"Es kommt auch ein bisschen dazu, dass ich in einem Umfeld aufgewachsen bin, in dem ein Studium klar ist. Man macht das Abitur, dann das Studium. Und jetzt habe ich Zweifel - ist das Studium wirklich das Richtige?" Viktoria ist 23 Jahre alt und studiert Biologie im Bachelor. Sie ist gerade im elften Semester und zweifelt daran, ob sie weiter studieren möchte. Deshalb besucht sie die Veranstaltung "Studienzweifel als Chance". Diese findet einmal im Semester im Gebäude CARL statt.
Bei einem kurzen Vortrag stellen sich die Ansprechpartner vor. Danach kann man sich an den Einzelständen im Foyer beraten lassen. "Wir richten uns alle Studierenden im Raum Aachen, die aktuell ein bisschen an ihrem Studienweg zweifeln und überlegen, ob sie überhaupt noch auf der richtigen Bahn sind oder den Studiengang wechseln möchten", erklärt Studienberaterin Flora Rauber. "Auch ob ein Studium überhaupt das Richtige für sie ist, oder man in einer Ausbildung besser aufgehoben wäre. Wir wollen den Studierenden heute ein bisschen Orientierung geben."

Alleine an der RWTH gibt es über zwanzig Ausbildungsberufe. Stefan Böker leitet einen der Ausbildungswege und hilft Studierenden beim Wechsel. "Dann haben wir sehr viele Auszubildende, die vorher ein Studium gemacht haben und sich dazu entschieden haben, das zu unterbrechen. Sie machen dann eine dreieinhalbjährige Ausbildung, können die Verkürzungen nutzen und schaffen dann eine solide, praktische Basis. Viele von denen gehen danach wieder ins Studium zurück."
Vera überlegt auch, ob ihr eine Ausbildung besser gefallen würde. Sie ist 20 Jahre alt und studiert Georessourcenmanagement im dritten Semester. "Ich glaube, weil man da in den meisten Fällen direkt ein Endergebnis sieht und das finde ich eigentlich ganz cool. Am Ende des Studiums bekomme ich eine Note und muss die ganze Zeit lernen. Da sehe ich halt kein direktes Endergebnis. Das sieht man vielleicht erst bei der Arbeit."
Die Entscheidung ist besonders für Schüler wichtig, die kurz vor ihrem Abschluss stehen. Ralf Eylmanns berichtet von einem Studiengang in der Elektrotechnik: "Es gibt jetzt einen neuen Studiengang in Entwicklung der IHK, HWK und FH Aachen, bei dem wir sagen, dass junge Menschen beides probieren können. Das heißt, sie suchen sich einen Betrieb, bei dem sie den Ausbildungsvertrag als Elektroniker unterschreiben. Dann sind sie zwei Monate lang nur im Betrieb und gehen danach vier Monate an die FH. Das heißt, vier Tage an die FH, einen Tag im Betrieb. Nach einem Semester müssen sie sich entscheiden, ob sie an der FH oder im Betrieb bleiben möchten. Die FH rechnet die Zeit des Betriebes an, der Betrieb rechnet die Zeit der FH an."

Bei Studienzweifeln kommen aber auch noch andere Faktoren hinzu. Dr. Josefine Méndez ist Projektkoordinatorin der Mentoring-Stelle und spricht mit Studierenden über ihre Probleme. "Es gibt viel mehr Studierende, die sagen, dass sie nicht mehr über die Runden kommen und deshalb arbeiten müssen. Wieder auftauchend sind auch Strukturprobleme. Aber es gibt natürlich auch immer wieder Studierende, die ein Motivationstief haben und sich die Frage stellen: Wieso mache ich das hier eigentlich alles? Es ist gut, wenn man das mit Leuten bespricht, die nicht direkt an einem dran sind, sondern einen Blick von außen haben."
Und auch Viktoria hat mit diesen Problemen zu kämpfen. Die Mischung aus Depressionen und einem Einstieg während der Corona-Zeit macht die Zeit im Studium umso schwieriger. "Ich habe nie den sozialen oder organisatorischen Anschluss gefunden und dabei immer Probleme gehabt. Im Biologiestudium gibt es natürlich auch viele Physik- und Mathematik-Grundkurse, die mir schwerer gefallen sind. Durch das Versagen in den Feldern und allgemein, stößt mir das Studium sauer auf. Ich möchte nach einer Alternative schauen, da mir auch während des Langzeitstudiums und der anhaltenden Depression aufgefallen ist, dass ich wahrscheinlich in der Naturwissenschaft nicht ganz zu Hause bin. Jetzt schaue ich mich um."
Lea Reimus