Die Aufnahmen von Überwachungskameras, die Schienennetzbetreiber Infrabel regelmäßig zur Abschreckung veröffentlicht, lassen es einem kalt den Rücken herunterlaufen: Autos, die im Slalom um geschlossene Schranken herumfahren, Lkw, die trotz Stau auf die Gleise fahren, Jugendliche, die unter sich schließenden Schranken durch sprinten, Mütter mit Kinderwagen, die alle Warn- und Verbotssignale ignorieren. Und das sind wohlgemerkt alles nur Fälle, die glimpflich ausgegangen sind.
Aber leider ist das nicht immer so: Auch im letzten Jahr hat es wieder 29 Unfälle an belgischen Bahnübergängen gegeben, bestätigt Infrabel-Sprecherin Jessica Nibelle. Die traurige Bilanz: fünf Tote und zwei Schwerverletzte. Jedes dieser Dramen ist eins zu viel, unterstreicht Infrabel. Und dann sind da natürlich noch die Auswirkungen auf den Schienenverkehr insgesamt. Im Vergleich zum menschlichen Leid sicher vernachlässigbar, aber dennoch reden wir hier im Schnitt über fast zwei Stunden Verspätungen pro Tag durch Zwischenfälle an Bahnübergängen.
Es gibt aber auch Positives zu vermelden: Seit 2022 verzeichnet der Schienennetzbetreiber einen strukturellen Rückgang dieser Unfälle. Im letzten Jahr ist sogar ein historischer Tiefstand erreicht worden.
Dafür gibt es gute Gründe: Zunächst einmal arbeitet Infrabel daran, die Zahl der Bahnübergänge immer weiter zu reduzieren. Denn wo es Tunnel, Unterführungen und Brücken gibt, braucht man auch keine Schranken mehr. Und manche Bahnübergänge können auch einfach abgeschafft werden. Aber nicht immer sind solche Maßnahmen aufgrund der örtlichen Gegebenheiten möglich.
Und man sollte auch nicht vergessen, dass Belgien eines der dichtesten Schienennetze in Europa hat – und entsprechend auch sehr, sehr viele Bahnübergänge. Über 1.600 sind es aktuell noch. Pro Jahr baut Infrabel zehn bis 15 um beziehungsweise ab. Man sieht also schnell, dass uns die Problematik noch eine ganze Weile begleiten wird.
Da kommt dann die technische Aufrüstung ins Spiel: LED-Warnlichter an den Schranken, Kameras, die Hindernisse auf den Gleisen erkennen, auffällige Schachbrettmuster vor den Bahnübergängen, um die Menschen auch visuell auf die Gefahrenzone aufmerksam zu machen, mobile sogenannte Warnboxen, die akustisch Alarm schlagen, wenn jemand eine Lichtschranke unterbricht, zählt Nibelle auf.
Seit Anfang 2025 gibt es sogar eine eigene, kostenlose Notrufnummer, um Gefahrensituationen an Bahnübergängen zu melden, die "1711". Die Telefonnummer ist auch an den Andreaskreuzen gut sichtbar angebracht – zusammen mit der essenziellen Identifikationsnummer des Übergangs. Dank der 1711 habe man 2025 zwanzig Unfälle an Bahnübergängen verhindern können.
Alles Maßnahmen, die durchaus ins Geld gehen: Im letzten Jahr hat Infrabel zum Beispiel mit europäischer Hilfe über 50 Millionen Euro in sicherere Bahnübergänge investiert.
Aber alle technischen Maßnahmen helfen natürlich herzlich wenig, wenn sich in den Köpfen der Menschen nichts ändert. Deswegen setzt Infrabel selbstverständlich auch schon seit Langem auf Sensibilisierungskampagnen und analysiert die Profile der Unfallopfer. Die Statistiken zeigen zum Beispiel, dass in 90 Prozent der schweren Unfälle mindestens ein Fahrzeug involviert war.
Aber Fußgänger und Radler setzen ihr Leben eben auch noch zu oft leichtfertig aufs Spiel. Und ein weiterer Befund sticht heraus: Am häufigsten werden Anwohner Opfer solcher Unfälle -also Menschen, die glauben, die örtlichen Verhältnisse gut genug zu kennen, um die Gefahren richtig einschätzen zu können. Ein potenziell fataler Irrtum.
Boris Schmidt