Belgiens geografische Lage ist Segen und Fluch zugleich. Denn sie hat Belgien nicht nur materiellen und kulturellen Reichtum beschert, sondern auch immer wieder Krieg. Darunter hatte immer auch die Zivilbevölkerung zu leiden. Ein besonders brutales Beispiel dafür ist der Erste Weltkrieg, wie der deutsche Botschafter in Belgien, Martin Kotthaus erinnert:
"Zu Beginn des Ersten Weltkriegs gab es zahlreiche Übergriffe und auch Massaker an Zivilisten durch deutsche Truppen", so der Botschafter. "Ungefähr 5.500 Opfer gab es damals 1914. Es gibt hier in Belgien sieben sogenannte ‚Märtyrer-Städte‘ und dazu gehört unter anderem Dinant."
In der an der Maas gelegenen Stadt in der Provinz Namur und ihrer Umgebung verübten deutsche Truppen im August 1914 kaum vorstellbare Kriegsverbrechen. "In Dinant wurden über 670 Zivilisten an mehren Tagen und an mehreren Orten erschossen", führt Kotthaus aus. Die Deutschen ermordeten kaltblütig Männer, Frauen, Jugendliche, Kinder, sogar nur wenige Wochen alte Babies. Und sie zerstörten auch einen Großteil der Häuser.
Eine Bluttat, die sich natürlich tief ins Gedächtnis der Menschen eingrub, und an die sie nach dem Krieg auch erinnern wollten, unter anderem mit Denkmälern an die Opfer. Eines dieser Denkmäler, mit einem großen, kunstvoll gestalteten Bronzerelief, das die Hinrichtung der Zivilisten zeigte, wurde 1927 eingeweiht.
Allerdings sollte dem Denkmal keine lange Existenz gegönnt sein, schon 1940 marschierten die Deutschen ja erneut in Belgien ein. Und die neuen Machthaber nahmen auch die Gedenkstätten an das Massaker von Dinant ins Visier, wie der Bürgermeister der Stadt, Richard Fournaux, erklärt.
Die Bronze-Gedenktafeln wurden nämlich 1942 von den Deutschen gestohlen. Für die Waffenproduktion, was ja wohl der Gipfel gewesen sei, so Fournaux. Die verfügbaren Quellen schweigen sich über die genauen Beweggründe der Besatzer aus.
"Eins ist sicher", unterstreicht aber der Botschafter, "es gab einen Befehl, dieses Denkmal zu zerstören. Wenn man sich anschaut, welche Denkmäler alle zerstört worden sind, hat das sicher auch etwas damit zu tun, Geschichte neu zu schreiben."
Dinant war auch kein Einzelfall, die Nazis ließen während des Zweiten Weltkriegs zahlreiche Denkmäler zerstören, von den sonstigen Raubzügen in den besetzten Ländern ganz zu schweigen. Und wie so vieles andere verschwand so auch das Bronzerelief von Dinant ins Deutsche Reich, wo sich jede Spur verlor.
Im Gegensatz zu vielen anderen Fällen gibt es hier aber eine Art Happy End. Oder vielleicht sollte man eher von Glück im Unglück sprechen. Das Kunstwerk wurde nämlich nicht eingeschmolzen oder anderweitig zerstört. Jahrzehntelang schlummerte es unerkannt in Archiven verschiedener deutscher Museen in Berlin und überlebte alle Wirren des Weltkriegs und der deutsch-deutschen Geschichte. Bis es dank engagierter Recherchen auf beiden Seiten der Grenze und einer ordentlichen Portion Glück im letzten Jahr identifiziert werden konnte. Was die Tür öffnete für die Rückkehr nach Belgien.
Eine unglaubliche Geschichte, fasst der Bürgermeister von Dinant treffend zusammen. Und eine schöne Geschichte. Aber natürlich auch eine emotions- und erinnerungsbeladene Geschichte. Und ein wichtiger Teil der Erinnerungsarbeit. Nicht nur was Dinant oder Belgien oder den Ersten Weltkrieg betreffe, sondern weit darüber hinaus.
Dem pflichtet auch der deutsche Botschafter bei: "Und das ist auch gut so, dass wir uns damit beschäftigen und das nicht vergessen, damit wir verhindern, dass sich diese Sachen wiederholen. Und deswegen ist jeder Akt der gemeinsamen Erinnerung so wichtig und wird auch von uns sehr positiv begleitet und auch unterstützt."
Die Rückgabe des Bronzereliefs sei ein weiterer Teil des Mosaiks an Gedenken, Gemeinsamkeit, Verzeihen und gemeinsamer Verantwortung.
Boris Schmidt