Die 68er und Ostbelgien (Teil vier): Heute – Minderheit ohne Komplexe

1968 gehen Studenten auf der ganzen Welt auf die Straße - gegen Kriege, für mehr Bürgerrechte, gegen die alten Werte, für mehr Freiheit und Demokratie. Die Studentenproteste 1968 werden zum Symbol einer ganzen Dekade, stehen für einen radikalen Umbruch in der Gesellschaft. Wie haben sich die Ereignisse weiter entwickelt, was bedeuten sie heute noch?

Parlament der DG in Eupen

Bild: Julien Claessen/BRF

Keine großen Proteste, keine Kundgebung und keine Demo. 1968 war in Ostbelgien kein Revolutionsjahr. Aber es war Teil einer revolutionären Zeit, in der auch in Ostbelgien ein tiefgreifender gesellschaftlicher Wandel stattfand.

„In der DG war diese 68er-Bewegung kein momentanes, punktuelles Ereignis, sondern eine langfristige Entwicklung, die sich von Anfang der 60er Jahre bis mindestens Mitte oder Ende der 70er Jahre hingezogen hat. In dieser Zeit ist unglaublich viel angestoßen worden, auch im kulturellen Bereich. Und dadurch ist eine Dynamik entstanden, die die Gesellschaft Ostbelgiens bis heute mit prägt“, erklärt der Historiker Carlo Lejeune.

Die 68er waren keine einheitliche Bewegung, sondern viele kleine Bewegungen über die ganze Welt verteilt. Das gilt auch für Belgien. Und auch wenn die Ziele der einzelnen Bewegungen unterschiedlich waren, ihre Motive waren ziemlich ähnlich: der Drang nach mehr Mitspracherecht in der Gesellschaft, nach der Überwindung althergebrachter Strukturen, eines patriarchalischen Gesellschaftssystems und einer hierarchischen Politik und Wirtschaft.

„Auch hier in Ostbelgien wurde mehr Mitsprache eingefordert. Das musste natürlich in eine Autonomie einfließen. Dass das nicht von heute auf morgen umgesetzt wurde, sondern dass es Menschen gab, die zum Teil über Jahrzehnte für die Autonomie gestritten haben, ist klar. Die Autonomie von heute ist ihr Verdienst, wurde aber auch durch die innerbelgische Entwicklung ungemein befeuert“, so Lejeune.

Der Beginn der Autonomie. Das scheint das große Thema dieser Jahre zu sein. Die Autonomie haben die Deutschsprachigen nicht geschenkt bekommen. Sie haben dafür gekämpft und günstige Entwicklungen im Inland genutzt. Die Autonomiebegeisterung der Akteure von damals verwundert da nicht.

„Was traditionelle Parteien heute verlangen, dafür wurde man damals als Träumer oder Spinner dargestellt“, so Alfred Renardy. „Aber die Leute haben Recht bekommen und wir haben heute eine Autonomie mit allen Vor- und Nachteilen, die so etwas haben kann. Wir haben viele Sachen jetzt selbst in der Hand und das ist gut so.“

„Man hat ja mit der deutschsprachigen Gemeinschaft heute Einrichtungen, die so viel für die Bevölkerung bringen, dass sie sich selbst dessen gar nicht mehr bewusst ist. Und das tatsächlich nur dank der Autonomie“, sagt auch PDB-Mitgründer Lorenz Paasch.

Rückblickend fällt auf: Die Autonomie war immer umstritten. Wo allerdings in den 60ern die Kritik von außen kam, kommt sie jetzt auch öfter von innen. Für Historiker Carlo Lejeune „eine beliebte Diskussion, die heute zwischen den Generationen geführt wird. Die 68er beurteilen diese Autonomie aus dem Gefühl heraus, wie es gewesen ist, als man diese Autonomie nicht hatte. Und es war etwas, wo die Deutschsprachigen sich als Bürger zweiter Klasse gefühlt haben.“

„Ich wünsche mir, dass die Jugend sich wirklich mit dieser Entwicklung beschäftigt und feststellt, dass das, was sie heute haben, nicht von alleine gekommen ist. Dass es etwas ist, was man schätzen und weiterentwickeln soll“, fügt Paasch hinzu.

Und egal, wie man heute über neue Kompetenzen denken mag, sicher ist, dass das Mitbestimmungsrecht, das die Deutschsprachigen sich in der Vergangenheit erarbeitet haben, unser Selbstverständnis mitgeprägt hat. „Die Ostbelgier sind die belgischsten aller Belgier“, hört man manchmal.

Für Carlo Lejeune kommt das nicht von ungefähr. „Ich glaube, dass die Deutschsprachigen sich heute nur deshalb in einem so hohen Maß als Belgier fühlen, weil sie auch diese Teilhabe erhalten haben. Und ich glaube, wir sollten das auf jeden Fall pflegen und uns bewusst sein, dass Teilhabe ein wesentliches Element ist, das dann aber auch von uns fordert, Verantwortung zu übernehmen.“

Verantwortung übernehmen, das wollen die Deutschsprachigen heute weiterhin. Manche wollen sogar, dass die DG eine vierte Region in Belgien wird. Und für andere ist die Anerkennung der Deutschen Sprache in Belgien schon so selbstverständlich, dass sie die DG zu Werbezwecken nur noch Ostbelgien nennen. Man darf also durchaus gespannt sein, wie die Entwicklung der Autonomie in den nächsten 50 Jahren weitergeht.

Die 68er und Ostbelgien (Teil 3): Ostbelgien – Stille Revolte für mehr Selbstständigkeit

Anne Kelleter