nutzen, mit den Enkelkindern austauschen. Nicht nur mit Blick auf demenziell erkrankte Gesprächspartner konnte Annette Gerstenberg aber auch feststellen, dass besonders starke Eindrücke zum Teil auch in melodischer Form immer wiederkehren. "Das ist, als würde man vielleicht innerlich eine Kassettenrekordertaste drücken und die Geschichte läuft. Die hat eine persönliche Bedeutung, die sagt was über mich und die kommt gut an, auch das ist irgendwie noch in Erinnerung. Im Vortrag habe ich gezeigt, dass wir diese gesungenen Elemente der Geschichte, so Höhepunkte, oft wörtliche Rede sehr gut erinnern. Die helfen uns quasi dabei, in die Geschichte wieder hineinzufinden."
Stephan Pesch

