Schwarzfahren gibt es vermutlich schon so lange wie es Verkehrsmittel gibt, für deren Benutzung man ein Ticket kaufen muss. Das ändert natürlich nichts daran, dass das ein großes Problem ist - zunächst einmal wirtschaftlich. Schwarzfahren und andere Arten des Betrugs kosten die Bahn jedes Jahr Millionen Euro, erklärt Bahnsprecher Dimitri Temmerman der VRT. Dutzende Millionen Euro sogar. Es ist im ureigensten Interesse der SNCB, mehr Menschen zum Kauf eines Tickets zu bewegen.
Der Hauptgrund für die Abschaffung des Bordtarifs ist laut Bahn aber ein anderer: die Sicherheit des Zugpersonals. Denn es gibt immer mehr Aggressionen gegen die Mitarbeiter. Rund 2.600 gemeldete Fälle von Aggression gegen Zugpersonal gab es allein 2025, noch einmal eine deutliche Steigerung im Vergleich zum Jahr davor. Meistens ging es dabei um Diskussionen über Tickets, um Auseinandersetzungen, weil die Reisenden kein Ticket vorweisen konnten oder zum Beispiel nicht den Zuschlag von neun Euro für den Bordtarif zahlen wollten.
Die Regel sei denkbar einfach, so Temmerman. Jeder Reisende müsse vor dem Einsteigen ein gültiges Ticket haben. Mit der Abschaffung des Bordtarifs mache man das jetzt noch mal deutlicher, um wirklich jede Diskussion von vornherein zu vermeiden.
Ein Ticket muss ab dem 1. Juli vorab gekauft sein, sei es am Schalter, am Automaten, über die Webseite der SNCB oder die App. Wer trotzdem ohne Ticket im Zug erwischt wird, bekommt von den Kontrolleuren eine Strafe - in Höhe von 90 Euro, zahlbar binnen 14 Tagen. Andernfalls droht eine administrative Strafe von 250 Euro. Wiederholungstäter können sogar mit 500 Euro zur Kasse gebeten werden.
Was aber tun, wenn zum Beispiel der Automat mal wieder defekt ist und es keinen Schalter gibt beziehungsweise der Schalter zu hat? Nicht jeder habe schließlich ein Smartphone oder wisse, wie man damit ein Ticket kaufe, kritisiert etwa Peter Meukens vom Fahrgastverband TreinTramBus. Manche Menschen hätten zum Beispiel auch kein mobiles Internet. Die SNCB mache es sich da wieder sehr einfach, wenn sie sage, dass über 90 Prozent der Reisenden sehr wohl in der Lage seien, sich über das Handy ein Ticket zu kaufen. Aber das bedeute auch, dass zehn Prozent der Betroffenen das nicht könnten.
Die SNCB weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Kontrolleure normalerweise automatisch über nicht funktionierende Automaten in Kenntnis gesetzt werden. In so einem Fall sei vorgesehen, Reisenden ohne Ticket ein Kärtchen zu geben, auf dem der reguläre Preis für ein Ticket steht. Damit könnten sie ihr Ticket nachträglich binnen 14 Tagen bezahlen. Das könne dann aber bedeuten, dass die Betroffenen die gleiche Reise vielleicht nochmal machen müssten, nur um ihr Ticket zu bezahlen und eine hohe Buße zu vermeiden, so Meukens dazu. Hartgesottene Schwarzfahrer würden sich sowieso kaum die Mühe machen, im Nachhinein zu bezahlen.
TreinTramBus hebt außerdem hervor, dass viele ausländische Touristen ihre Tickets im Zug kaufen, zum Beispiel, weil sie das komplizierte Tarifsystem nicht verstehen. Auch ihnen sei die umständliche nachträgliche Bezahlprozedur kaum zuzumuten.
Sowohl der Fahrgastverband als auch die sozialistische Gewerkschaft bezweifeln außerdem, dass die Abschaffung des Bordtarifs tatsächlich zu weniger Aggressionen gegen Zugpersonal führen wird.
Boris Schmidt