Vom Europäischen Traum zum Alptraum?

Unter dem Titel "Vom Europäischen Traum zum Alptraum?" hatten Deutschlandfunk und BRF am Mittwochabend in Brüssel zu einer Diskussion eingeladen. Die angesprochenen Themen reichten vom Brexit über Ceta bis zum Nationalismus.

v.l. Ursula Welter, DLF - Sir Graham Watson, ehem. EU-Parlamentarier - Prof. Emanuel Richter, Politikwissenschaftler RWTH Aachen - Pascal Arimont, EU-Abgeordneter - Prof. David Engels, Althistoriker ULB - Olivier Krickel, BRF

Was läuft in der EU schief und was gilt es zu ändern? Darüber diskutierten Europaparlamentarier und Wissenschaftler. Darunter auch der aus Eupen stammende Althistoriker Prof. David Engels von der Freien Universität Brüssel. „Ein besseres Europa müsste ein solidarisches und viel besser definiertes sein“, sagte Engels. Europa müsse seine Interessen stolz auch nach außen verteidigen. Die Interessen Europas in der Welt müssten mit einer einheitlichen Stimme wahrgenommen werden.

„Europa muss ganz wesentlich an der sozialen Kohäsion arbeiten, vor allem daran, dass alle Europäer ihre Zusammengehörigkeit – die es historisch gibt – auch als solche empfinden, und dies in Politik und Solidarität umsetzen“, sagt Engels.

Engels bescheinigt Europa also vor allem ein Identitätsproblem. Pascal Arimont hingegen, der ostbelgische EU-Abgeordnete hat für sich schon einen Aspekt gefunden, der für ihn typisch europäisch ist. „Wenn wir schon über Identität sprechen, gibt es ein Element, was mir immer sehr wichtig ist und in dem wir uns eigentlich auch immer sehr scharf von allem anderen in der Welt abgrenzen: Wir haben etwas entwickelt und sind dabei es aufzugeben – nämlich die soziale Marktwirtschaft.“

Bleibt noch die Frage, wie vermittelt man den europäischen Bürgern, dass es dieses vereinende Band gibt? Prof. Emanuel Richter von der RWTH Aachen warnt davor, es mit dem Holzhammer zu versuchen. „Mir ist überall noch zu viel Identitätskonstruktion drin in diesem Europa. Das sind so mühselige artifizielle Bemühungen, den Bürgern irgendwie den Zusammenhalt der Europäer deutlich zu machen. Diese Bemühungen halte ich wirklich für völlig müßig und sogar kontraproduktiv. Entweder haben wir einen Zusammenhang, der über eine gute Kooperation läuft und wir fühlen uns solidarisch oder wir haben ihn nicht. Ich denke, wir sollten uns im Moment auf die Kooperationsfelder zurückziehen, in denen es gut klappt“, so Richter.

Auch der Brexit war Thema der Diskussionsrunde in Brüssel, an der auch Sir Graham Watson teilgenommen hat. Er war und ist ein Brexit-Gegner und beklagt, dass niemand in Großbritannien weiß, wie es nun weiter gehen soll. Die britische Regierung habe keinen Plan und wolle auch über die Brexit-Details mit den eigenen Bürgern nicht diskutieren, so sei Vorwurf. Als leidenschaftlicher Europäer hofft er nun, dass die Regierungsstrategie „Wir wollen den Kuchen essen und gleichzeitig behalten“ im Sinne Europas nicht aufgeht.

 

okr/jp/mg - Fotos: Alexander Louvet

Kommentar hinterlassen
Ein Kommentar
  1. Marcel Scholzen Eimerscheid

    Der Europäische Gedanke wird sich erst dann endgültig etabliert haben, wenn er sich in einem bewaffneten Konflikt bewährt hat. So war es mit jeder politischen Idee. Beispielsweise mussten die Vereinigten Staaten auch erst den Amerikanischen Bürgerkrieg durchstehen und gewinnen, um zu einer Nation zu werden. Vorher waren die USA lediglich ein etwas besserer Staatenbund, der noch dazu in der Sklavenfrage und in der Kompetenzverteilung zwischen Bundes- und Staatenebene uneinig war. Nach dem Bürgerkrieg waren diese Fragen geklärt und die USA konnten zur Supermacht aufsteigen.

Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht!
Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien zu Kommentaren.

Restl. Anzahl Wörter: 150