Die 68er und Ostbelgien (Teil drei): Ostbelgien – Stille Revolte für mehr Selbstständigkeit

1968 gehen Studenten auf der ganzen Welt auf die Straße - gegen Kriege, für mehr Bürgerrechte, gegen die alten Werte, für mehr Freiheit und Demokratie. Auch in der Region passiert einiges. Neben den gesellschaftlichen Veränderungen ging es hier vor allem um die Autonomie der DG, die in den 60ern ihren Anfang nahm und uns bis heute beschäftigt.

Studenten der Uni Löwen im November 1967

Archivbild: Belga

Keine großen Proteste, keine Kundgebung und keine Demo. Wenn man die großen Ereignisse in den Städten betrachtet, könnte man meinen, die 68er wären am kleinen, ländlichen Ostbelgien spurlos vorbeigegangen.

Doch auch wenn hier niemand laut auf der Straße forderte, liegt in den 60er Jahren der Ursprung einer Entwicklung, die die Politik der DG und das Leben der Menschen hier noch heute dominiert, erzählt der Historiker Carlo Lejeune: „Anfang bis Mitte der 1960er war Ostbelgien von der Ausbildung her enorm rückständig. Das hatte mit dem Sprachgebrauch im Unterricht zu tun. Der Unterricht in rein französischer Sprache führte einerseits zu einer hervorragend zweisprachig ausgebildeten Elite. Andererseits wurde aber gleichzeitig hunderten von Jugendlichen verwehrt, überhaupt ein Mittelschuldiplom zu machen. Im Jahr 1968 haben dann mehrere Lehrer an der Bischöflichen Schule in St. Vith eine Streitschrift verfasst, in der sie für eine Demokratisierung des Unterrichtes eintreten. Die Muttersprache soll eine wesentlich wichtigere Rolle einnehmen. Das Thema beschäftigt die Gemeinschaftspolitik bis heute.“

Alles beginnt also beim Unterricht. Die Streitschrift von Alfons Thunus spricht vielen Deutschsprachigen aus dem Herzen, und die neue Lehrergeneration, mit den Erfahrungen aus den Universitäten im Inland, ist bereit, für die deutsche Sprache im Unterricht, aber auch darüber hinaus, zu kämpfen. Dabei gibt es eine deutliche Auseinandersetzung zwischen der Bischöflichen Schule in St. Vith und dem Collège Patronné in Eupen, erzählt der damalige Lehrer Lorenz Paasch: „In Eupen wurde unter den Lehrern grundsätzlich französisch gesprochen. Das war in den 50er Jahren in St. Vith auch so, aber nicht mehr Ende der 60er. Das hat damit zu tun, dass in Eupen Schüler und Eltern eher aus der Bourgeoisie kamen. In St. Vith kamen die meisten Schüler aus dem Arbeiter- oder Bauernmilieu. Nicht dass die dümmer gewesen wären; das hatte etwas mit der Mentalität zu tun.“

Und auch sein damaliger Kollege Alfred Renardy erzählt vom Streit um die Deutsche Sprache im Unterricht: „In der BS gab es ja zwei Lehrerzimmer, ein Lehrerzimmer, die waren pro Französischsprachig und die anderen waren die Aufmüpfigen, die wollten unsere Identität behalten. Das sind Sachen, die mich damals sehr stark geprägt und interessiert haben.“

Sowieso ist die strukturschwache Eifel damals in vielen Bereichen Vorreiter. Schon Mitte der Sechziger forderte dort die ‚Aktion heiße Eisen‘ mehr Mitbestimmung und mehr Arbeitsplätze, erklärt Carlo Lejeune: „Die ‚Aktion Heiße Eisen‘ war eine Aktion, in der Laien und Priester gemeinsam tätig waren, auf mehreren Ebenen. Der Kopf der Aktion war Ernst Servais, der als Motor der CAJ diese Bewusstseinsbildung vorangetrieben hat. Er hat dann Mitstreiter gefunden und dann haben sich daraus zwei Gruppen gebildet. Auf der einen Seite ging es um die wirtschaftliche Entwicklung und auf der anderen Seite auch um sexuelle Aufklärung und um eine Modernisierung der Kirche.“

Ende der 1960er bringen dann die Ereignisse im Inland den Stein endgültig ins Rollen. Die Regierung stürzt, die etablierten Parteien teilen sich nach Sprachgruppen, die Föderalisierung Belgiens beginnt. Das Mitbestimmungsrecht für die Deutschsprachige Minderheit war keine Selbstverständlichkeit, aber im Geiste der Zeit, mit dem Ruf nach mehr Mitbestimmung auf der einen und dem Sprachenstreit auf der anderen, nutzten die Deutschsprachigen ihre Chance. Aus den Forderungen des Unterrichtswesens wurden politische Forderungen: „Wenn man damals sagte, man sei für eine Loslösung von der Provinz Lüttich, was heute ja von allen gefordert wird, dann wurde man automatisch in die “Heim ins Reich” Ecke gesteckt. Alles, was Autonomie bedeutete, wurde da hin gesteckt“, so Lorenz Paasch.

„1968 hat Gerd Noel für die PFF einen ganz modernen Wahlkampf geführt, nach amerikanischem Vorbild, der im Grunde genommen gezeigt hat, dass auch die Partei der Ostkantone, die CSP, ihre Vormachtstellung in absehbarer Zeit verlieren würde, weil die Menschen ein Bedürfnis nach neuen Köpfen hatten und nach neuen Antworten auf die Frage, wie man denn künftig leben wolle“, so Carlo Lejeune weiter. „Zunächst muss man eine Grundhaltung haben und diese Grundhaltung war „liberté“ und „égalité“, also Freiheit und Gleichheit und diese Bevormundung durch eine Partei, die CSP, war nicht mehr zu ertragen“ sagt Lorenz Paasch.

Eine Erneuerung innerhalb der CSP scheitert. 1971 wird die PDB, die Partei der deutschsprachigen Belgier, gegründet. Ganz vorne mit dabei: Lorenz Paasch. „Das war eine schöne Zeit, sie war sehr abwechslungsreich und voller Engagement. Manchmal vielleicht sogar etwas zu viel Engagement, das hat einem persönlich nicht gut getan. Aber es herrschte eine Aufbruchstimmung, die sich dann in allen Bereichen fortsetzte.“

„Ich glaube, es ist wichtig, dass man sich auch vor Augen führt, dass in der 1971 gegründeten PDB gerade die jungen Kräfte sehr stark auf das Parteiprogramm eingewirkt haben. Und das waren junge Männer, die in Leuven studiert hatten und die sich gerade mit diesem Föderalismusgedanken auseinandergesetzt haben. Ich glaube das war für Ostbelgien ein ganz wichtiger Impuls“, erklärt Carlo Lejeune.

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Anne Kelleter

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