Sommerlager Backstage: Von Papierkram, Verantwortung und Vorurteilen

In der DG fährt mehr als jeder 40. Einwohner auf Lager. Als Teilnehmer, Leiter oder Koch machen sie Abenteuerurlaub fast vor der Haustür, erleben Gemeinschaft und lernen, Verantwortung zu übernehmen. Vorfälle und schwarze Schafe gab und gibt es auch hier, doch dass der Großteil der Jugendlager reibungslos abläuft, geht in der Berichterstattung und in der öffentlichen Diskussion darüber schnell unter.

Illustrationsbild: BRF

Das Sommerlager, eigentlich der Höhepunkt im Jahreskalender vieler Jugendgruppen, steht in diesen Wochen unter Beschuss. Zuerst der Tod eines flämischen Jugendlichen im Bütgenbacher See, dann ein Foto von angeblich betrunkenen Leitern in den sozialen Netzwerken und zuletzt ein Angriff von Anwohnern, bei dem ein Lager in Neufchâteau unter anderem mit Böllern beschossen wurde.

Der Tod des Jugendlichen im Bütgenbacher See war ein tragischer Unfall, das Foto, dass in sozialen Netzwerken heftig kritisiert wurde, hat sich als Fake herausgestellt. Der Angriff in Neufchâteau wurde nun sogar vom zuständigen wallonischen Minister, René Collin, verurteilt. Diese Beispiele zeigen: Auch wenn die Leiter der Jugendgruppen eigentlich gar keine Schuld trifft, sind sie die Ziele von öffentlichen und teils drastischen Vorwürfen und Unterstellungen. Dabei läuft der Großteil der Jugendlager reibungslos ab.

Wer einmal selbst abends oder nachts unter freiem Himmel am knisternden Feuer gesessen hat, der weiß, dass es nur wenige Momente im Leben gibt, an denen man sich noch freier fühlt. Ohne Eltern auf eigenen Beinen stehen, mit Gleichaltrigen unterwegs sein, Natur entdecken – das und viel mehr ist ein Lager.

Doch genau diese Selbstständigkeit bringt auch Konflikte mit sich. Schlagzeilen über abgebrochene Lager (wegen verdorbener Lebensmittel, versuchtem Wasser oder betrunkener Leiter) gibt es jedes Jahr. Solche Vorfälle gibt es, und sie werfen ein schlechtes Licht auf alle Jugendorganisationen, deshalb gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Regeln, die Sicherheit und Wohlbefinden aller Teilnehmer garantieren sollen.

Lagerplatzanmeldung, Autoversicherung, … – ganz schön viel Papierkram und Lauferei, die allerdings teilweise auch honoriert werden. Die DG bezuschusst die Lager aller anerkannten Jugendgruppen, wenn sie korrekt angemeldet sind und bestimmte Regeln erfüllen. Zum Beispiel: „Dass die Leiter ausgebildet sind, ist sehr wichtig“, erklärt die zuständige Ministerin Isabelle Weykmans. 2017 wurden mehr als 70 Lager mit insgesamt 1800 Kindern und 570 Leitern angemeldet. Zuschüsse in einer Gesamthöhe von 20.000 Euro werden verteilt.

Im Falle des Falles

Die Organisation eines Jugendlagers ist also schon im Vorfeld nicht ohne. Und während des Lagers geht es weiter, erklärt Daniel Brüll von der Regionsmannschaft der Pfadfinderbewegung „Les scouts“: Beim „Vorlager“ kümmern sich die Leiter darum, den Lagerplatz einsatzbereit zu machen und vor Ort wichtige Punkte mit den Verantwortlichen zu klären: Wie läuft die Abfallentsorgung, wie weit darf ich in den Wald hinein, …

„Beim eigentlichen Lager geht es dann darum, dass die Kinder eine tolle Zeit haben. Im Hintergrund laufen ganz viele Sachen ab: Die Küche kümmert sich ums Einkaufen, dass das Essen rechtzeitig auf dem Tisch ist und dass genug für alle da ist. Die Leiter haben natürlich die Hauptaufgabe, die Kinder zu animieren – nicht nur zu beschäftigen, sondern auch etwas Sinnvolles zu machen“, erklärt Daniel Brüll. „Und wenn etwas ist, was immer mal passieren kann – wenn zum Beispiel ein Kind krank wird, müssen die Leiter entsprechend reagieren.“

Dass die Jugendgruppen aus der DG diese ganzen Bestimmungen auch einhalten, wird regelmäßig kontrolliert. Stichprobenartig besuchen Mitarbeiter des Zentrums für die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen (Kaleido) die Lager aller Jugendgruppen aus der DG.

Vergleichsweise wenig Vorfälle

Trotz aller Vorsicht geschehen ab und zu Unglücke, Lager werden abgebrochen. Mal sind relativ harmlose Ursachen wie das Wetter oder Durchfallerkrankungen bei Teilnehmern schuld. Mal sind es dramatische Unfälle, wie der des flämischen Jugendlichen im Bütgenbacher See oder der Tod eines Jugendlichen bei einem Unwetter in Baden-Württemberg.

Vergessen wird dabei leider oft, wie viele Lager absolut problemlos verlaufen, meint Christian Recker von der KLJ. „Die Anzahl Lager in Belgien liegt im vierstelligen Bereich. Und dann gab es jetzt drei Storys, die auch noch ins Sommerloch fallen. Das Problem ist, dass dann eine Story einen sehr langen Schatten wirft.“

Ein langer Schatten, der laut Christian Recker zumindest nach seinen Erfahrungen hier in der DG nicht gerechtfertigt ist. „Ich habe das Gefühl, dass wir die Kinder in gute Hände geben. Dadurch, dass wir im direkten Gespräch sind, stelle ich fest, dass wir sehr gut aufgestellt sind. Das wird auch bei den anderen Jugendgruppen nicht anders sein. Schwarze Schafe kann man allerdings nie vermeiden.“

Alkoholexzesse vermeiden

Die meisten Vorurteile gegen Jugendlager werden allerdings nicht von Unfällen, sondern von Alkoholexzessen produziert. Hier sind es nicht unglückliche Umstände, die Grund für den Lagerabbruch sind, sondern die Leiter selbst. Einen Fall hat Daniel Brüll selbst mitbekommen. „Das war in einem französischen Lager unseres Verbandes. Der Einheitsleiter und die Verbandsequipe sind vor Ort gewesen und haben gemerkt, es klappt überhaupt nicht. Das Lager ist beendet worden und die Eltern haben es der Presse weitergeleitet. Dadurch wurden über 1700 Lager, die wir in dem Jahr veranstaltet haben, unter einen schlechten Stern gestellt.“

„Wir arbeiten mit Freiwilligen. Es wird sich nicht verhindern lassen, dass mal jemand Regeln bricht und über die Stränge schlägt. Aber der Großteil macht eine tolle Arbeit.“ Deshalb ist es auch um so ärgerlicher, wenn einige schwarze Schafe Negativschlagzeilen produzieren, die auf alle Jugendgruppen zurückfallen.

Um das zu verhindern, geben sich die Gruppen mittlerweile selbst eigene Bestimmungen, die den Umgang mit Alkohol regeln sollen. Prinzipiell verboten ist Alkohol nicht. „Wir empfehlen immer, dass man mindestens zwei Bobs hat. Einen, der Kinder begleiten kann, falls irgendetwas ist. Und einen, der im Lager für Ruhe sorgen kann und die Situation unter Kontrolle behält“, erklärt Christian Recker von der KLJ.

Schule fürs Leben

Alkoholexzesse, die die Fortsetzung des Lagers gefährden, sind also extrem selten. Eine wirkliche Herausforderung – besonders wegen der vielen Bestimmungen – ist für Christian Recker hingegen der Wissenstransfer von einer Leitergeneration zur nächsten.

Verantwortung tragen, Eigeninitiative zeigen und selbst entscheiden lernt man nirgendwo so gut wie in einer Jugendgruppe, davon sind die Leiter überzeugt. Egal ob man es nun wie die Pfadfinder ‚Projekt Mensch‘ nennt oder anders, das Ziel ist bei allen ungefähr dasselbe: Sie alle wollen ihre Mitglieder zu selbstständigen Mitgliedern unserer Gesellschaft erziehen.

Die Fehler einiger weniger auf alle Bewegungen auszuweiten, ist ungerecht. Denn insgesamt sind die Jugendorganisationen eine echte Stütze der Gesellschaft. Besonders in kleinen Regionen wie der DG, sagt auch Ministerin Isabelle Weykmans.

Text und Bilder: Anne Kelleter

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2 Kommentare
  1. Jean-Pierre DRESCHER

    Rauschmittel haben bei Minderjährigen nichts verloren. Basta!

  2. Ramscheid Bernard

    Warum sollten die Leiter eines Jugendlagers sich abends kein Bierchen gönnen dürfen? Bier(maßvoll genossen) ist kein Rauschmittel.

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