Erinnerung an jüdische Schicksale: „Stolpersteine“ in Walhorn verlegt

Die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus in Straßen sichtbar zu machen - darum geht es bei den sogenannten "Stolpersteinen". Am Montag wurden solche Steine auch in Walhorn verlegt. Sie erinnern an das Schicksal einer jüdischen Familie und an die Ermordung eines Briefträgers durch das NS-Regime.

Stolpersteine im Kirchbuschweg in Walhorn

Ein ergreifender Moment für die Familie von Franz Kockartz: An der Merolser Straße in Walhorn haben sie sich versammelt, um an sein Schicksal zu erinnern. Dorf 59 lautete damals seine Adresse. Zusammen mit Norbert Cormann hat Monique Kelleter sein Schicksal recherchiert.

„Franz Kockartz war Briefträger und er stellte die Einzugsbefehle für die jungen Soldaten zu. Er warnte die Familien im Vorfeld. Dann ist er verraten worden, abgeholt worden und nie mehr zurückgekommen“, erklärt Monique Kelleter.

Nachdem man ihn in ein Arbeitslager in Aachen gesteckt hatte, wurde Franz Kockartz in das Konzentrationslager Neuengamme deportiert. Dort wurde der Vater von vier Kindern am 5.6.1942 ermordet. An sein Schicksal erinnert der erste Stolperstein, den der Berliner Künstler Gunter Demnig in Walhorn verlegt. Er hat die „Stolperstein“-Initiative vor 30 Jahren in Deutschland gestartet.

„Für die Angehörigen ist es sehr wichtig. Denn die meisten dieser Opfer haben keine Gräber, keine Grabsteine, nichts. Jetzt ist wenigstens der Name wieder da, die Erinnerung wieder da. Das hat mir damals der Rabbi von Köln mitgegeben: Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, erklärt Demnig.

Stolperstein an der Merolser Straße in Walhorn (Bild: Michaela Brück/BRF)

Bild: Michaela Brück/BRF

Die Gedenkfeier in Walhorn wird von Schülern des Zentrums für Förderpädagogik mitgestaltet. Dass die Stolpersteine auch das Interesse von Jugendlichen wecken, ist ein Anliegen von Gunter Demnig. „Wenn die Schüler ein Buch aufschlagen und lesen ’sechs Millionen ermordete Juden in Europa‘ – dann ist das etwas Abstraktes. Aber wenn sie Einzel- oder Familienschicksale erleben, dann fangen sie an zu rechnen: Die Kinder waren ja so alt wie wir jetzt sind … Das ist auf einmal ein ganz anderer Geschichtsunterricht.“

Die Erinnerung wach zu halten und nachfolgenden Generationen zu vermitteln, das ist auch für die Angehörigen der Opfer wichtig, sagt Roland Keutgen. Er ist ein Enkel von Franz Kockartz. „Das sind Erlebnisse, die nicht verarbeitet werden konnten und die unsere Eltern uns vermittelt haben, dass so etwas nicht mehr passieren soll.“

Das ist auch ein Ansporn für Norbert Cormann gewesen. Am Anfang seiner Recherchen stand ein persönliches Interesse. „Der Auslöser zu der Recherche war irgendwann die Frage an meinen Vater: Gab es bei uns in Lontzen Juden? Die Antwort war zunächst: Nein. Aber nach kurzem Zögern sagte er: Der Joseph kam nicht mehr. Das war unser Viehhändler aus Walhorn, ein lieber Mann. Der ist nicht mehr zurückgekommen.“

Der aus Hessen stammende Julius Joseph lebte mit seiner Frau Hertha und seinem kleinen Sohn Marcel im heutigen Kirchbuschweg, wo er einen Hof bewirtschaftete. Später nahm er dort auch seine Schwiegereltern aus Rheinland-Pfalz auf, die wie er und seine Frau vor den Nazis geflohen waren.

Am 1. Mai 1941 wurde Julius Joseph verhaftet, zunächst in ein Arbeitslager nach Stolberg gebracht und dann nach Auschwitz deportiert. Dort wurde er am 16. Juli 1942 ermordet. Im selben Jahr wurden seine Frau, die ein zweites Kind erwartete, und sein Sohn verhaftet. Ihre Spur verliert sich. Für die Nichte Suzanne Joseph ist die Erinnerung an das Schicksal ihres Onkels und seiner Familie ein bewegender Moment. „Das sind nur sechs Menschen von Millionen. Es war sehr würdig hier, und es hat mich sehr bewegt.“

Stolpersteine im Kirchbuschweg in Walhorn (Bild: Michaela Brück/BRF)

Bild: Michaela Brück/BRF

Michaela Brück

Ein Kommentar
  1. Monique Kelleter

    Vielen vielen Dank Michaela Brück und dem Kameramann für diesen wunderbaren Beitrag.