Lokal und digital? Über den Online-Handel in Ostbelgien

Paul Magnette wollte den Online-Handel abschaffen, die Arbeitsmarktreform stattet ihn nun mit neuen Möglichkeiten aus. Der Handel im Internet boomt, vor allem die Online-Riesen wie Amazon oder Zalando haben noch einmal besonders durch die Corona-Pandemie profitiert. Doch was bringt der Online-Handel dem lokalen Einzelhandel? Wie wird er in der DG umgesetzt?

Online-Shopping (Illustrationsbild: © Bildagentur PantherMedia / wabeno)

Illustrationsbild: © Bildagentur PantherMedia / wabeno

Heute bestellen, morgen abholen – so oder so ähnlich lautet das Versprechen des digitalen Handels. Schneller, einfacher und müheloser soll es sein.

Der Meinung war auch Rainer Thiemann, der Buchhandlungen in Eupen und St. Vith betreibt. Auch bei ihm kann der Kunde Bücher aus einem Online-Katalog bestellen und ins Geschäft liefern lassen. „Das war eigentlich eine ergänzende Möglichkeit, den Kunden etwas anzubieten“, erklärt er, „und auch einen Vorteil zu bieten, dass sie, wenn sie Bücher bestellen wollen, nicht unbedingt ins Geschäft kommen müssen, sondern dass sie das von zuhause auch machen können.“

Entstanden ist ein Hybrid-Modell. Auf der einen Seite gibt es noch das Geschäft vor Ort mit einer breiten Auswahl an Büchern. Auf der anderen Seite gibt es aber auch den Online-Katalog mit mehr als einer halben Million Artikeln. Hier greifen Rainer Thiemann und sein Team auf eine bereits bestehende Datenbank zurück. Die liefert den Kunden detaillierte Informationen. Auch das erklärt wohl den Erfolg des Modells.

„Die persönliche Beziehung spielt hier bei uns in der Gegend doch immer noch eine ganz große Rolle“, sagt Thiemann. „Das glaube ich, ist etwas, was unsere Kunden auch letztendlich schätzen: dass man eben auf der digitalen Schiene die Basisinformationen bekommt und trotzdem den Kontakt zum Geschäft halten will.“

Lokal und digital sind also auf keinen Fall widersprüchlich. Das findet auch William Gerkens. Vor knapp zwei Jahren rief er die ‚Einkaufszentrale Ostbelgien‘ ins Leben. Die anfängliche Idee, nämlich Großkunden aus dem Horeca-Sektor lokal zu beliefern, wurde schnell erweitert.

„Beim ersten Lockdown hatten wir uns überlegt: ‚Wir haben einen Webshop, der funktioniert für unsere Großkunden – warum den nicht auch für die Bevölkerung öffnen, damit die auch online lokal hier einkaufen kann?‘ Das war die Idee“, erklärt er. William Gerkens wollte eine Vitrine für den ostbelgischen Einzelhandel schaffen. Und mehr noch. Der Kunde sollte einfach online bestellen können – bei seinem Lieblingshändler. Egal ob Lebensmittel, Kleider oder Spielwaren.

Doch das Feedback blieb aus, nur wenige machten mit, wie Carmen Emonts erzählt. Sie war mit der Verwaltung des Projektes beauftragt. „Das Problem war, dass viele Händler das Potential nicht sehen oder auch von einer etwas älteren Generation sind und sich nicht mehr darauf einlassen wollten.“

Auch das Einpflegen der einzelnen Produkte habe viele Händler vor Probleme gestellt. Denn im Vergleich zum Büchermarkt musste hier die Datenbank erst noch erstellt werden. Wie sich zeigte, eine große Hürde. Das Projekt liegt aktuell auf Eis – und das obwohl bereits mehrere 10.000 Euro investiert wurden. William Gerkens hofft, dass die Einkaufszentrale durch eine eventuelle Unterstützung der DG neuen Aufwind erleben könnte. Denn von dem Potenzial sind die beiden weiterhin überzeugt. „Man sieht ja auch ganz viele lokale Produzenten nicht direkt“, meint Carmen Emonts. „Und wir haben ganz viele lokale Produzenten, die tolle Sachen machen, die sehr kreativ sind, aber leider nicht oft genug gesehen werden.“

Um genau diese Sichtbarkeit kämpft auch Alexandra Rauw aus Büllingen – und zwar mit ihrem eigenen Webshop. Den hat sie bereits 2019 selbst erstellt. Seitdem vertreibt sie über das Internet nachhaltig produzierte und schadstofffreie Kindermode. Bald soll dort die neue Frühjahrskollektion zu sehen sein. Später im Jahr folgt dann noch eine zweite Kollektion. Im Vergleich zu den großen Marken ein riesiger Unterschied.

Alexandra Rauw mit ihren "Models" (Bild: Jessica Jost)

Alexandra Rauw mit ihren „Models“ (Bild: Jessica Jost)

„Die Fast-Fashion-Produzenten haben zwölf bis 24 Kollektionen im Jahr“, weiß Alexandra Rauw. Da kann ich gar nicht mitspielen. Das könnte ich gar nicht entwerfen. Die neuen, die Ultra-Fast-Fashion, haben 7.000 bis 8.000 neue Styles pro Tag. Da kann ich nicht mitspielen. Möchte ich aber auch nicht. Für mich ist die Zukunft, dass man eher auf Qualität geht, anstatt auf Masse.“

Doch das reicht noch nicht aus, um im World Wide Web aufzufallen – der Markt ist hart umkämpft. So kooperiert Alexandra Rauw inzwischen mit einer deutschen Plattform, die ihre Kleidungsartikel führt. Daneben findet man ihre Waren auch bei dem ein oder anderen ostbelgischen Einzelhändler. Die passende Lösung, denn ein eigenes Geschäft wäre einfach zu viel, so die gelernte Modedesignerin, so dass der Online-Markt für sie nicht mehr wegzudenken ist.

„Ohne die anderen Plattformen, wo ich online auch vertreten bin, auch in Deutschland, würde es nicht rotieren“, sagt sie. „Der Einzelhandel ist ein großes Standbein, aber ich brauche halt beide. Mit einem Bein kann ich nicht lange stehen bleiben. Ich brauche beide Beine, um lange stehen zu können.“

Lokal und digital – das muss sich also nicht ausschließen und kann funktionieren. Ein garantiertes Erfolgsrezept – das zeigen Beispiele – ist die Kombination aber nicht.

Andreas Lejeune

Ein Kommentar
  1. Ralf Zilles

    Gute Erfahrungen haben wir mit der Buchhandlung Idea in Eupen gemacht: Man sieht irgendwas im grenzenlosen Internet und dort kann man es ohne großen Aufpreis bestellen, auch z.B. auf englisch.