Wo ein Wille, da ein Weg. Das gilt auch an der Ärmelkanalküste, wo Menschenschmuggler immer nach neuen Schlupflöchern suchen, um Migranten irgendwie nach Großbritannien zu bringen. Erst konzentrierte sich das Problem auf Calais und Dünkirchen. Man erinnert sich noch an die improvisierten Zeltlager rund um die französischen Häfen, in denen Flüchtlinge ausharrten und Nacht für Nacht versuchten, irgendwie auf einen LKW aufzuspringen, um dann als blinder Passagier nach Großbritannien zu gelangen. Als die Franzosen ihre Sicherheitsvorkehrungen verschärften, wichen die Menschenschmuggler auf Zeebrügge aus, wo sich dann die gleichen Szenen abspielten.
Doch inzwischen ist dieser Weg verbaut. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden drastisch verschärft. Neben Zäunen wurden auch Scanner installiert, die Flüchtlinge in Frachträumen sofort aufspüren können. "Wir haben in Zusammenarbeit mit dem britischen Grenzschutz und auch mit europäischen Stellen 30 Millionen Pfund investiert", sagte in der VRT Carl Decaluwé, der Gouverneur der Provinz Westflandern. "Und die Zahlen sprechen Bände. Wir hatten in Zeebrügge mal rund 7.000 LKW-Aufspringer pro Jahr. Jetzt ist die Zahl zu vernachlässigen."
Wer geglaubt hatte, dass das Problem damit gelöst sei, der hatte sich getäuscht. Nachdem die Häfen "zu" waren, wichen die Menschenschmuggler auf die Strände aus. Entlang der französischen Ärmelkanalküste setzten die Schleuser die Menschen buchstäblich auf Bötchen, um sie dann auf die Überfahrt nach Großbritannien zu schicken. Das Phänomen kannte man ja schon aus dem Mittelmeer. Und auch die Gefahren sind dieselben. Immer wieder kommt es zu tragischen Unglücken, bei denen Migranten ertrinken. Die genaue Zahl bleibt da im Dunkeln, das liegt in der Natur der Sache.
Die britischen Grenzschützer versuchten also erneut, das Problem an der Quelle zu lösen: Sie bezahlen den französischen Kollegen eine dreistellige Millionensumme, damit die dafür sorgen, dass eben keine Boote mehr von französischen Stränden aus starten können. Nach anfänglichen Schwierigkeiten scheint das Netz auf der französischen Seite immer dichter zu werden. Und - parallel dazu - weichen die Schleuser inzwischen immer häufiger auf die benachbarten belgischen Küstenabschnitte aus, um von dort aus ihre sogenannten "Smallboats" loszuschicken, kleine Schlauchboote, mit denen die Migranten den Ärmelkanal überqueren sollen.
Immer wieder liefern sich Menschenschmuggler Verfolgungsjagden mit der Polizei. Dabei geht es so heiß her, dass es regelmäßig zu Verkehrsunfällen kommt. Das Problem betrifft vor allem die Polizeizone Westkust, die die Gemeinden De Panne, Koksijde und Nieuwpoort abdeckt. Und dort scheinen die Schleuser jetzt wieder einen Gang höher zu schalten. Inzwischen setzen die Kriminellen sogar schon ehemalige irakische Soldaten ein, um die Boote vor der Polizei abzuschirmen, sagte in der VRT Nicholas Paelinck, Korpschef der Polizeizone Westkust. Diese Männer seien durchaus gewaltbereit und sie bedrohten auch offen die Polizei, was es den Beamten unmöglich mache, sich den Booten zu nähern, um sie etwa manövrierunfähig zu machen.
Tatsächlich gibt es Luftbilder einer Infrarotkamera, die die VRT veröffentlicht hat und die eine solche Szene zeigen. Es sind verstörende Bilder: Es wirkt fast schon, als würden diese Ex-Soldaten die Migranten und ihre Boote professionell eskortieren. Die Polizei kann nur machtlos zusehen.
"So kann es nicht weitergehen! Wir brauchen dringend Verstärkung von den föderalen Kollegen", so denn auch der Hilferuf der Polizeidienste an der Küste. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis erste Schüsse fallen, die französischen Kollegen hätten in einem improvisierten Zeltlager auch schon Kriegswaffen sichergestellt. "Ein erster Schritt wäre, die Küste systematisch zu scannen", ist Gouverneur Decaluwé überzeugt. Auf diese Weise kann man dann auch die Polizei viel gezielter einsetzen.
"Wir können das Problem in jedem Fall nicht so laufenlassen. Sonst entsteht ein Ansaugeffekt und wir sehen bald Zeltlager an unserer Küste."
Roger Pint