Doel 3 und Tihange 2: Neustart?

Seit anderthalb Jahren sind die beiden Problemreaktoren Doel 3 und Tihange 2 nun schon außer Betrieb. An den Druckbehältern der beiden Meiler waren Mikrorisse entdeckt worden, so dass die Anlagen im März 2014 stillgelegt wurden. Nach Informationen der flämischen Rundfunk- und Fernsehanstalt VRT gibt es in dieser Akte nun aber eine spektakuläre Wendung.

Kernkraftwerk Tihange

Die VRT will aus „sicherer Quelle“ erfahren haben, dass Doel 3 und Tihange 2 wieder hochgefahren werden sollen – und das vielleicht sogar noch in diesem Jahr. Damit haben wohl die wenigsten Beobachter gerechnet, denn immerhin mussten die beiden Reaktoren ja schon zwei Mal wegen desselben Problems heruntergefahren werden. Das erste Mal war im Sommer 2012. Da hatte man die ominösen Mikrorisse in den beiden Druckbehältern entdeckt. Man hatte damals erstmals neuartige Ultraschall-Messgeräte eingesetzt und war dabei auf die Materialschwächen gestoßen – eben an den Reaktorkesseln von Doel 3 und Tihange 2.

Die beiden Meiler wurden heruntergefahren, um das Problem zu analysieren. Diese Prüfung war ein knappes Jahr später abgeschlossen. Man kam zu dem Ergebnis, dass die Sicherheit gewährleistet ist. Im Mai 2013 wurden die beiden Reaktoren also wieder angefahren. In der Zwischenzeit hat man aber weitere Tests durchgeführt. Und anscheinend muss es da wohl irgendwann einen beunruhigenden Befund gegeben haben. Jedenfalls wurden beide Reaktoren ein knappes Jahr später wieder vom Netz genommen. Und da haben sich viele wohl gesagt: Das war’s jetzt!

Das Kernforschungszentrum Mol war damals damit beauftragt worden, weitere Tests durchzuführen. Man hat Stahl genommen, der ebenfalls Materialschwächen aufweist, der also vergleichbar ist mit dem Stahl der Druckbehälter von Doel 3 und Tihange 2. Dieser Stahl wurde dann mit Teilchen beschossen. Man hat die Bedingungen simuliert, die in einem Reaktorkessel herrschen. Und dabei hat man festgestellt, dass sich das Material durchaus verändert. Die Mikrorisse beeinträchtigen die sogenannte Bruchzähigkeit des Stahlmantels in viel stärkerem Maße, als ursprünglich angenommen.

Das bestätigte seinerzeit auch Nele Scheerlinck, Sprecherin der Atomaufsichtsbehörde FANK. Die ersten Tests seien ziemlich schlecht ausgefallen. Experimente hätten gezeigt, so sagt die Sprecherin, dass der Stahl aufgrund der Mikrorisse viel anfälliger ist, als zunächst in der Theorie angenommen. Konkret: Anscheinend besteht dann die Gefahr, dass der Stahl „spröde“ wird.

Damals hat man es so verglichen: Es ist wie eine gefrorene Windschutzscheibe, auf die man kochendes Wasser schüttet. Das Glas kann dann bersten. Bei einer Notabschaltung passiert genau das gleiche: Da wird der Reaktor ja auch schnell runtergekühlt. Heißt also: Es besteht die Gefahr, dass der Reaktorkessel dann ebenfalls reißt. Und das war dann anscheinend auch der Grund, warum man die beiden Reaktoren dann im vergangenen Jahr wieder vom Netz genommen hat.

Wenn das, was die VRT meldet, jetzt aber stimmt, dass also die Reaktoren doch wieder angefahren werden sollen, stellt sich die Frage, ob die Messungen damals falsch waren. Wenn es noch im vergangenen Jahr geheißen hat, dass das Material bersten kann, warum ist das plötzlich nicht mehr so?

Der VRT-Kollege Luc Pauwels hat’s so erklärt: Es gibt tatsächlich Stahl, der bersten kann unter den eben erwähnten Bedingungen. Man hat aber auch Testreihen mit anderen Stahlblöcken durchgeführt, die auch Mikrorisse aufwiesen – und da ist das nicht passiert. Und die Wissenschaftler hätten jetzt geschlussfolgert, dass der Stahl der Druckbehälter von Doel 3 und Tihange 2 zu dieser Kategorie gehört, das Material würde also auch einer Notkühlung standhalten. Eine letzte Überprüfung durch ein amerikanisches Labor hat diesen Befund anscheinend gerade noch bestätigt…

Für einen Neustart braucht es am Ende aber auch noch grünes Licht von der Atomaufsichtsbehörde FANK. Laut VRT soll das in Kürze auch passieren, vielleicht schon in den nächsten Tagen. Eins ist sicher: Unsere Energieprobleme wären damit auf jeden Fall gelöst. Doel 3 und Tihange 2 liefern beide jeweils rund 1.000 Megawatt. Beide Reaktoren zusammen können fast ein Fünftel des belgischen Strombedarfs decken. Von einem möglichen Blackout würde dann wohl niemand mehr sprechen. Ob der Preis dafür aber in Ordnung ist, das sei mal dahingestellt. Wenn man sich daran erinnert: Vor ein paar Monaten hatte es noch geheißen, dass die Materialschwächen größer sind, als bislang angenommen und auch die Zahl war über Nacht sprunghaft gestiegen. Und das soll jetzt plötzlich alles in Ordnung sein…da bleibt vielleicht doch ein etwas mulmiges Gefühl.

rop/mg - Bild: Eric Lalmand (belga)

2 Kommentare
  1. Bernd Brauer

    Der Atommafia ist nichts heilig, nicht einmal die Sicherheit der Bevölkerung. Es werden solange Gutachten in Auftrag gegeben, bis das Ergebnis stimmt. man kennt das ja auch von Statistiken. Wie lange noch???

  2. Paul Velz

    Wir testen (und manipulieren unsere Testergebnisse) eben so lange, bis auch der letzte Doof uns endlich glaubt.

    In Sachen Verkehrssicherheit gaukelt dieses verlogene Pack dem Pöbel vollstes Verantwortungsbewusstsein vor, bei der Kernenergie genügen einige hundert Millionen und einige Gefälligkeiten seitens Electrabel, um alle Bedenken auf Seite zu schieben und die Gesundheit und das Leben von tausenden Menschen aufs Spiel zu setzen.