Bereits um 1850 regierte in Eupen der erste Karnevalsprinz. Der Brauch entstand im 19. Jahrhundert während der preußischen Zeit, als sich Eupen als Teil der Rheinprovinz stark an der Kölner Karnevalsreform orientierte. Anfangs wurde allerdings getrennt gefeiert: Während sich die wohlhabendere Gesellschaft in der Oberstadt zum Karneval traf, spielte sich das volkstümliche närrische Treiben in der Unterstadt ab.
Diese Trennung wurde erst 1950 überwunden. Eine entscheidende Rolle spielte dabei Klaus Rennertz, der als erster Karnevalsprinz aus der Unterstadt das höchste Narrenamt der Weserstadt übernahm. Begrüßt wurde der neue Narrenherrscher damals vom langjährigen Eupener Bürgermeister Hugo Zimmermann, der seit 1919 im Amt war.
St. Vith und seine närrischen Meilensteine
Auch in St. Vith blickt der Karneval auf eine lange Tradition zurück. Die Fastnachtszeitung "Kladderadaatsch" feiert inzwischen ihr 100-jähriges Bestehen. Bereits 1922 stellte die Büchelstadt ihren ersten Karnevalsprinzen. Seit den 1950er Jahren berichtete Reporter Paul Margraff für den Belgischen Rundfunk regelmäßig aus der Eifel – stets mit seiner unverwechselbaren Art. Ein besonderes Dokument aus dem BRF-Archiv ist seine Reportage von der St. Vither Prinzenproklamation im Jahr 1958.
Ein weiterer Meilenstein folgte bereits ein Jahr zuvor: Am Fettdonnerstag 1957 übernahmen in St. Vith erstmals die Frauen das närrische Zepter. Zum ersten Mal zogen die Möhnen durch die Straßen der Stadt. Mehr als drei Jahrzehnte später erinnerte sich die erste Obermöhn St. Viths, Trin Meyer, im BRF an diesen historischen Moment.
Kölsche Vorbilder und mutige Frauen in der Bütt
Der rheinische Karneval, insbesondere Köln, war und ist für viele ostbelgische Karnevalisten ein wichtiges Vorbild. Anfang der 1970er Jahre eroberte eine Band die Karnevalssäle im Sturm: die Bläck Fööss. 1975 interviewte der damalige BRF-Musikchef Walter Eicher die Gruppe in Originalbesetzung mit Sänger Tommy Engel.
Nur wenige Jahre später holte der BRF die kölsche Kultband nach Eupen. Eine Live-Aufnahme aus dem Jahr 1979 dokumentiert die ausgelassene Stimmung bei diesem besonderen Auftritt.
Büttenreden gehören zum Karneval wie Konfetti und Kamelle. Ihre Wurzeln reichen bis ins Mittelalter zurück, als einfache Bürger während der närrischen Zeit ungestraft Kritik an den Herrschenden üben konnten.
Bis heute sind Büttenredner meist Männer – doch es gibt Ausnahmen. Eine davon ist die Eupener Karnevalistin Brigitte Breuer. Sie sorgte 1988 für Aufsehen, als sie bei der ersten Sitzung der TSG Blau-Weiß Raeren in die Bütt stieg und mit Humor und Selbstbewusstsein überzeugte.
Etwa zur selben Zeit stand auch der junge Lothar Genten auf der Bühne in Deidenberg. In seiner Rede berichtete er humorvoll über seine Erlebnisse in der Schule.
Wenn die Motten singen und die Bütt in Kelmis bebt
Über drei Jahrzehnte hinweg prägte eine Musikgruppe den Eupener Karneval ganz besonders: die "Motten". Entstanden ist die Band aus der Unterstadt 1973 eher zufällig als Quartett unter dem Namen "Die Jungen vom Kirchenchor". Zur ursprünglichen Besetzung gehörten Georg Barth, die Brüder Günther und Erwin Zimmermann sowie Fritz Breuer. Später wurde vor allem Frontmann Manfred Kistemann zum Gesicht der Gruppe. Wegen seiner markanten langen Nase war er im Karneval unter seinem Spitznamen "De Nas" bekannt und beim Publikum äußerst beliebt.
Zum 25-jährigen Bühnenjubiläum präsentierten die "Motten" 1999 im Eupener Capitol ein Medley ihrer größten Stimmungshits – ein Auftritt, der vielen Karnevalsfans bis heute in Erinnerung geblieben ist.
Für beste Unterhaltung sorgte in den 1980er Jahren auch das Rednerduo "Boks än Bökske" aus Kelmis. Joseph Schmetz und Armand Broun brachten das karnevalistische Zwiegespräch zur Perfektion und begeisterten mit Wortwitz, pointierten Dialogen und viel Humor – unter anderem bei einem Auftritt in Eupen im Jahr 1988.
Zum Abschluss der dritten Folge unserer Zeitreise ins närrische BRF-Archiv erklingt eines der bekanntesten Lieder der "Motten": der musikalische Abschiedsgruß lautet "Tschö wa, mach' et juut wa".
Das Beste aus dem ostbelgischen Karneval: Zeitreise ins BRF-Archiv - Folge zwei
Das Beste aus dem ostbelgischen Saalkarneval: Zeitreise ins BRF-Archiv
Alain Kniebs




