„Die Kongolesen waren nicht auf Unabhängigkeit vorbereitet“

Zum 60. Jahrestag der Unabhängigkeit der früheren belgischen Kolonie Kongo spricht der aus Goma stammende Père Jean de Dieu Batenderana Ruvamwabo im BRF über die Geschichte und über die aktuelle Situation seines Heimatlandes, über die Rolle der Kirche und die Lage in Sachen Corona.

Pater Johannes, Jean Batenderana

Pater Johannes (Archivbild: Lothar Klinges)

In unserer Gegend ist er besser bekannt als Pater Johannes. Er stammt aus Goma, im Osten des Kongo, und ist Pfarrer von Lontzen und Herbesthal. Vorher war er von Manderfeld aus in der Seelsorge in Büllingen und Bütgenbach tätig.

Das Schweigen brechen

Die öffentliche Diskussion um die koloniale Vergangenheit erlebt Pater Johannes (Jahrgang 1964) mit Erleichterung: „Ich bin froh, dass es endlich zur Sprache kommt, von beiden Seiten: Kongolesen, die hier leben, aber auch von Belgiern, die bisher vermisst haben, dass darüber geredet wird.“

Was den Umgang mit den Statuen von Leopold II. betrifft, die im Zuge der Protestbewegung gegen Rassismus und Diskriminierung mit roter Farbe beschmiert und besudelt wurden, will Pater Johannes den Vandalismus nicht gutheißen. „Aber es bricht das Schweigen über die Situation. Die Leute sahen keinen anderen Spielraum und haben sich so geäußert.“

Kirche als Anlaufstelle

In seinem Heimatland, der Demokratischen Republik Kongo, zeigten die Politiker für eine solche Auseinandersetzung kein ehrliches Interesse, sagt Pater Johannes: „Sie machen ihre Geschäfte“. Dafür sieht der Karmeliter Ordensbruder, der in Deutschland studiert hat und vor seiner seelsorgerischen Tätigkeit als Prior gewirkt hat, die anerkannte Kirche in einer wichtigen Rolle: „Es werden im Moment viele Gebete organisiert. Und so wird die ganze Situation im Lande mitgetragen.“

Auf die Rolle der Missionierung während der Kolonialherrschaft geht Pater Johannes nicht näher ein, beschreibt aber, wie sie eine wichtige Anlaufstelle für das Volk sei: „Sei es in der Bildung, sei es in der Gesundheit … Die Kirche hat sogar eine gewisse Oppositionsmacht. Die Menschen glauben jedenfalls mehr an das, was die Kirche tut, als an die Politiker, die etwas sagen, aber das Gegenteil tun. Und die Kirche macht etwas – das kann man sehen. Sie zeigt einfach Interesse am Wohlbefinden der Bevölkerung.“

Zum Scheitern verurteilt

„Man muss leider sagen, dass sich nichts geändert hat. Ausbeutung und Gewalt sind immer noch an der Tagesordnung“, stellt Pater Johannes ernüchtert fest. Mit der plötzlichen Unabhängigkeit am 30. Juni 1960 unter Premierminister Patrice Lumumba waren viele Hoffnungen verknüpft, aber er wurde bald festgesetzt, schließlich verhaftet und ermordet.

„Die Kongolesen waren nicht auf die Unabhängigkeit vorbereitet worden“, sagt Pater Johannes, „um die Verantwortung übernehmen zu können.“ Aus seiner Sicht wurde sein Land von Belgien „im Stich gelassen“. In dieses Vakuum stießen Männer wie Joseph Désiré Mobutu und später andere: „Sie haben nach dem Modell der Kolonialzeit weiterregiert. Das ist aber zum Scheitern verurteilt.“

Begierden von außen

Wegen seiner Bodenschätze weckte das Land Begehrlichkeiten: „Ausländische Mächte haben ein Interesse daran, dass die Regierung im Kongo schwach ist. Sie beeinflussen auch die Wahlen. Und so hat das Land kaum Chancen, aus der Krise herauszukommen.“

So sei das Land immer noch nicht befriedet: „Der Wille zum Frieden ist nicht da auf Seiten der Politiker. Sie nutzen die Situation aus und füllen sich die Taschen. Auf Egoismus lässt sich nichts Gutes bauen.“

Erfahrung mit Viren

Im März war Pater Johannes zuletzt in seiner Heimat – als gerade die Corona-Pandemie auch dort ausbrach: „Da bin ich schnell zurückgekommen, ehe es keine Verbindung mehr gab. Die Leute hatten aber weniger Angst vor dem Coronavirus als vor dem Hungertod, denn sie haben keine Reserven. Die Regierung hat einfach die anderswo genutzte Maßnahme der Ausgangssperre eins zu eins übertragen – aber das funktionierte nicht.“

Die Zahl der Fälle sei bislang nicht so hoch: Ende Juni listet die Johns-Hopkins-Universität im Kongo 7.000 bestätigte Fälle von Covid-19 und 170 Tote. „Das Virus verbreitet sich nicht so rasch wie in Europa, aber die Leute müssen aufpassen“, sagt Pater Johannes.

„Meine Heimatstadt Goma war noch vor zwei Jahren von Ebola betroffen, darum hatten die Einwohner schon eine gewisse Erfahrung im Umgang mit Viren. Und es fiel ihnen nicht schwer, Maßnahmen einzuhalten. Aber in der Hauptstadt Kinshasa, wo sie keine Erfahrung damit haben, schreitet die Epidemie rasch voran.“

Stephan Pesch

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Ein Kommentar
  1. Marcel Scholzen eimerscheid

    Pater Johannes hat vollkommen Recht mit seinen Ansichten.

    Meiner Meinung nach war die „Unabhängigkeit“ ein Vorteil für die „Weißen“. Es war kostengünstiger einen Diktator in einem formal unabhängigen Land zu bestechen und mit ihm Geschäfte zu machen als verantwortlich zu sein für Millionen Menschen im Kongo. Man kann es auch überspitzt ausdrücken, dass Belgien vom Kongo unabhängig wurde weil es eben ein Problem weniger hat.

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