Friedensnobelpreisträger Mukwege in Lüttich: Kongress über sexualisierte Kriegsgewalt

Wie kann man Frauen und Mädchen eine Zukunft geben, die Opfer sexualisierter Kriegsgewalt geworden sind? Mit dieser Frage beschäftigt sich ein Kongress in Lüttich. Prominentester Teilnehmer ist Dr. Denis Mukwege. Eine besondere Würdigung war am Mittwoch auch die Teilnahme von Königin Mathilde an der Eröffnung des Kongresses in der Universität Lüttich.

Bild: Jean-Louis Wertz

„Danke für alles was Sie tun“ – die Worte der Königin sind nicht nur eine persönliche Würdigung für Denis Mukwege. Vor allem verschaffen sie dem Thema, das ihm so sehr am Herzen liegt, öffentliche Aufmerksamkeit: sexuelle Kriegsgewalt gegen Frauen und Kinder.

„Sexuelle Gewalt ist eine sehr gefährliche Kriegswaffe mit unvorstellbaren Folgen – sowohl für die Einzelnen als auch für die Familie und die Gemeinschaft. Leider wird dies in unserer patriarchalen Gesellschaft oft heruntergespielt oder sogar geleugnet“, sagt Dr. Denis Mukwege.

Um Formen und Auswirkungen sexueller Kriegsgewalt, therapeutische Möglichkeiten und Wege in die Zukunft geht es bei dem dreitägigen Kongress in der Uni Lüttich. Es ist der erste Kongress, den der neue internationale Lehrstuhl Mukwege ausrichtet. „Wir brauchen diese Plattform, um Fachleute verschiedener Disziplinen zusammenzubringen und die Fälle von Gewalt zu dokumentieren und zu analysieren. Wenn wir den Opfern sexueller Gewalt helfen wollen, reichen Emotionen nicht aus. Wir brauchen auch eine wissenschaftliche Dokumentation“, so Dr. Denis Mukwege.

Dafür setzt sich auch Véronique de Keyser ein. Die emeritierte Professorin ist Initiatorin des Lehrstuhls und des Kongresses. Ausschlaggebend dafür war ein Besuch im Januar 2015 im kongolesischen Panzi-Krankenhaus, wo Mukwege Opfer sexueller Gewalt operiert und behandelt. „Es war furchtbar, als ich das erste Opfer einer Vergewaltigung gesehen habe, das er operierte: ein acht Monate altes Baby. Im Laufe dieser Woche wurden noch zwei weitere Babies operiert“, erklärt Véronique de Keyser.

Seit 20 Jahren behandelt Mugwege Opfer sexueller Gewalt. Dafür hat er im vergangenen Jahr den Friedensnobelpreis erhalten. Für sein Engagement war dies eine wichtige internationale Unterstützung. In seiner Heimat Kongo wird er dafür mit dem Tod bedroht. „Meine persönliche Situation im Kongo hat sich nicht sehr verändert. Allerdings gibt es auf internationaler Ebene jetzt mehr Sichtbarkeit für das Thema. Ich werde in viele Länder eingeladen, um darüber zu sprechen. Das ist sehr positiv.“

Die medizinische Betreuung der Opfer reiche nicht aus, so Mukwege. Die Opfer bräuchten auch psychologische Hilfe sowie sozio-ökonomische und juristische Unterstützung. Aber auch die politische Dimension sexueller Gewalt dürfe man nicht außer acht lassen: „Sexuelle Gewalt wird angewandt bei ethnischer Säuberung oder um Menschen auch wirtschaftlich zu unterdrücken. Es ist wichtig, dass wir Erkenntnisse darüber gewinnen und die Tatsachen dokumentieren, um uns mehr Gehör zu verschaffen.“

Auch wenn die Zahl der Opfer nicht zurückgegangen ist, sieht Mukwege Bewegung im Kampf gegen sexuelle Kriegsgewalt. Beispiel die UNO-Resolution 2467: „Es ist die erste UNO-Resolution, die Kinder anerkennt, die aus Vergewaltigungen geboren sind. Das ist sehr wichtig. Wir haben heute große Probleme in Ländern wie Kongo oder Irak. Dort können Frauen, die vergewaltigt wurden, wieder in ihre Familien zurückkehren, nicht aber ihre Kinder. Diese Kinder, die sich diese Situation ja nicht ausgesucht haben, sind ohne Halt und Identität und dadurch Zeitbomben für unsere Gesellschaft.“

Im Kampf gegen sexuelle Kriegsgewalt und ihre Folgen sind Initiativen wie der Kongress in Lüttich eine wichtige Unterstützung für den Friedensnobelpreisträger Mukwege, der lange ein Einzelkämpfer war. Sie ermutigen ihn weiter zu kämpfen, damit Frauen und Kinder die grausame sexuelle Kriegsgewalt nicht mehr erleben müssen und ihre Peiniger bestraft werden – was bislang nicht der Fall ist.

Michaela Brück