Keine Import-Sprache – ein Kommentar

Beim Königsbesuch am Donnerstag haben alle Redner das Verständnis des Königs für die Deutschsprachigen bzw. sein Einfühlungsvermögen in die Belange der Deutschsprachigen angesprochen. Das muss keine Errungenschaft der Neuzeit sein, denn die deutsche Sprache ist eng verknüpft mit dem Staat Belgien - und mit dem Königshaus sowieso.

BRF-Redakteur Frederik Schunck

BRF-Redakteur Frederik Schunck

Die deutsche Sprache ist nicht erst seit 1919, dem Beitritt der „Neubelgier“ – wie es damals hieß – eng verknüpft mit dem Staat Belgien.

Das mag verwundern, aber in das Verhältnis zwischen der deutschen Sprache und dem 1830 entstandenen neuen Staat fielen erst die Pickelhauben des ersten Weltkriegs und dann die Soldatenstiefel des zweiten.

Nach 14-18 war es aus mit der Sympathie für Deutschland und für die deutsche Sprache.

Und die war nicht von schlechten Eltern gewesen. Die ersten Festungen, die der neue Staat baute, über dem Maastal bei Namur, hatten sich gegen Frankreich gerichtet, vor dessen Machtgelüsten Belgien sich schützen wollte.

Und in Brüssel gab es eine regelrechte „Deutsche Gemeinschaft“, die sich auch so nannte bzw. so genannt wurde. Gemeint waren die Unternehmer, Banker, Professoren und Intellektuellen, die in der Hauptstadt des modernsten Staates im 19. Jahrhundert lebten, arbeiteten oder die unternehmerische Freiheit genossen, neben den politischen Freiheiten, weswegen die Revolutionäre in den deutschen Fürstentümern neidvoll auf Belgien blickten und es einen regen akademischen Austausch gab.

Deutsch war keineswegs geächtet, bei der Staatsgründung, als ein großer Teil des alten Herzogtums Luxemburg an das Reich des Königs der Belgier fiel: im Areler Land amtlich anerkannt, und noch 30 Jahre lang Unterrichtssprache, bevor das Französische sich als Leitsprache etablierte. Gottfried Kurth – der Historiker und katholische Lobbyist, nach dem in Lüttich, wo er lehrte, der Boulevard Godefroid Kurth benannt ist – konnte es nicht verhindern, um 1900, als er den „Deutschen Verein zur Hebung der Muttersprache im deutschredenden Belgien“ gründete.

Überspitzt ausgedrückt waren Deutsch und Französisch in den Anfangsjahren des Landes sozusagen die Sprachen von Elite und Oberschicht. Das Gros der Bevölkerung sprach Dialekte, grundweg eigenständige und verschiedenartige, eine oder zwei Tagesreisen weiter nicht mehr oder kaum verständlich, wallonische oder flämische. Das gehobene Niederländisch setzte sich erst später durch. Der König der Belgier sprach ohnehin Deutsch als seine Muttersprache, der spätere König Albert I. ebenfalls, war doch seine Mutter eine Hohenzollern und seine Gattin Elisabeth eine bayerische Herzogin. Ihren Sohn Leopold, der als „der Dritte“ den Thron bestieg, erzogen sie als Kind auf Deutsch.

Es ist also nicht so, dass Deutsch plötzlich durch den Versailler Vertrag „importiert“ worden wäre, durch die Neubelgier – unglücklicherweise vernichtete der Anlass des Vertrags – der deutsche Einmarsch und die damit einhergehenden Kriegsgräuel, die Zerstörung belgischer Städte und der Hunger, verursacht durch die Besatzer – jedes Weiterblühen der angestammten Sprache in Altbelgien.

Wenn also nun, durch die Autonomie, die deutsche Sprache ihren Platz im Lande hat, ist das mehr als erfreulich, und eigentlich sollte man es sogar sehen als eine gesamtbelgische selbstverständliche Kontinuität, als eine Rückkehr in die Gründerzeit.

Ohnehin, je mehr das auf die Sprache übertragene Feindbild der Zwischen-und Nachkriegszeit verblasst und durch etwa musikalische Momente wie Kraftwerk oder Tokyo-Hotel ins Positive verdreht wurde, wird das Interesse an der deutschen Sprache in Belgien wachsen, und die Attraktivität auch. Aktuelle Feindbilder (wie etwa in Griechenland aufgrund echter oder vermeintlicher Merkel-Diktate) drohen nicht, versteht sich die belgische Wirtschaft in großem Maße doch als Teil der deutschen Exportwirtschaft.

So schließt sich der Kreis, von 1830 bis jetzt, von Leopolds bis Philipps Zeit.

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3 Kommentare
  1. Ronny Ramscheidt

    Dass die deutsche Sprache in Belgien voll intergriert ist, ist ein absolutes Trugbild!! Firmen (insbesondere Energie- und Telekommunikationsunternehmen) schicken zwar ihre Rechnungen auf Deutsch, aber das war’s auch schon. Versucht man einen deutschsprachigen Kundenservice zu erreichen, heißt es oft: leider haben wir keinen deutschsprachigen Mitarbeiter! Bieten aber wohl solch eine Hotline an!!

    Ja, selbst die offiziellen Einrichtungen, Ämter halten sich nicht immer daran!

    Nein, Deutsch ist noch immer nicht ganz akzeptiert, denn jeder deutschsprachiger Belgier wird in der Wallonie oder Flandern für einen Deutschen gehalten!

  2. Frederik Schunck

    Vielen Dank für Ihr Interesse!
    Eine volle Integration der Sprache und der vollständige Respekt davor, bzw. die Defizite in diesen Bereichen sind ein wichtiges, aber anderes Thema als das von mir angesprochene. Dieses handelte davon, dass die deutsche Sprache historisch zu Belgien gehört – was die von Ihnen angesprochenen Mängel unterstreichen dürfte

  3. Holger Scheel

    Die von Ronny Ramscheidt beklagte geringe Stellung der deutschen Sprache in Belgien liegt natürlich auch an ihrem zahlenmäßig geringen Anteil von nur 0,7% der Gesamtbevölkerung. Dabei könnte der Anteil heute durchaus etwas höher sein, denn im Zuge der Einteilung Belgiens in Sprachgebiete gab es von Seitens der Innenminister Gilson und Vranckx Pläne, das heutige deutschsprachige Gebiet um Malmedy/Weismes zu erweitern und ebenso die plattdeutschen „altbelgischen“ Gemeinden von Voeren/Bleyberg im Norden bis zum Areler Land im Süden zu einem gemeinsamen deutschsprachigen Verwaltungsbezirk zusammenzufügen. Zur damaligen Zeit war Deutsch in den Gemeinden der heutigen communauté francaise noch deutlich stärker verbreitet. Ein entsprechend höherer Anteil Deutschsprachiger hätte natürlich Deutsch auch ökonomisch einen besseren Stand in Belgien verschafft. Aber das ist Geschichte. Die Bürgermeister wollten „gute Belgier“ sein und gaben an, alle „unilingue francais“ zu sein oder sein zu wollen. Nur der Kelmiser Bürgermeister Zimmer solle berichtet haben, wie die sprachlichen Verhältnisse wirklich gewesen seien. Wörtlich heißt es: „Beim Verlassen des Büros hat dann der Moresneter Bürgermeister zu Peter Zimmer gesagt: ‚ Ein Glück, dass du wenigstens da warst, um zu sagen, wie es wirklich ist.‘ Und auf der Heimfahrt sagte der Bürgermeister von Henri-Chapelle: ‚Ech jelöve, do hant vör en Dommhet gemakt.‘ “
    Nachzulesen in dem wirklich lesenswerten Buch von Hubert Jenniges „Hinter ostbelgischen Kulissen“.

    Beste Grüße aus dem rheinisch-westfälischen Grenzland!

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