Eine Stadt wird umgebaut: Lüttich bekommt mit der Tram ein neues Gesicht

Ganz Lüttich gleicht im Moment einer Baustelle. Wohin man auch schaut, überall rollen Bagger, es gibt Absperrungen und Umleitungen und doch muss das Leben irgendwie weiter gehen. Gebaut wird eine Tram: Auf fast zwölf Kilometern wird sie künftig Coronmeuse mit Sclessin verbinden. Seit 2019 laufen die Arbeiten und eigentlich hätte die Tram dieses Jahr den Betrieb aufnehmen sollen, doch nun wird es wohl April 2024 werden.

Bild: Simonne Doepgen/BRF

Arbeiten für die Tram in Lüttich (Bild: Simonne Doepgen/BRF)

Lüttich bekommt eine Straßenbahn. 245.000 Autos kurven jeden Tag durch die Stadt. Ändert sich nichts, werden es jedes Jahr zwei bis drei Prozent mehr. Lüttich braucht die Tram, sind die Verantwortlichen überzeugt – „zunächst, um ein bedeutendes Mobilitätsproblem zu lösen. Wir haben ein Verkehrsnetz, das nicht mehr in der Lage ist, alle Nutzer unter guten Bedingungen aufzufangen.“

„Es brauchte also ein neues, modernes und ökologisches Transportmittel. Aber es wird auch der ganze Unterbau der Stadt erneuert und auf circa 50 Hektar werden die öffentlichen Plätze erneuert. Da wird jeder von profitieren“, ist Daniel Wathelet, Sprecher von „Opérateur Transport Wallonie“ überzeugt.

Von Coronmeuse bis Sclessin soll die Tram fahren: auf einer Strecke von 11,7 Kilometern, 23 Stationen sind vorgesehen. Alle 4,5 Minuten gibt es einen neuen Zug. Wer künftig über die E40 Lüttich ansteuert, der kann direkt an der Autobahnausfahrt seinen Wagen stehen lassen. Die Tram-Fahrt ins Zentrum soll 20 Minuten dauern.

Doch bis es soweit ist, brauchen die Lütticher einen langen Atem. Das Projekt ist nicht unumstritten. „Ich würde sagen, dass das alles ziemlich kompliziert ist. Die Leute werden aus ihren Gewohnheiten gerissen. Jetzt ist alles anders. Jetzt müssen wir uns durch ganz enge und schmuddelige Gassen zwängen. Ich hoffe, dass es schnell vorbei geht“, sagt Daniel Wathelet.

Und die Ungeduld steigt. Zahlreiche Faktoren wie die Coronakrise, aber auch ganz konkrete Probleme an den Baustellen haben für ordentlich Verzug gesorgt. „Ja, ich hoffe, dass es bald fertig wird und wir wieder wie zivilisierte Menschen in der Stadt unterwegs sein können.“

Vor allem die Geschäftswelt leidet. Zwar wurden nun Hilfen von der Wallonischen Region beschlossen, doch darauf konnten viele nicht warten. „Die Problematik des Lütticher Einzelhandels ist viel umfassender als das. Auch Corona hat der Geschäftswelt geschadet. Was wir tun können, ist dafür zu sorgen, dass die Geschäfte erreichbar bleiben. Auch für Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Und wir haben auch Lieferzonen so nah wie möglich an den Geschäften eingerichtet.“

Eine ganze Region wird auf die Geduldsprobe gestellt. Im April 2024 soll es dann endlich soweit sein, dann soll die erste Tram rollen. „Ich denke, es lohnt sich. Man muss einfach alles tun, um mehr und mehr auf das Auto verzichten zu können. So können wir dann eine ökologischere und auch grünere Stadt bekommen.“

Einen ersten sichtbaren Erfolg hat die TEC als Auftraggeber des 480-Millionen-Euro-Projektes zu verbuchen. Die ersten Schienen sind betriebsfertig. Sie führen von der Place Saint Lambert Richtung Batte. „Es ist das erste Teilstück, das fertig ist. Von Bürgersteig zu Bürgersteig. Mit einer Plattform für die Tram und einer neuen Straße. Wir haben hier Pflastersteine verwendet, um den Charakter der Innenstadt zu respektieren.“

Aus der Luft betrachtet, ist die Streckenführung der Tram bereits zu erkennen. Doch der Alltag in der Stadt wird mindestens noch für die nächsten zwei Jahre von Baustellenflair geprägt sein.

Simonne Doepgen

5 Kommentare
  1. Damien Leusch

    Endlich! Der Verkehr in der Innenstadt war absolut nicht mehr erträglich. Die Straßenbahn wird Lüttich gut tun!

  2. Peter Schallenberg

    Eine sehr gute Entscheidung für ein Verkehrsmittel, das irgendwann einmal, wie so oft, dem gerade gültigen Zeitgeist zum Opfer fiel. Hoffentlich wird das Netz erweitert, auch die Kombination Straßenbahn- Eisenbahn, eine so genannte Tram-Train, ist eine lohnenswerte Sache.

  3. Werner Radermacher

    Eine gute Entscheidung, ein Vorbild für andere Großstädte in der EU. Die dringend notwendige Verkehrswende kann nur mit dem massiven Ausbau des ÖPNV gelingen.

  4. Dieter Leonard

    Im Jahre 2013 hat ein Bürgerentscheid in der Stadt Aachen die Pläne einer neuen Stadtbahn (Campusbahn), trotz breiter Unterstützung im Stadtrat, zunichte gemacht. Bei heutiger Bürgerbefragung würde das Ergebnis möglicherweise anders lauten. 10 verlorene Jahre für eine nachhaltigere Verkehrspolitik.

  5. Marcel Scholzen eimerscheid

    Guten Abend Herr Leonard.

    Sie scheinen nicht viel von direkter Demokratie zu halten. Das Volk ist der Souverän und nicht der Stadtrat. Der Schwarze Peter liegt doch eher beim Stadtrat, der das Volk nicht überzeugen konnte.

    So eine Straßenbahn ist durchaus sinnvoll. Ist sowieso kein Vergnügen, in der Stadt mit dem Auto unterwegs zu sein. Die Parkplatzsuche ist manchmal schwierig.

    Außerhalb der Städte wird man weiterhin auf das Auto angewiesen sein.