Sommerferien in unserer Region: Die Kapelle in Wiesenbach

Zwei Skandalbilder, ein Kreuzweg in arabischer Sprache und viele offene Fragen - die Geschichte der Kapelle Wiesenbach ist alles andere als langweilig. Sie gilt nicht nur als das älteste und kunsthistorisch bedeutendste Denkmal Ostbelgiens, sie ist auch ein nach wie vor genutztes Gotteshaus, in dem geheiratet, getauft und beerdigt wird.

Kapelle Wiesenbach (Bild: Michaela Brück/BRF)

Die Kapelle Wiesenbach gilt als das älteste und kunsthistorisch bedeutendste Denkmal in Ostbelgien (Bild: Michaela Brück/BRF)

Josef Dries kennt die Kapelle in Wiesenbach wie seine Westentasche. Von Kind an ist er mit der Kapelle verbunden. Trotz seiner Stimm-Probleme führt er immer wieder Besucher durch die Kapelle – mit viel Wissen und Leidenschaft für die Geschichte des über 1000-jährigen Ortes. „Auf dem Tor zum Friedhof steht ‚Wisibronna‘. Es ist der christianisierte Name von Wiesenbach und heißt ‚der geweihte Brunnen'“, erklärt Dries.

„Der erste Name war Wisonbronna, das bedeutet ‚Brunnen der Gottheit Wisona‘, eine römische Fruchtbarkeitsgöttin.“ Und sie wurde an diesem alten Quellheiligtum verehrt.

Es gibt wohl nichts über die Kapelle Wiesenbach was Josef Dries nicht wüsste. Schon als Kind war sie für ihn wie ein zweites Zuhause. Seine Mutter war hier Küsterin. Das Elternhaus steht nur wenige hundert Meter entfernt. Und auf dem Friedhof liegen seine Vorfahren. Er gilt als der älteste Ostbelgiens. Schon vor dem Jahr 1000 wurde hier beerdigt. Im Innern der Kapelle sogar schon im 9. Jahrhundert.

Seinen besonderen Charakter verdankt der alte Friedhof auch der Trockenmauer, die im letzten Jahr restauriert wurde. Diese hatten vielleicht auch schon die hohen Gerichtsherren im Blick, die sich einst hier versammelten.

Neben der Eingangstür steht auch der vermutlich älteste Schiefergrabstein aus dem Steinbruch von Recht: ein Grabstein für einen Rittmeister aus dem 17. Jahrhundert.

Die Geschichte und den Wert ihrer Kapelle lernen die Wiesenbacher erst so richtig kennen, als sie 1976 ihr 1100-jähriges Bestehen feierten. Mit dem Geld, das dabei eingenommen wurde, wollte man das Kapellchen renovieren. Und dann kam die große Überraschung zum Vorschein: Wandmalereien aus dem Mittelalter. Eine seltene Perle hatte Königin Fabiola die bis dahin unbekannten und noch intakten Fresken bei ihrem Besuch im Juni 1989 genannt.

Und dann machte Josef Dries Anfang der 80er Jahre selbst eine erstaunliche Entdeckung: ein Altarbild. Warum aber war das Bild versteckt? Darum ranken sich viele Vermutungen. Doch die eines Fachmanns scheint Josef Dries plausibel: Es war ein Skandalbild.

Das zweite Skandalbild hing davor und hängt jetzt an der Seitenwand der Kapelle. Es ist die sogenannte Jesusrutsche. Das Bild von der Verkündigung, auf dem das Jesuskind als leiblich geschaffenes Kind zur Gottesmutter herunter kommt, widersprach der katholischen Lehre.

Josef Dries führt Besucher durch die Kapelle Wiesenbach (Bild: Michaela Brück/BRF)

Josef Dries führt Besucher durch die Kapelle Wiesenbach (Bild: Michaela Brück/BRF)

Viele Rätsel birgt die Kapelle Wiesenbach noch. Woher stammt der Kreuzweg in arabischer Sprache, der seit Generationen hier hängt? Und niemand weiß, wie er hierher kam. Ein Andenkenbildchen aus Jerusalem brachte Josef Dries auf den Gedanken: Es könnte der Einsiedler gewesen sein. „Josef Goenen hat die Einsiedelei Anfang 1800 gebaut. Er ist viel gereist und sogar während einer Reise im Zug an einem Herzschlag gestorben“, weiß Dries. „Er könnte die Bildchen eventuell von einer Pilgerreise mitgebracht haben.“

Die Faszination für die Kapelle lässt Josef Dries auch nach so vielen Jahren nicht los. Und er weiß: Eines Tages wird er hier auch seine letzte Ruhestätte finden. „Ich möchte im Schatten der Kapelle beerdigt werden. Es ist mein Zuhause, und wird auch mein Zuhause bleiben.“

Die Kapelle Wiesenbach ist im Juli und August jeden Tag geöffnet, nach den Ferien immer am Wochenende. Und wenn die Tür doch mal zu sein sollte: Beim Nachbarn gegenüber bekommen interessierte Besucher den Schlüssel.

Michaela Brück

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6 Kommentare
  1. Josef DRIES

    Frau Michaela BRÜCK,
    Herzlichen Dank und Lob für diese Reportage. Das Resultat hat mich sehr erfreut. Hiermit haben auch Sie sehr zur Aufwertung unseres Kulturdenkmals mit beigetragen. Unsere altehrwürdige St.Bartholomäus Kapelle dankt Ihnen für diese spontane und geglückte Darstellung. Positive Kommentare sind mir zu Ohren gekommen. Zu dem “ Kapellchen“ und der Einsiedelei wären noch viele interessante Details zu erzählen und zu fotografieren.

  2. Ludwig Dries

    Vielen Dank für diesen hervorragenden Bericht über die Kapelle in Wiesenbach und die Anerkennung, die Sie meinem Bruder Josef verliehen haben, der so hart daran arbeitet, diese historische Kirche für alle zu erhalten!

  3. Franz Hirtz

    Vielen Dank, lieber Josef, für diesen interessanten Bericht. Schade, dass mein Bruder Otto nicht mehr lebt und das hören kann. Immerhin hat er als Kind mit seiner Klasse und Lehrerin in Wiesenbach in Evakuierung gelebt. Alles Gute, Franz Hirtz de Aix la Chapelle

  4. Arno Bourggraff

    In den achziger Jahren als ich und meine Familie in Wiesenbach wohnte, waren wir oft in der Kapelle zur Sonntagsmesse.
    Sehr gut kann ich mich an den Besuch der Königin Fabiola errinnern.
    Recht herzlichen Dank an Josef Dries für seinen Einsatz

  5. Henri Ledur Eicher

    Super intresand lieber vetter josef

  6. Helmuth KREMER

    Lieber Josef, unsern Glückwunsch zu der Reportage über die Kapelle in Wiesenbach und Hut ab vor Deinem Einsatz. Unser Professor für Kunstgeschichte an der Universität in Löwen schwärmte schon in 1962 von dieser Kapelle, ihrer Lage, dem Friedhof , der Mauer und der einmaligen Atmosphäre. Umso unverständlicher ist es also, dass unsere Gemeindeverantwortlichen anscheinend mit dem Gedanken spielen, in direkter Nähe der Kapelle mehrere Wohnhäuser oder Appartements errichten zu lassen! Vielleicht finden sie den Mut, sich gegen den Zeitgeist zu stemmen und sich noch einmal auf alte Werte zu besinnen.

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